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Weißer Kitsch oder doch mehr?
Warum wir weiße Weihnachten wollen

Winterstimmung mit Sonnenuntergang: Für viele Menschen ist eine weiße Weihnacht eigentlich ein „Muss“ in ihrer Vorstellung der Festzeit. Woher kommt diese Fixierung auf Schnee zum Fest?
  • Winterstimmung mit Sonnenuntergang: Für viele Menschen ist eine weiße Weihnacht eigentlich ein „Muss“ in ihrer Vorstellung der Festzeit. Woher kommt diese Fixierung auf Schnee zum Fest?
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  • hochgeladen von Peter Barden (Redakteur)

pebe  Siegen. „Let it snow!“ sang Dean Martin ebenso wie Frank Sinatra – und beide sind vor Weihnachten im Radio zu hören. Wer sich allerdings einmal durch sulzige Pampe gearbeitet hat, wer einmal mit dem Auto durch den Salzmatsch mehr schlecht als recht freigeschobener Nebenstraßen geschlittert ist, der kann auf weiße Weihnachten eigentlich ganz gut verzichten. Umso erstaunlicher ist es, dass das ewiggleiche Raunen und Rieseln durch Büros, Glühweinstände und zu Scheinkrimis aufgepimpte Wettersendungen geht: „Bekommen wir weiße Weihnachten?“ Woher kommt dieser unausrottbare Traum von einem „white Christmas, just like the ones I used to know“, das schon für Bing Crosby zum Zielpunkt seiner Fantasien wurde?

pebe  Siegen. „Let it snow!“ sang Dean Martin ebenso wie Frank Sinatra – und beide sind vor Weihnachten im Radio zu hören. Wer sich allerdings einmal durch sulzige Pampe gearbeitet hat, wer einmal mit dem Auto durch den Salzmatsch mehr schlecht als recht freigeschobener Nebenstraßen geschlittert ist, der kann auf weiße Weihnachten eigentlich ganz gut verzichten. Umso erstaunlicher ist es, dass das ewiggleiche Raunen und Rieseln durch Büros, Glühweinstände und zu Scheinkrimis aufgepimpte Wettersendungen geht: „Bekommen wir weiße Weihnachten?“ Woher kommt dieser unausrottbare Traum von einem „white Christmas, just like the ones I used to know“, das schon für Bing Crosby zum Zielpunkt seiner Fantasien wurde?

Weihnachtsschnee ist nicht biblisch

Manche werden mittlerweile möglicherweise erstaunt sein: Das Fest Weihnachten hat seinen Ursprung in der biblischen Geschichte von Jesu Geburt. Der Schnee zu Weihnachten ist allerdings definitiv nicht biblisch. Nirgendwo in den Evangelien gibt es einen Ansatzpunkt dafür, dass Jesus im Winter geboren worden wäre. Zwar liegt Bethlehem gute 750 Meter über dem Meeresspiegel, da kann es schon mal weiß vom Himmel flocken, rieseln oder fallen. Aber wir kennen das Geburtsdatum Jesu nun mal nicht, und selbst jener Zensus des Augustus, dessentwegen die zukünftigen Eltern Jesu von Nazareth nach Bethlehem zogen (immerhin eine Stecke von gut 140 Kilometern, das wird mindestens zwei Wochen in Anspruch genommen haben) hat in den antiken Aufzeichnungen keinerlei klimatischen oder demografischen Spuren hinterlassen.

"Mitten im kalten Winter"

Weihnachten im Winter ist eine Terminierung der Spätantike. Mutmaßlich war es Kaiser Konstantin, der den Termin in Rom einführte – weil er dort offenbar bereits als Geburtsdatum Jesu gefeiert wurde. Ob die Datumsgleichheit mit der alten römischen Wintersonnenwende, dem Fest des „sol invictus“, der „unbesiegbaren Sonne“, zusammenhängt, ist nicht sicher bewiesen, wenngleich die Symbolik das nahelegt. Wie dem auch sei: Von Schnee ist keine Rede. Der wird erst später in der westkirchlichen Tradition wichtig: „Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht“ sei uns „ein Blümlein ’bracht“ worden, heißt es in dem Lied aus dem 16. Jahrhundert, das sich auf Jesaja 11,1 bezieht. Unbestreitbar ist Weihnachten zum Lichterfest auf der nördlichen Halbkugel unserer geschundenen Erde geworden, das (auch) der Sehnsucht nach Sonne und Wärme Ausdruck gibt. Für die „Weihnachtsstimmung“ hatte dagegen der Schnee bis etwa zum 19. Jahrhundert keine oder nur marginale Bedeutung.

