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Navid Kermani und Claus Leggewie sprechen im Apollo über Gewalt (und Flucht)
Wenn das Innere nach außen drängt

Im vierten Teil der Reihe „Ausnahmezustand“ mit Navid Kermani (l.) und Claus Leggewie ging es im Siegener Apollo-Theater um „Gewalt und Flucht“.
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  • Im vierten Teil der Reihe „Ausnahmezustand“ mit Navid Kermani (l.) und Claus Leggewie ging es im Siegener Apollo-Theater um „Gewalt und Flucht“.
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aww Siegen. Gewalt schlummert in uns allen. Nicht dass diese Erkenntnis bahnbrechend neu wäre, aber Navid Kermani und Claus Leggewie haben sie im vierten von fünf Teilen ihrer „Ausnahmezustand“-Talk-Lese-Reihe im Siegener Apollo-Theater noch einmal in Deutlichkeit verbalisiert und uns in politischer Korrektheit so gut Geschulten die Gefahr aufgezeigt, allzu fest im Sattel des hohen Rosses zu sitzen. Wir sind mitnichten automatisch gefeit davor, dass unsere gut beherrschten und im Abstellraum unserer Seelen in die hinterste Ecke gepackten Dämonen doch irgendwann wieder geräuschvoll aus dem Regal fallen könnten.

aww Siegen. Gewalt schlummert in uns allen. Nicht dass diese Erkenntnis bahnbrechend neu wäre, aber Navid Kermani und Claus Leggewie haben sie im vierten von fünf Teilen ihrer „Ausnahmezustand“-Talk-Lese-Reihe im Siegener Apollo-Theater noch einmal in Deutlichkeit verbalisiert und uns in politischer Korrektheit so gut Geschulten die Gefahr aufgezeigt, allzu fest im Sattel des hohen Rosses zu sitzen. Wir sind mitnichten automatisch gefeit davor, dass unsere gut beherrschten und im Abstellraum unserer Seelen in die hinterste Ecke gepackten Dämonen doch irgendwann wieder geräuschvoll aus dem Regal fallen könnten. Möglicherweise ist dieses Bewusstwerden der eigenen, mensch-immanenten Anfälligkeit und der daraus zu folgernden Notwendigkeit der steten Selbstüberprüfung das Wichtigste an diesem in das „Festival der Abstände“ eingebetteten Mittwochabend, der die Überschrift „Gewalt und Flucht“ trägt.

Kermani: „Mensch hat riesiges Gewaltpotenzial“

Wie kann es sein, dass „ganz normale Männer“ (Leggewie) in einem Unrechtsregime wie dem NS-Staat, der in dem Gespräch im Übrigen nur am Rande thematisiert wird, Unbegreifliches tun, oder dass, anderenorts, Menschen, die heute zusammen feiern, sich morgen gegenseitig massakrieren? „Dazu sagt der Soziologe gar nichts mehr“, bemerkt Leggewie, um dann doch eine Einordnung zu versuchen: und zwar die, dass die „Situation“ (beispielsweise der Kriegszustand, siehe Syrien, siehe Ex-Jugoslawien) vermeintlich „Erlaubnis“ erteile. Vielleicht seien jene Neigungen – sadistisch sein zu können, auszuflippen – in uns allen angelegt, mutmaßt der Politologe. Vielleicht aber lässt sich das „Vielleicht“ in seinen Ausführungen auch einfach wegdenken. In Situationen, in denen das Leben aus der Bahn gerät, „wird das Innere nach außen gekehrt“, ist sich der aus Siegen stammende Schriftsteller Kermani sicher, verweist etwa auf die USA, in denen gerade in der Corona-Krise Gewalt eskaliert. „Der Mensch hat ein riesiges Gewaltpotenzial“ – ein Potenzial, das kanalisiert werden müsse, mittels der Religion, im Theater, im Fußballstadion („warum nicht?“), im Konzert oder – ganz manifest – im Boxring. Leggewie spricht von institutionalisierter Gewalt, die keinem schadet. Nun, wenigstens im von Kermani ins Spiel gebrachten Boxring kann das freilich im ungünstigen Fall gehörig ins Auge gehen.

„Dürfen wir darüber berichten? Wir müssen!“

Zum Einstieg in das etwas improvisiert und eher assoziativ wirkende Zweiergespräch – Leggewie zwischendurch ans Publikum: „Sie denken die Gedanken ja weiter“ – hat Kermani ein Stück aus einer Reportage über Syrien aus dem Jahr 2012 gewählt, das er aus seinem Buch „Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt“ liest und das seinen Besuch einer zuvor brutalst-mörderisch angegriffenen Intensivstation schildert. Leggewie nimmt die genau beobachtete Beschreibung zum Anlass, eine journalistisch-ethische Fragestellung aufzuwerfen: „Dürfen wir darüber berichten?“ (Oder ist das „voyeuristisch“, „indezent“?) Der Wissenschaftler selbst antwortet mit einem „Wir müssen“ – im Sinne des Muss, sich mit dem Leid zu konfrontieren, es zu dokumentieren. Was aber entsteht, wenn diese Notwendigkeit zur Unmöglichkeit wird, wie in der Corona-Krise, die auch Reporter in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt, beschreibt Kermani: „Die Welt rückt weit weg. Die Gewalt besteht weiter fort, aber sie ist unbeobachtet und wird eher mehr.“ Die Tragweite dessen sei derzeit noch nicht abzusehen. „Wenn wir nicht erfahren, was passiert, berührt es uns nicht.“

Appell an die Empathiefähigkeit des Menschen

Druckreif wirkt der Appell Kermanis an die Empathiefähigkeit des Menschen zum Schluss, beim Versuch, die Themen des Abends, Gewalt und Flucht (Letzteres zu fortgeschrittener Zeit knapper behandelt), zusammenzuführen: „Wenn wir dem Impuls nicht nachgeben, dem die Hand zu reichen, der Hilfe braucht, tun wir nicht nur ihm Gewalt an, sondern auch uns, weil wir unsere Persönlichkeit verstümmeln.“ Zuvor haben sich die beiden Gesprächspartner, mitunter sprunghaft, weiteren Gesichtspunkten ihres zu behandelnden Begriffspaares gewidmet, etwa sexualisierter/häuslicher Gewalt (anhand der biblischen Geschichte von Susanna und den Ältesten aus Daniel 13 und des entsprechenden Barockgemäldes von Artemisia Gentileschi, einem Vergewaltigungsopfer) oder auf Täterseite gewissermaßen „berührungsfreier“ Kriegsführung (am Bildschirm, per Drohnen) oder der Frage nach einem positiv besetzten Gewaltbegriff. Den Aspekt Flucht sucht Kermani mit einem Text aus seinem Band „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ um eine Ikone, die die Gottesmutter (eine „Geflohene“) zeigt, einzuführen; dass er nicht mehr in Tiefe zur Erörterung kommt, mag der ungeheuren Komplexität der gesetzten Themen geschuldet sein, denen ein nicht einmal zweistündiger Dialog freilich kaum gerecht werden kann.

Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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