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„Und es war Flutlicht“: Apollo-Eigenproduktion im Leimbachstadion:
Vom Virus nicht vom Platz stellen lassen!

Fußball erhitzt die Gemüter, nicht nur zur EM, sondern auch und gerade, wenn es um den Lokalsport geht: Der „Käner“ (Andreas Kunz, l.) und der „Sportfreund“ (Martin Hofer) haben immer was zu streiten!
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  • Fußball erhitzt die Gemüter, nicht nur zur EM, sondern auch und gerade, wenn es um den Lokalsport geht: Der „Käner“ (Andreas Kunz, l.) und der „Sportfreund“ (Martin Hofer) haben immer was zu streiten!
  • Foto: Johanna Schirmacher
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jon - Nach sieben Monaten Pause: Frisches Stück von Magnus Reitschuster zum Auftakt des Freilicht-Festivals im Leimbachstadion: "Und es war Flutlicht"!
jon Siegen.   Aus sich rausgehen, das ist die Aufgabe eines Schauspielers. Auch das Apollo-Theater tat genau dies am Freitagabend, und zwar im und ins Siegener Leimbachstadion. Die abklingenden Inzidenzzahlen und das schöne Sommerwetter machten es möglich, dass Theater im Freien wieder  vor Publikum gespielt werden kann. Die Premiere von  Magnus Reitschusters neuer Produktion „Und es war Flutlicht“ zum Auftakt  des Freilicht-Festivals passte perfekt zur aktuellen Fußball-EM. Und seine Begrüßung ließ ahnen, wie sehr er sich diesen Moment herbeigesehnt hatte.

jon - Nach sieben Monaten Pause: Frisches Stück von Magnus Reitschuster zum Auftakt des Freilicht-Festivals im Leimbachstadion: "Und es war Flutlicht"!
jon Siegen.   Aus sich rausgehen, das ist die Aufgabe eines Schauspielers. Auch das Apollo-Theater tat genau dies am Freitagabend, und zwar im und ins Siegener Leimbachstadion. Die abklingenden Inzidenzzahlen und das schöne Sommerwetter machten es möglich, dass Theater im Freien wieder  vor Publikum gespielt werden kann. Die Premiere von  Magnus Reitschusters neuer Produktion „Und es war Flutlicht“ zum Auftakt  des Freilicht-Festivals passte perfekt zur aktuellen Fußball-EM. Und seine Begrüßung ließ ahnen, wie sehr er sich diesen Moment herbeigesehnt hatte. Der Abend war übrigens dem kürzlich so plötzlich verstorbenen Sportfreunde-Siegen-Mäzen Manfred Utsch gewidmet.

Tiefer Griff in die Klischee-Kiste

Von der gut besuchten Tribüne aus verfolgten die Zuschauer gebannt, was auf der kleinen Bühne direkt vor ihnen passierte. Reitschuster hatte sich ein witziges Stück einfallen lassen und tief in die Siegener und Siegerländer Klischee-Kiste gegriffen. Wenn zwei Fußballfans aufeinandertreffen, die jeweils einem anderen Verein die Treue halten, kann es schon mal knallen. So wie bei diesen beiden. Der eine ist ein Sportfreunde-Anhänger (stimmgewaltig: Martin Hofer), der andere (ausdrucksstark: Andreas Kunz) ist dem 1. FC Kaan-Marienborn zugetan. Alternde Männer neigen wohl zu festgefahrenen Ansichten: Testen ja, Impfen nein! Bitte keine Schwarzwälder Kirschtorte zum 70. Geburtstag, und erst recht kein Umzug von der Wohnung mit Blick ins Stadion an den Bigge-Strand, neuerdings bekannt als „Ufer der Getesteten“.

