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Magnus Reitschuster über sein neues Stück „Und es war Flutlicht“
Was macht die Pandemie mit uns?

Der Sportfreund (Martin Hofer, l.) und sein Freund, der Käner (Andreas Kunz), liefern sich in Magnus Reitschusters Komödie grotesk-tiefsinnige Dialoge mit Anklängen an Thomas Bernhard und Samuel Beckett und stoßen klischeegerecht auf das Wohl der Frauen und der alt werdenden Männer an.
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  • Der Sportfreund (Martin Hofer, l.) und sein Freund, der Käner (Andreas Kunz), liefern sich in Magnus Reitschusters Komödie grotesk-tiefsinnige Dialoge mit Anklängen an Thomas Bernhard und Samuel Beckett und stoßen klischeegerecht auf das Wohl der Frauen und der alt werdenden Männer an.
  • Foto: Heiner Morgenthal/Apollo
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pebe - Öffentlich auf die Bühne soll das Stück Ende September. Die Pandemie sorgt für eine Verschiebung  und Neu-Konzeption.
pebe Siegen.  Eine Sackgasse. Ein Stadion. Ein Balkon und ein alter Bonvivant. Dazu Corona-Zeiten und Vertrautes, kurz Heimat genannt. Und, nicht zu vergessen: eine Theatertruppe mitten in der Pandemie, die sich die Lust an der Arbeit und den Widerstand gegen die Verhältnisse nicht nehmen lässt. Das sind die Zutaten zu einem ungewöhnlichen Stück in ungewöhnlichen Umständen: „Und es war Flutlicht – Heimatkomödie mit Inzidenzen“ von Magnus Reitschuster, Intendant des Siegener Apollo-Theaters. Die SZ hatte die Gelegenheit, einen langen Blick in den Text zu werfen und mit dem Autor über Intention, Entstehung und manchen Hintersinn zu sprechen.

pebe - Öffentlich auf die Bühne soll das Stück Ende September. Die Pandemie sorgt für eine Verschiebung  und Neu-Konzeption.
pebe Siegen.  Eine Sackgasse. Ein Stadion. Ein Balkon und ein alter Bonvivant. Dazu Corona-Zeiten und Vertrautes, kurz Heimat genannt. Und, nicht zu vergessen: eine Theatertruppe mitten in der Pandemie, die sich die Lust an der Arbeit und den Widerstand gegen die Verhältnisse nicht nehmen lässt. Das sind die Zutaten zu einem ungewöhnlichen Stück in ungewöhnlichen Umständen: „Und es war Flutlicht – Heimatkomödie mit Inzidenzen“ von Magnus Reitschuster, Intendant des Siegener Apollo-Theaters. Die SZ hatte die Gelegenheit, einen langen Blick in den Text zu werfen und mit dem Autor über Intention, Entstehung und manchen Hintersinn zu sprechen.

Die Pandemie formt das Stück - zum Teil

Von Dezember bis Februar habe er „intensiv an dem Stück geschrieben“, berichtet Magnus Reitschuster, „immer morgens zwischen 6 und 10 Uhr, gewissermaßen im Home-Office“. Im Auf und Ab der Corona-Entwicklung begannen dann die Proben – die Uraufführung war geplant für den 10. April.

Nachdenklich und leicht ironisch: Autor Magnus Reitschuster.
  • Nachdenklich und leicht ironisch: Autor Magnus Reitschuster.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

Aber das Virus wollte anders als der Autor. „Es war uns klar, dass es dann nicht aufgeführt werden konnte“, sagt Reitschuster. Weil es aber zum geplanten Termin pandemiekonform durchgeprobt und aufführungsbereit war, fand die Generalprobe quasi als „Ur-Uraufführung“ beinahe klandestin vor den Mitarbeitern des Hauses statt.

Virales in der Heimat

Eine „Heimatkomödie“ ist es geworden, in der es vor allem, aber längst nicht nur um all das „Virale“ geht, das auch unsere Region mittlerweile seit mehr als 14 Monaten umtreibt, bewegt oder auch erstarren lässt. Reitschuster erzählt vom Theater – das ist die eine Ebene: Da agieren die wenigen Schauspieler in einer Probe, herausgeschlüpft aus ihren Rollen, feilen an der Inszenierung, diskutieren nebenbei über das Leben in der Pandemie, über offene Beziehungen ab einer Inzidenz unter 50 („Corona macht uns alle monogam“) und vieles mehr.

