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Gesangsstudium in Zeiten von Corona: SZ-Gespräch mit Gerrit Schwan
Wenn das Publikum fehlt

In der Koproduktion „Im weißen Rössl“ der Universität Siegen (Fach Musik) und des Apollo-Theaters verkörperte Gerrit Schwan im vergangenen Jahr den Leopold Brandmeyer.
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  • In der Koproduktion „Im weißen Rössl“ der Universität Siegen (Fach Musik) und des Apollo-Theaters verkörperte Gerrit Schwan im vergangenen Jahr den Leopold Brandmeyer.
  • Foto: Apollo/René Achenbach
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

aww – Ein Bühnenkünstler braucht die Rückkopplung der Zuhörerschaft, um wachsen zu können. Doch genau das fehlt in Corona-Zeiten, berichtet der in Schüllar aufgewachsene Gesangsstudent Gerrit Schwan im SZ-Gespräch.

aww Siegen/Schüllar/Augsburg. Ein Sänger lebt, wie jeder Bühnenakteur, von und mit den Rückkopplungen seines Publikums. Er kann nicht ohne sie, und das nicht nur der Anerkennung wegen – denn an ihnen wächst und reift er als künstlerische Persönlichkeit.
Gerrit Schwan ist auf einem guten Weg, eine Laufbahn als Berufssänger einzuschlagen.

aww – Ein Bühnenkünstler braucht die Rückkopplung der Zuhörerschaft, um wachsen zu können. Doch genau das fehlt in Corona-Zeiten, berichtet der in Schüllar aufgewachsene Gesangsstudent Gerrit Schwan im SZ-Gespräch.

aww Siegen/Schüllar/Augsburg. Ein Sänger lebt, wie jeder Bühnenakteur, von und mit den Rückkopplungen seines Publikums. Er kann nicht ohne sie, und das nicht nur der Anerkennung wegen – denn an ihnen wächst und reift er als künstlerische Persönlichkeit.
Gerrit Schwan ist auf einem guten Weg, eine Laufbahn als Berufssänger einzuschlagen. Der 25-jährige Bass-Bariton, der in Schüllar aufgewachsen ist, studiert im zweiten Semester am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg das künstlerische Fach (Bachelor of Music Gesang) – und er weiß, wie wichtig die Rückmeldung der Zuhörerschaft ist. „Das Entscheidende ist, das man als Berufssänger das Korrektiv Publikum braucht“, sagt Schwan im Telefongespräch mit der SZ-Kulturredaktion. „Es geht um das Entwickeln von Publikumswirksamkeit. Wir machen ja nicht für uns selber Musik, sonder für die Welt da draußen.“

Keine Gesangsabende mit Publikum

Die Welt da draußen – in diesem Sinne verstanden – findet allerdings gegenwärtig für Gerrit Schwan nicht statt. Hat die Corona-Pandemie das Leben mehr oder weniger von uns allen gehörig auf den Kopf gestellt, so gilt das für Gesangsstudenten insbesondere. Singen in Gemeinschaft und/oder Öffentlichkeit wird generell in einer Zeit, in der das Virus so vieles bestimmt, besonders kritisch gesehen und mit strengen Auflagen verbunden (Stichwort: Aerosol). Für Gerrit Schwan und seine Kommilitonen bedeutet das zum Beispiel: „Normalerweise gibt es mehrere Gesangsabende im Semester mit Publikum – das fällt komplett weg.“ Wobei gerade diese Erfahrungen vor und mit Zuhörern entscheidende Aspekte der Entwicklung als Musiker seien.

Musikalisch-praktischer Rahmen entfällt

„Der musikalisch-praktische Rahmen“ entfalle derzeit „ersatzlos“, berichtet Gerrit Schwan und verweist auf die strengen bayerischen Regelungen im Umgang mit Corona. „Wenn man Singen für den Beruf trainieren will“, so der junge Musiker, „dann geht das nicht ohne Dirigent, ohne Ensemble.“ Oper, Musical, Oratorium – all das sei gegenwärtig gestrichen. Was geht, ist Gesangspraxis mit Klavier. Die theoretischen Elemente hätten im künstlerischen Studium einen vergleichsweise geringen Umfang und würden vielfach in den praktischen Unterricht integriert.

