Eintauchen in eine Märchenwelt
Wandbild des Künstlers Kuhmichel "gerettet"

gmz Geisweid. Der Fuchs links unten in der „Märchenrunde“ reckt den Hals und schaut sehr verlänglich nach oben, wo ein großer Rabe mit selbstzufriedenem Grinsen einen Käse im Schnabel hält. Aber nicht mehr lange … Rechts unten wartet ein gekrönter Frosch auf seine Chance, der Königstochter hinterherzuhüpfen, während die böse Hexe gerade Hänsel und Gretel die Türe zu ihrem Knusperhäuschen öffnet.

Die sieben Zwerge beweinen Schneewittchen in seinem Sarg, und der Jägermeister, mit Rotkäppchen an seiner Seite, greift gerade nach den Wackersteinen, um den Wolf zu erledigen und die Großmutter zu retten, während die Bremer Stadtmusikanten markerschütternd musizieren und Rübezahl, auf seinen Stock gestützt, sich das muntere Treiben anschaut. Und inmitten all dieser Geschichten sitzt Jesus, umringt von Kindern, die ihm vertrauensvoll zuhören.

Kunst am Bau im ev. Kindergarten auf dem Schießberg

Dieses Mosaik, „Jesus und die Kinder“ geheißen, ziert seit 1957 einen Raum im ev. Kindergarten auf dem Schießberg. Der Siegerländer Künstler Hermann Kuhmichel hat es als Schmuck für den Kindergarten geschaffen, der von dem mit ihm gut bekannten Architekten Günter Reichert entworfen wurde, der auch Teile der Bebauung des Schießbergs verantwortet hat. Das Wandbild, für das auch ein Aquarell-Entwurf existiert,

ist eine heitere, (für Kuhmichel ungewöhnlich) unbeschwerte Darstellung der bekannten Märchen, Sagen und Fabeln, die einer geübten Erzählerin oder einem versierten Erzähler viele Anlässe gibt, die Geschichten nacherlebbar zu machen und in die Welt der grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen einzutauchen, die in den alten Geschichten transportiert werden.

Gelungene Komposition

Die einzelnen Märchenszenen sind um die zentrale Erzählerfigur mit ihren kleinen Zuhörern herum angeordnet.

Die Einzelfiguren Froschkönig, Rübezahl und Fuchs und Rabe ebenfalls. Sie sorgen für zusätzliche Tiefe in der Komposition: Rabe und Fuchs sind links unten und rechts oben platziert, ihre Blickbeziehung über das ganze Bild hinweg baut Spannungen auf. Der Frosch rechts unten und Rübezahl an der linken Seite sind die Beobachter auf zwei Seiten, die das Geschehen ebenfalls zusammenhalten. Also nicht nur eine inhaltlich ansprechende Arbeit, sondern auch kompositorisch geschlossen.

Im Stil der Zeit: Gips- und Mosaiktechnik

Hermann Kuhmichel hat für seine Märchenwelt eine Mischtechnik verwendet: Die Märchenszenen sind in Gips gegossen, bearbeitet und farblich gestaltet, mit Farben und kleinen Mosaiksteinchen (aus farbigen Glaskuchen) verziert. Die hat er, vermuten Helmut Richter (Antikwerkstatt Richter) und Thomas Schiffmann, die das Bild von der Wand nehmen, restaurieren und im Neubau des Kindergartens wieder anbringen werden, vermutlich (im Atelier) vorgefertigt und dann um die zentrale Szene herum angeordnet. Den Raum dazwischen hat Kuhmichel mit Steinchen, Bruchstücken aus Boden- und Wandfliesen und Natur- und Kunststeinen gefüllt, einer 1950er-Neuinterpretation des klassischen Mosaiks. Kuhmichel selbst hat diese Technik allerdings nur sehr selten angewendet.

Behutsame Restaurierung geplant

Die Darstellungen sind nach den gut 60 Jahren an der Wand noch erstaunlich frisch. Richter und Schiffmann haben die große Arbeit in Einzelteilen von der Wand genommen und eingelagert, Sie werden sie behutsam restaurieren: Der Käse im Schnabel des Raben brauchte zum Beispiel wieder ein bisschen Farbe, wie auch Rotkäppchens Kappe oder der Frosch. Beim Besuch der SZ sind die beiden gerade dabei, den Putz um das Bild abzustemmen. Die raue, ungeschönte Wand lässt die Bilder besonders gut hervortreten, unterstreicht die Vielschichtigkeit der Darstellung und damit auch die der Geschichten!
Wenn der neue Kindergarten, der von der KEG errichtet wird und dann in der Trägerschaft des Vereins für soziale Arbeit und Kultur betrieben wird, fertig ist, soll die gut 1,5 Quadratmeter große Märchenwelt wieder ihren Platz im neuen Gebäude gefunden haben. Traute Fries, Geisweider Stadtverordnete, Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins Hüttental und für die „Kunst am Bau“ Engagierte, hat sich mit Verve für den Erhalt auch dieser Kuhmichel-Arbeit eingesetzt. Die Kosten für die Abnahme und Einlagerung der Arbeit sind gedeckt, erläutert sie im SZ-Gespräch, die Kosten für die Anbringung noch nicht ganz. Das könne man durchaus als Aufruf verstehen … – Das Stickbild,

das Hermann Kuhmichel ebenfalls für den Kindergarten angefertigt hat und das in kräftigen Farben die „Vorleserin“ zeigt, hängt jetzt im ev. Gemeindehaus im Wenscht.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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