SZ

Dr. Barbara Peveling ist Regionenschreiberin für Südwestfalen – auch in Coronazeiten
Von Paris aus die Region „entschlüsseln"

Dr. Barbara Peveling stand der SZ telefonisch in Paris für ein Gespräch zur Verfügung. Die Autorin und Wissenschaftlerin kann derzeit wegen der Covid-19-Gefahr als Regionenschreiberin nur virtuell in Südwestfalen unterwegs sein.
  • Dr. Barbara Peveling stand der SZ telefonisch in Paris für ein Gespräch zur Verfügung. Die Autorin und Wissenschaftlerin kann derzeit wegen der Covid-19-Gefahr als Regionenschreiberin nur virtuell in Südwestfalen unterwegs sein.
  • Foto: privat/Lou Peveling
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Paris. Zurzeit sitzt sie fest. Schaut in Paris aus dem Fenster und ist doch mit den Gedanken in Südwestfalen. Dr. Barbara Peveling hatte sich ihre Arbeit als „Regionenschreiberin“ anders vorgestellt. Als sie im vorigen Jahr eine von zehn schreibenden Kolleginnen und Kollegen wurde, die die NRW-Regionen über vier Monate hinweg erkunden sollten, hatte auch der ausschreibende Veranstalter, das Literaturprojekt „stadt.land.text. NRW“ keine Ahnung davon, in welch dramatischer Weise sich unsere Welt innerhalb der kommenden Monate verändern würde.Dennoch: Der Auftrag bleibt, aber die Vorgehensweise ändert sich.

pebe Paris. Zurzeit sitzt sie fest. Schaut in Paris aus dem Fenster und ist doch mit den Gedanken in Südwestfalen. Dr. Barbara Peveling hatte sich ihre Arbeit als „Regionenschreiberin“ anders vorgestellt. Als sie im vorigen Jahr eine von zehn schreibenden Kolleginnen und Kollegen wurde, die die NRW-Regionen über vier Monate hinweg erkunden sollten, hatte auch der ausschreibende Veranstalter, das Literaturprojekt „stadt.land.text. NRW“ keine Ahnung davon, in welch dramatischer Weise sich unsere Welt innerhalb der kommenden Monate verändern würde.Dennoch: Der Auftrag bleibt, aber die Vorgehensweise ändert sich. Die SZ wollte von der promovierten Ethnologin wissen, wie denn das Erkunden einer Region vonstattengehen kann, wenn Ausgangsbeschränkungen das Herumreisen, Eintauchen in die Region, Treffen von Menschen und Recherchieren vor Ort fast unmöglich machen. Wieder erwies sich dabei die Videotelefonie als eine gute Sache.

Ethnologin hätte sich Arbeit anders gewünscht

„Gut machen kann man gerade gar nichts“, meint die Wissenschaftlerin und Autorin, die seit zehn Jahren in Frankreich lebt. „Ich hätte mir diese Zeit als Regionenschreiberin anders gewünscht.“ Ihre Arbeit bestehe deshalb momentan aus Improvisation, „wer weiß, wie lange?“ Startplatz für die Arbeit ist nun der Schreibtisch, die Straßen sind die Datenautobahnen im Internet, und das Sightseeing muss über die Internetseiten von Orten erfolgen. „Das macht es schwierig“, sagt Dr. Peveling, denn die Rechercheorte wie Museen, Archive oder andere Institutionen, die historisches Wissen horten und anbieten, sind derzeit geschlossen und im Minimalbetrieb. Dennoch betreibt sie einen Blog auf der stadt.land.text-Seite, in dem sie mittlerweile vier lange Beiträge veröffentlicht hat, die sich mit einem sehr eigenen sprachlichen „Sound“ zwischen Erinnerung, literarischer Reflexion und Information bewegen.

stadt.land.text ermöglicht Verlängerung

Von Anfang März bis zum Beginn der vorigen Woche war sie noch in der Region, fuhr nach Altena, Lüdenscheid, Olpe, Herscheid und Siegen, dann zwang sie die Entwicklung zur Rückkehr. „Jetzt wären eigentlich Freudenberg und Attendorn drangewesen“, bedauert sie die Einschränkung. Vier Monate Zeit hat Barbara Peveling für ihr Porträt von Südwestfalen (Titel: „Möglichkeiten einer Region“) – nicht einfach, nun der Region wirklich nahezukommen. Aber Südwestfalen, genauer: Siegerland und Olpe, ist der Mutter von drei Kindern vertraut: Geboren wurde sie 1974 in Siegen, lebte einige Jahre in Olpe und zog dann als Teenager ins Rheinland nach Bonn, wo sie ihr Abi machte. Und von da aus zog es sie in viele Teile der Welt. „Ich denke, dass ich einen Monat dranhängen werde“, überlegte sie, stadt.land.text habe den Autorinnen und Autoren ein entsprechendes Angebot gemacht.

