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Apollo-Theater bietet sich als abstandssicherer Ort an
"Stehen Raum bei Fuß"

Alles anders … auch im Apollo-Theater Siegen. Schwarze Hussen decken einen Großteil der Sitze ab. Statt 521 Personen können im Publikumsraum bis auf Weiteres 70 Menschen sitzen. Der Abstand zu Nachbar und Nachbarin bleibt gewahrt.
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  • Alles anders … auch im Apollo-Theater Siegen. Schwarze Hussen decken einen Großteil der Sitze ab. Statt 521 Personen können im Publikumsraum bis auf Weiteres 70 Menschen sitzen. Der Abstand zu Nachbar und Nachbarin bleibt gewahrt.
  • Foto: René Traut
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ciu Siegen. Man sieht sich … noch nicht im Apollo. Aber möglicherweise bald. Denn das Haus ist vorbereitet, hat Türen (zum Beispiel die zu den WC-Anlagen) geöffnet, hat Desinfektionsspender installiert, hat Sitzplätze und -reihen so auseinander gezogen, dass von Platz zu Platz jeweils mindestens anderthalb Meter Luft liegen. Der veränderte Saal präsentiert sich auf ästhetisch durchaus ansprechende Art. Denn zwischen den überwiegend mit schwarzen Hussen überzogenen Sesseln, genäht hat die Kostümabteilung, blitzen einzelne rote heraus: 70 plus zwei barrierefreie (statt sonst 521) Sitzgelegenheiten, von denen aus sich das Bühnengeschehen bis auf Weiteres entspannt und ohne ein Zuviel an Tuchfühlung verfolgen lässt.

ciu Siegen. Man sieht sich … noch nicht im Apollo. Aber möglicherweise bald. Denn das Haus ist vorbereitet, hat Türen (zum Beispiel die zu den WC-Anlagen) geöffnet, hat Desinfektionsspender installiert, hat Sitzplätze und -reihen so auseinander gezogen, dass von Platz zu Platz jeweils mindestens anderthalb Meter Luft liegen. Der veränderte Saal präsentiert sich auf ästhetisch durchaus ansprechende Art. Denn zwischen den überwiegend mit schwarzen Hussen überzogenen Sesseln, genäht hat die Kostümabteilung, blitzen einzelne rote heraus: 70 plus zwei barrierefreie (statt sonst 521) Sitzgelegenheiten, von denen aus sich das Bühnengeschehen bis auf Weiteres entspannt und ohne ein Zuviel an Tuchfühlung verfolgen lässt.

Theater als "abstandssicherer Raum"

Am Dienstag stellte Apollo-Intendant Magnus Reitschuster sein Konzept des Theaters als eines „abstandssicheren Raums“ der Presse vor und skizzierte in diesem, wie er sagte, „verantwortlich gestalteten Freiraum“ die Möglichkeiten, „den Weg in einen neuen, andersartigen kulturellen und gesellschaftlichen Alltag zu erproben“. Zum einen mit dem Angebot, das das Theater selbst in Zeiten wie diesen machen kann: zunächst vielleicht Lesungen, Diskurse auf dem Podium, später dann mit der Öffnung der großen Bühne (hier wird mehr Personal vonnöten sein, zwei Bühnenmeister, zwei Feuerwehrleute) auch Konzerte. Denkbar, so Reitschuster, wären durchaus Benefizveranstaltungen für die derzeit immens strapazierten Pflegekräfte, etwa gemeinsam mit der Philharmonie Südwestfalen.

Philharmonie Südwestfalen freut sich aufs Apollo

Bald wieder im Apollo spielen zu können – das würde Orchester-Intendant Michael Nassauer freuen. Auf SZ-Nachfrage teilt er mit: „In der Tat könnte ich mir vorstellen, dass wir uns flexibel an die Übergangsvariante anpassen würden. Sollte also der Plan des Apollos genehmigt werden, kann ich auf jeden Fall das Interesse der Philharmonie bekunden. Denn wir wollen für die Menschen spielen, und unsere Kunst basiert zum größten Teil nun mal darauf, dass man das live erlebt.“

Theaterspiel, das auf Kraft des Wortes setzt

Seitens des Apollos seien später dann auch Theatervorstellungen machbar, die „berührungslos ganz auf das Wort setzen“. Solche Inszenierungen wie „Iphigenie“ (Nationaltheater Mannheim), „Amphitryon“ (Schauspielhaus Bochum) oder „Onkel Wanja“ (Deutsches Theater Berlin), die vor allem auf die Kraft des Wortes setzen und allesamt schon im Apollo zu erleben waren.

Nutzbar für politische Gremien?

Neben dem künstlerischen Anspruch, dem sich das Apollo in der Corona-Krise vor allem analog stellt (so stießen die groß dimensionierten Zitate von Hölderlin und Bloch auf breiten Zuspruch), will das Haus auch seine gesellschaftliche Relevanz unterstreichen. Mit dem „kreativen technischen und organisatorischen Know-how“ könnte der Raum auch nutzbar sein für politische Gremien, Versammlungen von Institutionen und Vereinen, unterschiedlichste weitere Zusammenkünfte bis hin zu Trauerfeiern. „Wir stehen Raum bei Fuß“, sagt Reitschuster. Sobald die Politik grünes Licht gebe, Veranstaltungen auf Abstand durchführen zu können, sei das Haus binnen einer Woche startklar.

