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Aus Kiew nach Siegen
Ukrainer geben Konzert im Apollo-Theater

Andrey Maslakov und Intendant Magnus Reitschuster stellen das Konzert ukrainischer Musiker im Apollo-Theater vor: Das Motto lautet „Der Ukraine ein Willkommen“.
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  • Andrey Maslakov und Intendant Magnus Reitschuster stellen das Konzert ukrainischer Musiker im Apollo-Theater vor: Das Motto lautet „Der Ukraine ein Willkommen“.
  • Foto: René Traut
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gmz Siegen.  Der Anruf kommt um 5 Uhr morgens: „Es ist Krieg!“ Noch halb im Schlaf kann Andrey Maslakov die Nachricht gar nicht richtig erfassen, springt aber aus dem Bett, ist in fünf Sekunden, wie er sagt, in seinen Kleidern, und stürmt mit seiner Frau in den Keller seines Hauses. Wie zur Bestätigung der Nachricht seiner Assistentin schlagen nämlich ganz in der Nähe seines Hauses in Kiew Bomben ein, Explosionen sind zu hören, das Haus bebt, in den Grundfesten erschüttert.
Es ist Krieg - mitten in Europa„Es ist Krieg!“, mitten in Europa, mitten im 21.

gmz Siegen.  Der Anruf kommt um 5 Uhr morgens:

„Es ist Krieg!“

Noch halb im Schlaf kann Andrey Maslakov die Nachricht gar nicht richtig erfassen, springt aber aus dem Bett, ist in fünf Sekunden, wie er sagt, in seinen Kleidern, und stürmt mit seiner Frau in den Keller seines Hauses. Wie zur Bestätigung der Nachricht seiner Assistentin schlagen nämlich ganz in der Nähe seines Hauses in Kiew Bomben ein, Explosionen sind zu hören, das Haus bebt, in den Grundfesten erschüttert.

Es ist Krieg - mitten in Europa

„Es ist Krieg!“, mitten in Europa, mitten im 21. Jahrhundert: Man kann es gar nicht glauben, sagt Maslakov nachdenklich im Pressegespräch im Siegener Apollo-Theater, wo der Bariton-Solist der Nationaloper Kiew, der in Augsburg studiert hat und entsprechend gut Deutsch spricht, zusammen mit Apollo-Intendant Magnus Reitschuster sein ungewöhnliches Projekt vorstellt, einen Abend mit „Ukrainischen und europäischen Arien und Liedern“ (Samstag, 14. Mai, 20 Uhr im Apollo-Theater).

Der Weg von Kiew nach Siegen

Wie aber kommt der Solist aus Kiew nach Siegen, mit einer Truppe von acht Solistinnen und Solisten? Und das mitten im Krieg? Das ist eine lange Geschichte, die in Kiew beginnt. Maslakov ist auch Regisseur und hat am Modern Music Theatre in Kiew einen „Fidelio“ inszeniert, Beethovens einzige Oper, die noch nie zuvor in der Ukraine aufgeführt worden ist. Sie feiert zwei Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine Premiere.
Die Freiheitsoper, die Beethoven in entfernter Anlehnung an Shakespeares „Cymbeline“ als ein Loblied auf Treue und eine Anklage gegen verbrecherischen Machtmissbrauch und politische Unterdrückung geschrieben hat, hat Maslakov in die Stalin-Zeit gesetzt, mit Stalin als Gewaltherrscher. Mit fast prophetischem Ausblick auf die Unterdrückung der Freiheit der Ukraine feiert sie am 22. Februar Premiere, am 24. Februar greifen die russischen Truppen an.

"Fidelio" mit aktuellen Anklängen

Maslakov hat die Dialoge zwischen den Arien ins Ukrainische übersetzt und mit Anspielungen auf die Lebenswirklichkeit in der Ukraine in der aufgeheizten und verunsicherten Zeit vor dem russischen Angriff versehen. Ohne zu ahnen, wie erschreckend existenziell der Kampf gegen Unterdrückung werden würde, betont Maslakov. Dass er aktuell war, wussten aber alle.
Zwei Tage nach den ersten Bomben und Explosionen ist der Regisseur wieder so „bei sich“, dass er ins Theater fährt und das Bühnenbild der „Fidelio“-Aufführung aus dem Gebäude holt: Der Einsatz für die Freiheit soll weitergehen, das ist klar. Das ist aus künstlerischer Sicht nur außerhalb der Ukraine möglich: Eine Einladung vom Theater Meiningen, die Inszenierung dort zu zeigen, ermöglicht die Ausreise nicht nur der Sängerinnen, sondern auch der Sänger, die ohne diesen Kulturaustausch natürlich Militärdienst hätten leisten müssen.

