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Deutsches Theater Berlin mit Camus' "Die Pest" in Siegen
Starkes Solo für Boidar Kocevski

Ein Text, ein Interpret, eine Bühne: Boidar Kocevski spricht alle Rollen in „Die Pest“. Leere Stühle stehen für tote Menschen: Ein Kinderstuhl demonstriert die Ungerechtigkeit des Todes der an Menschenkrisen unschuldigen Kinder.
  • Ein Text, ein Interpret, eine Bühne: Boidar Kocevski spricht alle Rollen in „Die Pest“. Leere Stühle stehen für tote Menschen: Ein Kinderstuhl demonstriert die Ungerechtigkeit des Todes der an Menschenkrisen unschuldigen Kinder.
  • Foto: Olaf N. Schwanke
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ne Siegen. Vorweg eine Metapher: Viele kennen sicher das ikonische Gemälde des Surreales und Absurdes thematisierenden René Magritte, der eine Tabakspfeife malte und darauf „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife) schrieb. Das Bild trägt aber den Titel „La trahison des images“ (Der Verrat der Bilder).Ob Albert Camus das 1929 entstandene Bild kannte, muss Spekulation bleiben, den Rezensenten der am vergangenen Wochenende dreimal aufgeführten Bühnenversion des 1947 vom Algerienfranzosen, Journalisten, Autor und Nobelpreisträger Camus veröffentlichten Romans „La Peste“ erinnerte die Inszenierung aber ein bisschen an die auch im Bild gemeinte Paradoxie der Interpretationssituation zurzeit.

ne Siegen. Vorweg eine Metapher: Viele kennen sicher das ikonische Gemälde des Surreales und Absurdes thematisierenden René Magritte, der eine Tabakspfeife malte und darauf „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife) schrieb. Das Bild trägt aber den Titel „La trahison des images“ (Der Verrat der Bilder).Ob Albert Camus das 1929 entstandene Bild kannte, muss Spekulation bleiben, den Rezensenten der am vergangenen Wochenende dreimal aufgeführten Bühnenversion des 1947 vom Algerienfranzosen, Journalisten, Autor und Nobelpreisträger Camus veröffentlichten Romans „La Peste“ erinnerte die Inszenierung aber ein bisschen an die auch im Bild gemeinte Paradoxie der Interpretationssituation zurzeit. Die im Maßstab aktueller Abstands- und Segregationsauflagen ausverkauften Aufführungen der Inszenierung des Regisseurs András Dömötör (Premiere war am 15. November 2019 in Berlin) gerieten zu einem eindrücklichen, lebendigen und trotz mimetischem Minimalismus emotional tiefen Erlebnis.

Stapelstühle und Konfetti

So suggestiv das Spiel (Dramaturgie: Claus Caesar, Meike Schmitz), so atmosphärisch der Ton (Martin Person, Musik: Lázló Bakk-Dávid), so sparsam die Beleuchtung (Peter Grahn) und so erdig der Einsatz der wenigen Requisiten (Bühne und Kostüme: Sigi Colpe, Requisite: Frederike Sailer): ein chromblitzender Standventilator, ein paar abgeranzte Stapelstühle, Konfetti. Alleiniger Schauspieler des gut 75 Minuten dauernden Dramas um einen (fiktiven) Pestausbruch Anfang der 1940er-Jahre im algerischen Oran war Boidar Kocevski: 1989 in Mazedonien geboren, in Heidelberg aufgewachsen, hält der viel gerühmte Schauspieler, der sechs Sprachen spricht, mit seiner behutsamen, gelegentlich jungenhaften und stets fein artikulierenden Stimme die Aufmerksamkeit. Bewundernswert die rein technischen Leistungen, die erforderlich sind, einen so komplexen Text, die immer schöne, doch gelegentlich literarische Sprache glaubhaft und textsicher und ohne mitspielende Stichwortgeber vorzutragen.
Zu sehen und zu hören: ein Monolog aus insgesamt 14 Rollen, die der Anzahl der Stühle entsprechen, die im Verlauf der berichteten Handlung auf die Bühne gestellt, bei einem menschlichen Verlust auf die Seite gelegt, in dramatischen Reden vom Mikrokabel gebündelt, weggezerrt, umgeworfen werden und verschiedene, gelegentlich sehr sportliche Sitzpositionen des Akteurs ermöglichen.

Camus' Pest ist gar keine echte Pest

Camus schrieb den Roman in Berichtform, tagebuchartig die Daten und Aufzählungen – und Boidar Kocevski spricht, kaum durch verschiedene Stimmhaltungen charakterisiert, die Monologe des ambitionierten Arztes Bernhard Rieux, die Dialoge, die Regieanweisungen, die Beschreibungen des Settings. Macht die Essenz der existentialistischen Parabel fast fühlbar, hebt den modernen Text, der mehr kann als oberflächliche Handlungsmuster in Krisenzeiten aufzuzeigen – leider ein Hauptgrund seiner aktuellen Renaissance – ins emblematisch Absurde hinauf, illustriert das Paradox, human und humanitär zu handeln und zu empfinden, entgegen der Gewissheit letztendlicher Sinnlosigkeit.
Camus’ Pest meint keine Krankheit, eben keine reale Pandemie viraler Art – daher die Magritte‘sche Pfeife –, sondern mit nach starken autobiografischen Bezügen eine Metapher für die ewig andauernde, nie gänzlich ausrottbare, aber stets mit allem Engagement zu bekämpfende Inhumanität, der einzig solidarische, ideologiefreie Altruismen etwas entgegensetzen können.

Dömötörs Inszenierung beschwört die Liebe

Dömötörs Inszenierung, Kocevskis Spiel heben den wie beschrieben modernen Text über das aktuell Plakative hinaus, erweitern unseren modischen Blick auf eine Parabel des Absurden. In bezaubernden Bildfindungen wird von der Überwindung des Nihilismus durch eine glaubensfreie wie absurde Formel erzählt, die ganz simpel lautet: solidarisches, helfendes Handeln nicht aus Eigennutz oder Ideologie, sondern aus – Liebe.

Autor:

Olaf Neopan Schwanke (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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