Wunderbares in ästhetischer Distanz

Was dann folgt, ist eine abenteuerliche Konzentration auf die tiefgefrorenen Kristallisationskerne mit hexagonaler Struktur und diffuser Reflexion (vulgo: weiße Schneeflocken). Die „Verwinterung“ des Festes geschah etwa zu der Zeit, als das weltverändernde Kind zum bürgerlichen Geschenke-Blondschopf (!) mutierte. Die wohlhabender und einflussreich gewordenen Bürger steuern neue Wahrnehmungen bei: Schnee, aus der warmen Wohnung betrachtet, wird zum Faszinosum. Die Lichtsymbolik wird erweitert: Das Wunderbare glänzt auf, in ästhetischer Distanz und als Kulisse der eigenen Befindlichkeit. Denn drin, am geschmückten Weihnachtsbaum – regional schon im 16. Jahrhundert erwähnt, als „Wintertrophäe“ des Bürgertums mit teuren Kerzen und Schmuck verbreitet seit dem 18. Jahrhundert, zum Beispiel bei Jung-Stilling und bei Goethe –, wird es „gemütlich“, schlägt also positiv aufs Gemüt.

Romantik als treibender Faktor

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Romantik und Biedermeier kräftig zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Gefühl, Leidenschaft, Seelenbewegung: Das war das Thema der Romantiker, einer Art menschenfreundlicher und ein bisschen quer denkender Mystik-Fans. In einer an Sinn immer ärmer werdenden Welt der „kalten“ Vernunft wollten sie das Wunderbare wiederentdecken.
Der Schnee war zwar ambivalent: Für den spätromantischen Dichter Joseph von Eichendorff verwies er auf Gefühle der Verlassenheit, für den Maler Caspar David Friedrich war er sogar ein Symbol des Todes. Aber genau darin, in der Kälte, die die Menschen von der Fülle der Welt trennte, sollten sie die wunderbare, allerdings still verborgene Tiefe wieder entdecken. Da wundert es nicht, dass aus diesem Grundgefühl die „stille Nacht“ (das Lied wurde 1818, in der Hochzeit der Romantik, erstmals aufgeführt und trat einen beispiellosen Zug durch die Charts an) in Verbindung mit der Lichtsymbolik „heilig“ und „wunderbar“ werden konnte.

Biedermeier als zweiter Impulsgeber

Der zweite wichtige Impuls dieser Zeit ging vom Biedermeier aus. Das Bürgertum reagierte auf die damalige massive politische Repression mit einer Tendenz zum Rückzug ins Private und ins Idyll. Hier bekam der Begriff der „Gemütlichkeit“ seine bis heute wirkende Ausprägung (heute würde man allerdings „Cocooning“ sagen). Letztlich entstand in dieser Zeit unser komplexes Weihnachtsklischee mit allen Zutaten – bis zu Bing Crosbys Song, in dem Baumwipfel glänzen und Kinder die Ohren spitzen, um Schlittenglöckchen im Tiefschnee zu hören, ist es nicht weit.

Kein Schnee von gestern: die Botschaft

Die „weiße Weihnacht“ ist also ein bürgerliches und noch recht junges Allgemeingut. Völlig verkitscht, kommerzialisiert und trivialisiert hält sie trotzdem noch etwas von der sensiblen „Ur-Romantik“ lebendig: vom Wunsch, dass das Wunderbare in die Realität einbrechen und sie bleibend verändern kann. Immerhin darin gibt es noch einen, wenn auch vagen, Bezug zum eigentlichen Thema des Festes, das längst noch kein Schnee von gestern ist: dem göttlich intendierten Umbruch der Verhältnisse.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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