Deutsche Lieder und ukrainische Zwischentexte

Andrey Maslakov setzt sich wieder an die Texte, denn er findet es merkwürdig, wie er im Pressegespräch sagt, eine deutsche Oper mit ukrainischen Texten in Deutschland aufzuführen. Also übersetzt er sie mit seinen Adaptionen ins Deutsche und übt einen Monat lang in Zoom-Proben mit den Sängerinnen und Sängern, von denen keiner Deutsch spricht, die Texte zu sprechen, so dass sie verständlich sind.

Reitschuster hört vom "Fidelio"-Projekt

Magnus Reitschuster, der im Netz von dem Projekt Kiew-Meiningen gelesen hat, besucht die Aufführung in Meiningen und ist berührt: Die leichte Verfremdung durch den Akzent der Sprecher mache die Realität des Erlebten spürbar, berichtet er. Das gebe der Inszenierung eine besondere Wirkung – zusammen mit dem Thema der Unterdrückung, die Freiheit und persönliches Glück verhindert.

Spontane Einladung

Er ist so begeistert, dass er die Truppe um Maslakov einlädt, im Juni die „Fidelio“-Inszenierung in Siegen zu zeigen. Was Maslakov und sein Team auch vorhaben, wenn sie für die Sänger wieder eine Ausreisegenehmigung erhalten. Die aktuelle läuft bald ab, die Sänger müssen zurückreisen (der Militärdienst ruft). Sie beantragen aber wegen der Einladungen, die sie aus Siegen, Coburg und Heidelberg erhalten haben, sofort wieder eine Ausreisegenehmigung. Die Chancen stehen auch nicht schlecht, dass sie erteilt werden, schätzen Reitschuster und Maslakov: Die zuständigen ukrainischen Ministerien scheinen zu wissen, wie wichtig die Kultur für die Selbst- und Außen-Wahrnehmung eines Landes ist, fügt Reitschuster an. Der russische Präsident Putin scheint das auch zu wissen, wenn er mit den ukrainischen Städten auch deren Kultur zerstört … 

Konzert als Vorgeschmack

Da noch nicht ganz klar ist, ob das Opern-Gastspiel im Juni in Siegen stattfinden kann, wollen Maslakov und Reitschuster vorher schon auf jeden Fall die engagierten ukrainischen Künstler und die ukrainische Kultur vorstellen. In Form eines Arien- und Liederabends, bei dem neben Arien von Mozart und Verdi auch im Westen recht unbekannte Kompositionen von Marko Kropyvnytzkyi, Semen Hulak-Artemovsky. oder Mykola Lyssenko. auf dem Programm stehen.

Schicksale der Künstler werden vorgestellt

Zwischen den Beiträgen stellt Andrey Maslakov in kurzen Beiträgen die Mitwirkenden und ihre Schicksale vor: Es gibt keinen, der nicht vom Krieg betroffen wäre, weiß Maslakov, der nicht Freunde oder Verwandte verloren hätte oder der nicht von Zerstörungen betroffen wäre. Im Anschluss an das Konzert gibt es auch Gelegenheit zum Austausch mit den Künstlern. Doch es geht für Maslakov und seine Truppe nicht nur um das Bekanntmachen ihrer Kultur. Sie erleben, wie existenziell Kultur für sie persönlich ist, betont der Regisseur und Sänger. Er führt sehr ernsthaft am Ende des Gesprächs aus:

„Wir sind sehr privilegiert als Kulturschaffende, denn Kunst ist nicht nur Beruf und Berufung, sondern für uns Überlebens-Mittel. Konkret, geistig, moralisch und psychisch.“

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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