Leser mit Außen- und Innenbild konfrontieren

Wie will sie diese Begegnung mit der Region gestalten, was soll erreicht werden? „Meine Auseinandersetzung sollte eine Führung der Leser durch die Region sein“, erzählt an bestimmten Orten, an denen „die Erinnerungs- und Gedächtnisarbeit stattfindet“. Sie wolle die Leserinnen und Leser „mit einem Außen- und einem Innenbild konfrontieren“. Und diese doppelte Sicht erlebt sie als sehr gespanntes Verhältnis. So stellt sie fest, dass es im Siegerland zwar ein großes Interesse an der Geschichte gebe, aber auch „viel Frust“ bei denen, die sich damit beschäftigen. Denn es bleibe ein Gefälle, „es wird viel getan, aber es kommt nicht über die Region hinaus“. Dafür, so konstatiert sie etwas provokativ, fehle „das Selbstbewusstsein“. Das Siegerland und selbst das Oberzentrum gebe sich „eher modest (bescheiden), man zeigt sich nicht so nach draußen“.

Mutter Dagmar hatte in Siegen eine Galerie

Damit wolle sie die Leser konfrontieren, aber auch darüber hinausführen und zeigen, welche Fähigkeiten, welche kreative Substanz bei den Menschen vorhanden sei, z. B. in der Kunst. Gleichzeitig sei diese Arbeit auch eine biografische, führt sie aus. „Ich habe mich um dieses Stipendium beworben, weil ich einen Roman über meine Familie schreiben wollte.“ Und die war in der Region verwurzelt: Der Großvater Unternehmer aus Olpe, ihre Mutter Dagmar Peveling begründete in Siegen eine Galerie – „ich habe gar nicht das Außergewöhnliche ihrer Arbeit in der Stadt wahrgenommen, weil ich im Bildungsbürgermilieu zu Hause bin“. Darin, erklärt sie engagiert, zeige sich etwas Typisches, das zum Gefälle der Innen- und Außensicht in ganz Südwestfalen gehöre: „Innen geht es sehr intellektuell zu, außen soll kein Aufwand betrieben werden.“ So habe sie z. B. herausgefunden, dass die Burg Altena bereits mehrere hundert Jahre gestanden habe, bis sie überhaupt erstmals dargestellt und damit in einem größeren Rahmen wahrnehmbar wurde.

Mit Roland Barthes "die Struktur" entschlüsseln

„Die Gegend ist ein dem Menschen zu entschlüsselnder Text“, schreibt sie in einem ihrer Blogeinträge mit Bezug auf den einflussreichen französischen Philosophen Roland Barthes, dessen Methoden und Erkenntnisse für ihre Arbeit wichtig sind. Was entschlüsselt sie an der Region? „Die Struktur“, antwortet sie. Es helfe ihr dabei, dass sie aus der Region komme. Sie „liest“ Verhalten, Selbstverständnis, kulturelle „Eigenheiten“ wie Speisen oder Trachten und bringt sie in einen neuen Kontext, der sie den Leserinnen und Lesern anders erschließen soll.

Spurensuche aufgrund von Erinnerungen

„Erinnerungen sind bei der Entschlüsselung das höchste Gut“, betont sie – persönliche wie regionale, biografische wie geschichtliche, die in Tiefen und Untiefen führen, so z. B. die NS-Zeit. Die erkundet sie aufgrund ihrer eigenen Erinnerungen neu, begibt sich auf Spurensuche, will wissen, was alte Vorurteile sind und wo sich neue rechte Dynamiken abzeichnen. Auch ihre eigenen Erinnerungen würden durch diese Arbeit „entzerrt“, sagt sie. „Ich habe immer gedacht, ich komme aus einer erzkatholischen Gegend. Aber das war ja lediglich Olpe, rechts und links davon war’s protestantisch.“ Und es werde ihr jetzt erst bewusst, wie viele Erinnerungen „in meinem Habitus existieren, weil ich aus der Region komme“. So wird die regionale „Entschlüsselungsarbeit“ auch eine sehr persönliche!

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen