Kermani und Leggewie im "Ausnahmezustand"
Über Schönheit und Verzückung

Magnus Reitschuster (r.) dankte für den fünfmaligen „Ausnahmezustand“ mit Navid Kermani (l.) und Claus Leggewie.
  • Magnus Reitschuster (r.) dankte für den fünfmaligen „Ausnahmezustand“ mit Navid Kermani (l.) und Claus Leggewie.
  • Foto: Bärbel Althaus
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ba Siegen. In der Mitte des „Festivals der Abstände“ wurde am Donnerstagabend Abschied genommen von einem ganz besonderen „Ausnahmezustand“. Denn nach fünf anregenden Abenden mit dem Schriftsteller Navid Kermani und seinem kongenialen Gegenpart Claus Leggewie endete der gleichnamige Zyklus im Apollo-Theater Siegen mit dem Thema „Schönheit und Verzückung“. Dass Schönheit nicht nur auf Menschen bezogen werden kann, wurde schnell klar, als Kermani aus seinem Buch „Vierzig Leben“ einen Text „Von der Sehnsucht“ las, in dem das Objekt der Begierde ein blauer Liebherr-Kühlschrank war. Ein besonders prachtvolles Exemplar, das von der offensichtlich noch prachtvolleren Fachverkäuferin Frau Severin an den Mann, beziehungsweise an Holger, gebracht werden sollte. Mit Erfolg, sodass die Überlegung erlaubt sein musste, inwieweit das Urteil unseres Umfelds die eigenen Entscheidungen beeinflusst.

"Spiel mit dem ästhetischen Schock"

Dass die Schönheit ohnehin im Auge des Betrachters liegt, zeigt sich vor allem in der Kunst, die frühe Schönheitsideale „bewusst auf den Kopf gestellt“ hat, wie Leggewie betonte. Zur Veranschaulichung präsentierte er dem Publikum Fotografien von Edward Burtynsky aus seinem „Anthropocene Project“, die, obwohl sie zerstörte Landschaften zeigen, dennoch schön sind. So stellte sich die Frage, ob das Schöne und das Gute zwingend zusammenhängen müssen. Offensichtlich nicht, sonst hätte weder der Komponist Karlheinz Stockhausen die Angriffe auf die Twin Towers in New York als „größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat“, bezeichnet noch der Künstler Christoph Büchler auf der Biennale in Venedig ein 2015 vor Lampedusa gesunkenes Flüchtlingsschiff ausgestellt. Das provozierende „Spiel mit dem ästhetischen Schock“ zeigt, dass man schön und gut durchaus trennen kann.

Neil Young und Bob Dylan

Kermani schlug hier den Bogen zu dem Erleben, das die meisten Menschen als das Schönste empfänden, obwohl es von außen betrachtet einer der hässlichsten Momente sei – nämlich Sex, Liebe und Verzückung. Einen Zustand, den er als „fern von jeder Art von ästhetischer Qualität“ beschreibt, auch wenn er in der Literatur oftmals als schön dargestellt würde. Um dem schönen Schein etwas entgegenzusetzen, konfrontierte er anschließend die Zuschauer mit einem Auszug aus Neil Youngs Album „Arc“, einer wild anmutenden Klangcollage, die Bob-Dylan-Fan Leggewie nicht wirklich überzeugen konnte. „Dass die Klänge von ‚Arc‘ nichts bedeuten, ist ihr Geheimnis“, verrät Kermani in seinem Werk „Das Buch der von Neil Young Getöteten“. Gerade wegen ihrer Bedeutungslosigkeit könnten sie helfen, die Welt zu verlassen.Einen Zustand, den Claus Leggewie auf komplett andere Art erfuhr, als er kurzfristig unter „transienter globaler Amnesie“ litt, bei der man im wahrsten Sinne des Wortes „außer sich“ gerät und einen völligen Gedächtnisverlust erfährt. Der Moment der Selbstvergessenheit, in dem man sich selbst findet, könnte vielleicht der Zustand höchstmöglicher Verzückung sein. Ein Zustand, den vor allem Schauspieler erleben, wenn sie in einem „kalten Rausch“ mit ihrer Rolle verschmelzen, aber genau wissen, wo sie stehen, also gleichzeitig „in der Gegenwart sein und sie reflektieren können“.

Intendant freut sich über Erfolg

Obwohl den meisten Zuschauern diese Erfahrung wohl verwehrt bleiben wird, erlebten auch sie einen Moment der Verzückung, als sie völlig losgelöst die Erde als „Blue Marble“ und „Pale Blue Dot“ im Universum betrachten konnten. Dass sie mit Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden, passte perfekt zu diesem Abend, über dessen Erfolg Intendant Magnus Reitschuster sich freute: „Wenn wir jetzt nicht zeigen, dass wir wichtig sind, wann dann?“

Autor:

Bärbel Althaus (Freie Mitarbeiterin) aus Wilnsdorf

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