Corona, Altern und Fußball

Und dann ist da, durchaus eng mit den Themen der Schauspielerinnen und Schauspieler verbunden, die „Tiefenschicht“ der Komödie: die Geschichte zwischen dem „Sportfreund“ und dem „Käner“ – leicht zu erraten, dass es natürlich um heimischen Fußball geht. Da prallen zwei Gegensätze aufeinander, die sich abstoßen und doch zusammen ein menschliches Ganzes ergeben. Die beiden, früher in den Vorständen ihrer Vereine tätig, verfolgen auf dem Balkon des „Sportfreunds“ das Abstiegs-Lokalderby ihrer Mannschaften als pandemisches Geisterspiel. Der „Sportfreund“ wird 70, ihm steht der Umzug in die Seniorenresidenz am Biggeufer bevor, wohin er nicht will. Und dann ist da noch sein herzliches Verhältnis zu seiner Enkelin, Fußballnationalspielerin und kurz vor der Wahl zur Weltfußballerin. Sie taucht zum Geburtstag auf – und der gesundheitlich vorgeschädigte „Sportfreund“ bekommt die Corona-Diagnose …
In der letzten Spielzeit, so Reitschuster, habe eigentlich das Theaterstück „Fußball.Frauen.Siegen“ entstehen sollen, das dann aber ganz aus dem Programm genommen worden sei. Den Frauenfußball-Stoff, den er selbst zur Kooperation mit Koautor Werner Hahn beisteuern wollte, habe er retten wollen und dann „angereichert mit der heutigen Situation“.

Dialoge erinnern an Thomas Bernhard 

Vieles wird transparent, vieles erscheint in neuen Mustern in den einzelnen Bildern der Komödie, deren Dialoge nicht ohne Grund deutlich Anklänge an Thomas Bernhards polemisch-grotesken Duktus zeigen (was der Autor, ein erklärter Bernhard-Fan, bestätigt). Doch damit werden Vorurteile aufgebrochen, indem andere Ebenen greifen: Es ist eben nicht alles Schwarz-Weiß, der Fußballfan kein dumpfer Proll, sondern Bildungs- und Frauennarr, der „feindliche Freund“ vom anderen Verein eigentlich ein verlässlicher Freund mit Sinn fürs penibel geordnete Alltägliche, die Enkelin versöhnt mit ihrer Geschichte den Großvater, der an der Erziehung seiner Tochter scheiterte, mit dessen Geschichte – „wohl einmalig in der aktuellen Dramatik“, meint Reitschuster über das Thema des versöhnten Umgangs von Großvater und Enkelin.

Und dann: Klopp in Siegen...

Vielschichtig ist das Bühnenstück, bietet, so Reitschuster, ironisch

„Raum zum Nachdenken über Leid und Leidenschaft“

und streift mit Humor hintersinnige Abstrusitäten: Da taucht Erfolgstrainer Jürgen „Kloppo“ Klopp ebenso als möglicher Lover der Enkelin auf wie der Virologe Christian Drosten, der gescheiterte Fusionsversuch der Sportfreunde Siegen mit dem FC Kaan-Marienborn schwingt mit, eine Kirschtorte landet slapstickartig im Gesicht des „Käners“, und der „Sportfreund“ wagt im Angesicht der für ihn bedrohlichen Corona-Diagnose einen wild-charmanten Telefonflirt mit der Schwester, die ihn informiert.
Nachdenken und Schmunzeln schon beim Lesen – Reitschuster nickt:

„Es sollen ernste Späße sein, denn wenn man erkennt, was einen bedrückt, dann wird es schon leichter.“

Das sei nun mal die Aufgabe des Theaters: die Katharsis, die innere Reinigung oder „Läuterung“. Und Ängste wahrzunehmen und sie komödiantisch zu verarbeiten, das gehöre dazu: „Das will ich als Autor.“

Reitschuster inszeniert sein Stück nicht selbst

Wie nimmt er als Autor sein Stück auf der Bühne wahr? „Für einen Autor ist eine Vorstellung nie so, wie man es sich vorstellt.“ Deshalb habe er auch bewusst nicht selbst inszeniert. Ein Text biete immer mehr an Anknüpfungsebenen als die, die der Autor intendiert habe – „er ist größer als der Autor“. Riesig freut sich Reitschuster über die Qualität der Bühnenakteure – alle in Siegen nicht unbekannt: Martin Hofer, Andreas Kunz, Anja Gläser, Guiseppe Todaro, der Musiker Mario Mammone und aus dem Off Jürg Schlachter, der auch Regie führt.

Und wann wird ein „demaskiertes“ Publikum die Uraufführung sehen können? Reitschuster bleibt vorsichtig: „Wir planen für Ende September.“ Im Spätsommer soll schon eine Fußballrevue mit dem Titel „Siegen heißt gewinnen“ aus der Feder Werner Hahns zu sehen sein – ebenfalls als Hommage an den Frauen-Fußball gedacht, der in Siegen Geschichte geschrieben habe, betont Reitschuster.

Der Sportfreund (Martin Hofer, l.) und sein Freund, der Käner (Andreas Kunz), liefern sich in Magnus Reitschusters Komödie grotesk-tiefsinnige Dialoge mit Anklängen an Thomas Bernhard und Samuel Beckett und stoßen klischeegerecht auf das Wohl der Frauen und der alt werdenden Männer an.
Nachdenklich und leicht ironisch: Autor Magnus Reitschuster.
Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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