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"Ich muss mit auf Klassenfahrt...": Lena Greiner und Carola Padtberg lasen im Lÿz
Von Eltern, Helikoptereltern und Kampfhubschraubern

Carola Padtberg (l.) und Lena Greiner sorgten mit ihrem Buch „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen“ für Erheiterung, aber auch Fassungslosigkeit unter den Zuschauern im Kleinen Theater des Siegener Lÿz.
  • Carola Padtberg (l.) und Lena Greiner sorgten mit ihrem Buch „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen“ für Erheiterung, aber auch Fassungslosigkeit unter den Zuschauern im Kleinen Theater des Siegener Lÿz.
  • Foto: Bärbel Althaus
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ba Siegen. Das Kleine Theater im Siegener Kulturhaus Lÿz war bis auf den letzten Platz besetzt. Offensichtlich hatten es einige Eltern gewagt, ihre Kinder am Samstag für rund eineinhalb Stunden aus den Augen zu lassen, ohne wie ein Helikopter über ihnen zu kreisen, um einer Veranstaltung der Lÿz-Lit-Reihe mit dem vielversprechenden Titel „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“ zu folgen. Eine beachtliche Leistung, wie der Verlauf des Abends zeigte. Denn Lena Greiner und Carola Padtberg entführten ihr gebannt lauschendes Publikum in Welten, die zwar absurd erschienen, aber durchaus der Realität entsprachen, wie Erfahrungsberichte und Interviews mit Hebammen, Ärzten, Erziehern, Lehrern, Professoren, Arbeitgebern und Rechtsanwälten ergeben hatten.

ba Siegen. Das Kleine Theater im Siegener Kulturhaus Lÿz war bis auf den letzten Platz besetzt. Offensichtlich hatten es einige Eltern gewagt, ihre Kinder am Samstag für rund eineinhalb Stunden aus den Augen zu lassen, ohne wie ein Helikopter über ihnen zu kreisen, um einer Veranstaltung der Lÿz-Lit-Reihe mit dem vielversprechenden Titel „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“ zu folgen. Eine beachtliche Leistung, wie der Verlauf des Abends zeigte. Denn Lena Greiner und Carola Padtberg entführten ihr gebannt lauschendes Publikum in Welten, die zwar absurd erschienen, aber durchaus der Realität entsprachen, wie Erfahrungsberichte und Interviews mit Hebammen, Ärzten, Erziehern, Lehrern, Professoren, Arbeitgebern und Rechtsanwälten ergeben hatten.

Genug Stoff für drittes Buch

Der Auslöser, sich intensiv mit überfürsorglichem Verhalten zu befassen, war für die Autorinnen Padtberg und Greiner ein Text, den sie bei „Spiegel Online“ über das Phänomen „Helikoptereltern“ verfasst hatten. Die Reaktion darauf war überwältigend, und den Journalistinnen wurde so viel Material zugetragen, dass nach „Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag“ und dem nun im Lÿz vorgestellten Werk problemlos ein drittes folgen könnte. Zwar erscheinen die Geschichten völlig grotesk, doch ist im Grunde alles traurige Realität. Realität, die bereits in der Schwangerschaft anfängt, wenn wegen des Verzehrs von Rohmilchkäse der Schwangeren der Magen ausgepumpt werden soll oder über Frühförderung im Mutterleib durch das Vorlesen von Schiller nachgedacht wird.

Von Co-Sleeping und Nacktstillen

„Aus selbstbewussten Menschen werden ängstlich umherkreisende Rettungshubschrauber“, erklärt die dreifache Mutter Carola Padtberg und erheitert das Publikum mit der Erkenntnis, dass Co-Sleeping und Nacktstillen total wichtig fürs Bonding seien, weshalb auch die Heizung im Hochsommer auf Hochtouren laufen dürfe. Die Sicherheitsfreaks sind förmlich überall, so dass Erzieherinnen und Lehrer gegebenenfalls bei den „Kampfhubschraubern unter den Eltern“ damit rechnen müssen, dass ihnen der Anwalt auf den Hals gehetzt wird, sollten sie ungefragt eine Zecke entfernen oder eine schlechte Note geben. Kontrollmechanismen werden perfektioniert, Windeln markiert, um deren Wechseln zu überprüfen, es wird hinter Büschen auf dem Schulhof gelauert und per SUV die Verfolgung des Schulbusses aufgenommen. Dass zudem Klobrillen vorgewärmt werden, zeigt, welche Ausmaße der Eltern-Wahnsinn annehmen kann. So mutiert der Elternabend zum „Ritual des Grauens“, WhatsApp-Gruppen haben Hochkonjunktur, und eine Klassenfahrt veranlasst besorgte Eltern, den Bus bis Cinque Terre mit dem Privat-Pkw zu verfolgen.

Schürfwunde als "Worst-Case-Szenario"

Vor allem Notaufnahmen haben unter dem Verhalten überbesorgter Eltern zu leiden, die wegen Lappalien wie Schürfwunden oder einem verschluckten halben Eiswürfel ein „Worst-Case-Szenario“ inszenieren. Spätestens jedoch, wenn Eltern ihre Kinder in die Uni oder zur Arbeit begleiten, gilt es, die Reißleine zu ziehen und diesem Zeitgeist-Phänomen Einhalt zu gebieten, das wohl daraus resultiert, dass die Umwelt zunehmend als unsicher wahrgenommen wird und das Vertrauen in Institutionen wie Schule und Kindergarten fehlt. Experten sind sich sicher: Übermäßige Fürsorge hemmt die Entwicklung, denn Frust und ein klares „Nein“ sind durchaus auszuhalten.Der Brief einer Tochter an ihre Helikopter-Mutter rüttelt auf und zeigt eines: Motivation ist gut, Übermotivation wird zur Realsatire. Denn wie heißt es so schön: „Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man auch Schönes bauen.“

Autor:

Bärbel Althaus (Freie Mitarbeiterin) aus Wilnsdorf

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