Bert Brecht: Theater als Lebensmittel

Wichtig ist dem Intendanten zu unterstreichen, welchen Stellenwert ein Theater gerade in Zeiten wie diesen hat. Anknüpfend am Brecht-Zitat „Das Theater gehört zu den Lebensmitteln“ hoffe er darauf, dass das Apollo bald wieder sein „Sortiment an kulturellen und geistigen Produkten offerieren“ kann. Reitschuster: „Das Theater lebt nicht vom ,Streamen‘, sondern vom lebendigen Austausch mit dem Publikum. Hier spielen Menschen für Menschen. Mit diesem Raum ist ein Anfang gemacht.“

Neue Spielzeit "rückwärts" planen

Weitergeleitet hat der Apollo-Intendant sein Konzept nicht nur an den geschäftsführenden Vorstand des Apollos und die Entscheidungsträger in der Region, sondern auch an den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon (bei der jüngsten Biennale in Siegen zu Gast), und an Klaus Kaiser, den Parlamentarischen Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Reitschusters Hoffnung: dass das Apollo – wir erinnern uns an 2018 und den Besuch der Bürgertheater-Delegation aus Gummersbach – erneut als Vorbild taugen möge.Ausblickend auf die kommende Spielzeit sagte Reitschuster, dass man diese „rückwärts“ plane. Also zunächst jene Veranstaltungen terminiere, die am Ende der Saison 2020/21 lägen, und sich allmählich an den Spätsommer 2020 herantaste.

Steffen Mues: "Notfalllösung"

Nachgefragt bei Siegens Bürgermeister Steffen Mues, ob aus seiner Sicht das Apollo ein Raum auch für die politischen Gremien der Stadt sein könnte, antwortet dieser mit Verweis darauf, dass ja nach den aktuellen gesetzlichen Vorgaben kaum Möglichkeiten für die Durchführung von Veranstaltungen bestünden:„Dieses Konzept mag für klassische
(politische) Vortragsveranstaltungen oder Ähnliches sehr gut sein. Für Ratssitzungen, die teilweise über viele Stunden dauern, bei denen die Mitglieder zwischendurch auch mal aufstehen (…) müssen, (…) ist es eher ungünstig.“ Und weiter: „Für Ratssitzungen ist es darüber hinaus deutlich sinnvoller, wenn die Mitglieder einen Tisch oder ein Schreibpult vor sich haben. All das ist im Apollo nicht gewährleistet. Das Theater wäre damit lediglich eine Notfalllösung, wenn andere Räume nicht zur Verfügung stehen.“ In der Siegerlandhalle, im Leonhard-Gläser-Saal (hier findet, wie im Lokalteil berichtet, die Ratssitzung am 6. Mai statt) oder in der Bismarckhalle könnten Gremiensitzungen allerdings auch in größerem Rahmen deutlich einfacher durchgeführt werden, so Mues, „Für Ratssitzungen benötigen wir darüber hinaus Platz für mindestens 100 Personen. Wir müssen schließlich auch mit der Öffentlichkeit planen. Ausschusssitzungen hingegen würden wir im Ratssaal in Geisweid unter Wahrung der Sicherheitsabstände durchführen können.“

Landrat Müller: Kreisausschuss im Kulturhaus

Auch Landrat Andreas Müller hat Reitschusters Angebot erhalten und zur Kenntnis genommen, könnte das Apollo bei künftigen Gremien-Termin in Erwägung ziehen. Kleinere Runden – wie der Kreisausschuss am 8. Mai – fänden in der Aula des Lÿz genügend Raum.

Kommentar:
„Der Mensch lebt nicht vom Supermarkt allein“ – das stand in großen Lettern auf dem „eisernen Vorhang“, der im Apollo Bühne und Zuschauerraum voneinander abriegelt. Als die Trennwand sich im Laufe der Präsentation einer Idee eines „abstandssicheren Raums“ langsam öffnet, ist das schon ein wenn auch kleiner, aber doch magischer Moment, der zeigt, was eine stimmige Inszenierung vermag: verblüffen, erstaunen, berühren. So etwas kann Theater. Und so etwas fehlt. SeitWochen. Nun mag man darüber uneins sein, ob nicht auch das Apollo seinem Publikum eine Art gestreamte Notversorgung hätte anbieten sollen, doch dass sich das Theater jetzt gerüstet zeigt, bald wieder von Mensch zu Mensch zu inspirieren, Reflexionen anzustoßen und zu ermöglichen, ist gut und not-wendig. Dass der Theaterleiter die Diskussion über „analoge oder digitale Formen“ letztlich allein „im Gespräch mit meinem Geschäftsführer, und der heißt Magnus Reitschuster“ führte, gibt freilich zu denken.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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