Schnelle Dialoge auf der Bühne

Die Dialoge auf der Bühne erinnerten zeitweilig an Tischtennis. Wie Ping-Pong-Bälle warfen sich die beiden Jünger der Lokalfußball-Liga die Brocken an den Kopf. Es gab Phasen, wo diese gar dramatische Dimensionen annahmen. Die dicken Bälle auf dem Rasen lagen bestimmt nicht zufällig dort.
Bilder überall: Herren streiten wegen Torten, trinken Rotkäppchen-Sekt aus Aschenputtel-Schuhen, und in den Kartons ist nicht das drin, was draufsteht. Zwischentöne kamen überraschend, wenn ein Clown für Unterbrechungen des Bühnenspiels sorgte oder ein Saiten-Spieler (Mario Mammone mit Melone und Riesen-Schlopp fast nicht wiederzuerkennen) in perfektem Timing mit den Dialogen auf der Bühne interagierte.

Viele  aktuelle Themen werden gestreift

Das Stück nahm sich auch Themen wie Korruption beim Fußball-Führungspersonal und Transfer-Gekungel vor. Geld, nicht Gott, schießt die Tore! Die Zuschauer erfuhren den Unterschied zwischen Sackgassen und Einbahnstraßen. Und ihnen wurde die Erkenntnis mitgegeben, dass am Fußball schon manches Menschliche zerbrochen ist, wie zum Beispiel das Kaffeeservice, das Frauenfußballmannschaften (wie gendert man dieses Wort?) anfangs noch als Siegprämie überreicht bekamen. An solchen Wunderlichkeiten ist natürlich das Patriarchat schuld!

Wird sie "Weltfußballerin des Jahres"?

Stolz ist der "Sportfreund" auf seine Enkelin Lena, die kurz vor der Wahl zur "Weltfußballerin des Jahres" steht, aber etwas scheinbar völlig Konträres studiert, nämlich „Gender Studies“. Der „Käner“, elegant im grauen Anzug mit Fliege, kam auch sonst nur schwer gegen seinen alten Freund, den Impfgegner, an, der sich nun doch das Virus eingefangen hatte. Sicherheitshalber, als hätte der Mann aus Kaan es geahnt, trug er Corona-Schutzkleidung, als sein Freund sich so echauffierte, dass er die Torte ins Gesicht seines Freundes warf.
Wo sonst als beim Fußball muss man sich dafür entschuldigen, wenn die „eigene“ Mannschaft gewonnen hat? Der "Käner" begab sich also zum Säubern, und der zweite Teil des Stücks begann. Enkelin Lena (selbstbewusst: Stefanie Winner) kam nicht im Auto, sondern im E-Mobil ins Stadion gefahren. Opa "Sportfreund" macht sich Sorgen um die Enkelin, die schon sehr genau weiß, was sie will, und stellt ihr laufend Fragen zu ihren „Trainern“. Sie philosophieren, bis das Flutlicht leuchtet, und umarmen sich zu guter Letzt doch noch, dem Virus trotzend, vollverhüllt in Folie.

Verkehrte Welt - nicht nur im Fußball. Oder?

Ja, früher war positiv positiv und negativ war negativ. Das ist heute kreuzverkehrt. Und dennoch: Lassen wir uns von diesem Virus nicht vom Platz stellen. Diese Botschaft des Stücks haben die herzlich applaudierenden Zuschauer sicherlich gerne mit nach Hause genommen!

Nachdenken über Freundschaft, Altern und neue Zeiten

 Nachdenken konnten die Zuschauer  auch über die beiden alternden Männer, deren Lebensinhalt Fußball ist, ob spielen oder zugucken. Er stellt  die Basis ihrer Freundschaft dar. Die gerät aber ins Wanken, weil der „Sportfreund“ sich davor fürchtet, aufs Abstellgleis an der Bigge geschoben zu werden, während der „Käner“ diesen Abschnitt des Lebens bereits für sich akzeptiert hat. Mit einem gewissen Neid (die Bundestrainerin lässt grüßen) schaut der „Sportfreund“ auf seine Enkelin, die für ihn neue Aspekte verkörpert: eine junge Frau spielt aktiv auf höchster Ebene Fußball! Seine Männerdomäne wurde durchbrochen, aber er kommt nicht drumherum, der Enkelin den Erfolg zu gönnen. Die gefühlvolle Umarmung der beiden am Ende des Stücks versöhnt beide Welten.

Autor:

Johanna Schirmacher (Freie Mitarbeiterin)

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