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Sex, Drogen, Sucht, Ethik und mehr in Jugendtheater-Stück im Lÿz
Was junge Leute wissen müssen

Süchtig nach Tabak und Energydrinks: Da wird der Kiosk von nebenan zum Drogenumschlagplatz. Friederike Schreiber (l.) und Kathrin Marder spielten „Sex, Drugs, Geschichte, Ethik & Rock ’n’ Roll“ im Siegener Kulturhaus Lÿz.
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  • Süchtig nach Tabak und Energydrinks: Da wird der Kiosk von nebenan zum Drogenumschlagplatz. Friederike Schreiber (l.) und Kathrin Marder spielten „Sex, Drugs, Geschichte, Ethik & Rock ’n’ Roll“ im Siegener Kulturhaus Lÿz.
  • Foto: Alexander W. Weiß (Redakteur)
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aww Siegen. Zunächst heißt es Grundsätzliches lernen: dass Kunst nicht nur dafür gut ist, verstanden zu werden, und dass die Frage, ob Jugendtheater pädagogisch sein muss, diskutierbar ist. Und dann geht es auch schon kopfüber in eine Dreiviertelstunde gefühltes Vollprogramm zu den Themen, die für heutige Jugendliche von Belang sind (oder sein sollen). Donnerstagvormittag zum Auftakt der Jugendvorstellungen der „Kultur4You“-Reihe des Siegener Kulturhauses Lÿz auf der Schauplatzbühne am Start: das „Theater-Gruene-Sosse“ aus Frankfurt bzw. dessen Darstellerinnen Kathrin Marder und Friederike Schreiber.
Wust von Inhalten und Themen„Sex, Drugs, Geschichte, Ethik &

aww Siegen. Zunächst heißt es Grundsätzliches lernen: dass Kunst nicht nur dafür gut ist, verstanden zu werden, und dass die Frage, ob Jugendtheater pädagogisch sein muss, diskutierbar ist. Und dann geht es auch schon kopfüber in eine Dreiviertelstunde gefühltes Vollprogramm zu den Themen, die für heutige Jugendliche von Belang sind (oder sein sollen). Donnerstagvormittag zum Auftakt der Jugendvorstellungen der „Kultur4You“-Reihe des Siegener Kulturhauses Lÿz auf der Schauplatzbühne am Start: das „Theater-Gruene-Sosse“ aus Frankfurt bzw. dessen Darstellerinnen Kathrin Marder und Friederike Schreiber.

Wust von Inhalten und Themen

„Sex, Drugs, Geschichte, Ethik & Rock ’n’ Roll“ (Regie: Leandro Kees) – der Titel des Stückes lässt bereits ahnen, dass die rund 100 Achtklässler aus Siegen, Kreuztal und Wenden mit einem schieren Wust von Inhalten und Themen konfrontiert werden, denen das ausgeklügeltste und ausgebuffteste Jugendtheater der Welt in weniger als einer Stunde nicht gerecht werden könnte. Insofern muss der im Programmheft (zugegebenermaßen mit einem kleinen Augenzwinkern) erhobene Anspruch eines „Beitrags zur Allgemeinbildung“ und die Bühne zu einem „Bildungsort“ zu erheben im Bezug auf Themen, die „in der Schule möglicherweise zu kurz kämen“, hier und da verfehlt werden. Vieles wird angerissen, aber eben auch nicht mehr. Löblich, dass die jungen Leute im ersten von fünf Kapiteln (Leben respektive nicht sterben) etwas von der Wichtigkeit von Reanimation/Herzmassage mitbekommen. Lachen und Quietschen in der Schülerschaft beim nächsten Kapitel: Sex. Auf der Schreib- und Malfläche ähnlich einem überdimensionierten Flipchart „zeichnen“ die Protagonistinnen männliche und weibliche Genitalien (wie man sie so auch schon auf öffentlichen Toiletten gesehen hat), erzählen von der freien Liebe und von der 68er-„Make-Love-Not-War“-Generation, berühren das Thema Homosexualität allenfalls ganz am Rande, konstatieren (beklagen?), dass Männer ihre Brüste überall zeigen dürfen und Frauen nicht – und tanzen in zwei kuschligen Nackt-Einteilern, deren männliche Ausgabe so üppig bestückt ist, dass manch halbwüchsigem Jungen durchaus Zweifel an sich selbst kommen könnten.

Kapitel über Sucht regt zum Weiterdenken an

Im dritten Kapitel (Drogen/Sucht) will das Stück mit Missverständnissen aufräumen: dass „Droge“ immer gleichbedeutend mit „illegal“ sei (es gibt ja auch noch Tabak, Alkohol, Medikamente, Kaffee …), dass „Droge“ gleichbedeutend mit „Sucht“ sei und dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei. Denn Suchtverhalten trainiere sich der Mensch viel früher an: mit Zucker, Alkohol, oder … Da wird dann der Kioskmann von nebenan ganz schnell zum Drogendealer. Mit größter Verve – wie überhaupt die meiste Zeit – zeigen die beiden Schauspielerinnen, wie ein Vater die Gaming-Gerätschaft des Sohnemanns mit dem Rasenmäher schreddert. Freilich: Sucht ist mehr als verbotene Substanzen, sie kann auch Computerspiel-, Handy-, Kaufsucht sein. Ziemlich drastisch und deshalb eindrücklich gerät die Darstellung der lach-heulend kotzenden Rita nach dem Einwurf von irgendwas (sie ist übrigens heute Lehrerin), der auf der E-Gitarre ein verfrühtes „Stairway-To-Heaven“-Requiem gespielt wird. Das Kapitel des Stückes spricht viel an, ist durchaus das ambitionierteste von allen und bietet einige Anhaltspunkte zum Weiterdenken.

„Wir moralisieren hier gerade extrem“

Zum Kapitel Ethik sagen die Akteurinnen mit Selbsterkenntnis „Wir moralisieren hier gerade extrem“ und finden es schlicht „nicht okay“, dass acht Männer so viel Reichtum besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit und dass 260 Millionen Kinder weltweit keinen Zugang zu Bildung haben. Und im fünften und letzten Kapitel (Geschichte) arbeiten sie sich an den Inhalten des Kerncurriculums Geschichte ab: „Gesetz und Herrschaft in Mesopotamien“? Ja, das gebe es auf jeden Fall. Aber „Wahlrecht für Frauen“? Wann denn das noch, bitteschön? Und am Ende schneidet das Duo die zahlreichen alten Zöpfe des Geschichtsunterrichts nicht ab – es schießt sie ganz modern mit Farbe ab.
Kathrin Marder und Friederike Schreiber spielen mitreißend, überzeugend und mit vollem Einsatz. Zahlreiche Requisiten bringen Farbe ins Spiel und Abwechslung auf die Bühne. Die Musikauswahl (AC/DC, Led Zeppelin, Foghat) indes ist gewiss nicht an den durchschnittlichen Vorlieben heute 14-/15-Jähriger orientiert, das ließe sich hip-hoppiger machen. Sicher hätte dem Stück auch eine Konzentration auf weniger Themen und dafür eine intensivere Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten gutgetan.

Weitere Jugendstücke in der „Kultur4You“-Reihe im Siegener Lÿz:

  • 21. November, 11 Uhr: Theatre@School: „Aldrick Castle“, ab 10 Jahre
  • 13. Februar, 11.30 Uhr: Tatu Theater: „Asip und Jenny“, ab 12 Jahre
  • 23. März, 11.30 Uhr: Junges Theater Siegen: „Nichts – was im Leben wichtig ist“, ab 15 Jahre
Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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