Gesangsunterricht mit „Spuckschutz“

Seit Juni ist wieder Gesangsunterricht in Präsenzform möglich, daneben Klavierunterricht und Korrepetition. Die Sänger/-innen müssen sich in den größten Räumen aufhalten, besondere Lüftungsmaßnahmen ergriffen werden. Gerrit Schwan und seinen Gesangsdozenten Boris Leisenheimer trennt eine Plexiglasscheibe – klar, beim lauten Singen fliegen nun mal naturgemäß die Tröpfchen. Der „Spuckschutz“ stört die Gesangsprofis in Augsburg indes wenig. „Das stellt kaum eine Schallbehinderung dar.“ Anders war das zuvor in der Zeit des Lockdowns, als der Gesangsunterricht nur online vonstatten gehen konnte. Leicht vorstellbar, dass bei der Nutzung von Laptop-Mikro und -Lautsprecher auf der einen wie der anderen Seite gesangliche Feinheiten untergingen. „Das war immer eine Phantom-Problembehandlung“, erklärt Gerrit Schwan. „Unser Dozent kannte ja unsere Stimmen, und er hat uns gesagt, er arbeite an Sachen, die er sich ,vorstellen‘ könne.“

Zwei Drittel der Kurse finden digital statt

Immer noch findet dem jungen Künstler zufolge, der in der heimischen Kulturszene als Chorleiter, Sänger und Darsteller von sich reden gemacht hat (siehe Infos unten), ein Großteil des Studiums – ungefähr zwei Drittel der Kurse – auf digitalem Wege statt. „Das restliche Drittel ist ersatzlos gestrichen.“ Prüfungen, die eigentlich in diesem Sommersemester terminiert gewesen seien, fänden nun im Herbst statt. „Dadurch wird der Beginn des Wintersemesters komplett irritiert.“

Daheim in Schüllar oder an Uni Siegen geübt

In der Lockdown-Phase, als ein Betretungsverbot für die Uni und somit auch für die Übungsräume galt, erging es Gerrit Schwan noch vergleichsweise gut: Er verbrachte fünf Wochen in seinem Elternhaus in Schüllar, konnte dort ungestört üben. Manchmal fuhr er an die Siegener Uni, an der er auch immer noch eingeschrieben ist, und übte dort – das war hier, anders als in Augsburg, gestattet. „Wir verbringen ja nicht wenig Zeit mit Üben“, sagt der Gesangsstudent und weist auf die erhebliche Probleme hin, die Corona für viele seiner Kommilitonen mit sich brachte: „Wir haben hier Studierende aus aller Welt, zum Beispiel aus Asien – die konnten nicht nach Hause.“ Stattdessen: 16-Quadratmeter-Bude im Studentenwohnheim, kein Instrument zur Verfügung – das habe zu Missmut unter den Studierenden und teils auch zu Protesten geführt. „Alle, die nicht aus bürgerlichen Inlandsverhältnissen stammen, aus einem Elternhaus mit Klavier“, hätten in Sachen Studium – für das trotz Corona nach wie vor die Regelstudienzeit angenommen werde – stark zu leiden gehabt.

Mit „Siegener Musik-Connection“ in Kontakt

Und wie schaut es in den kommenden Monaten mit Bühnenpräsenz und dem so heiß ersehnten Publikumskontakt aus? „In Bayern trübe“, macht sich Gerrit Schwan keine Illusionen. In der Heimat könnte es für den Sänger, der sich selbst als überzeugten „Siegen-Wittgensteiner“ sieht, besser aussehen: Mit seiner „Siegener Musik-Connection“ (zu der beispielsweise Kirchenmusikdirektorin Ute Debus zählt) sei er stets in Kontakt. „Wir haben Lust, und sobald es geht, werden wir das in die Tat umsetzen.“

„Je länger das geht, desto größer der Schaden“

Einstweilen hofft Gerrit Schwan, dass über alle Planungen „nicht noch die zweite Welle drüberrollt“. Gerade für künstlerische Studenten würde dies eine weitere Zeit bedeuten, in der das Studium brachliegt, Zeit, die für Ausbildung und Wachstum fehlen würde. „Je länger das geht, desto größer ist der Schaden. Musikstudenten sehen ihre Zeit, ihre Stunden als sehr kostbar an, und wir müssten befürchten, dass wir dann in halbfertigem Zustand in den Beruf entlassen werden.“ Schließlich, meint Gerrit Schwan, könnte das schlimmstenfalls eine ganze Generation junger Künstler betreffen.

Zur Person: Gerrit Schwan

Gerrit Schwan, 25 Jahre alt, geboren in Siegen und aufgewachsen in Schüllar, machte sein Abitur am Bad Berleburger Johannes-Althusius-Gymnasium. Sein Studium an der Universität Siegen für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen in den Fächern Deutsch und Musik steht derzeit auf „Stand-by“, nachdem er nun im zweiten Semester das künstlerische Fach (Bachelor of Music Gesang) am Leopold-Mozart-Zentrum der Uni Augsburg studiert. Auch aus der Ferne füllt Schwan weiterhin sein Amt als Beisitzer im Vorstand der Kulturgemeinde Bad Berleburg aus. Als Chorleiter gab er in der heimischen Region beim MGV Harmonie Setzen, der Ton-Rebellion und dem Gemischten Chor Germania Bad Berleburg den Ton an – den Taktstock legte er im vergangenen Herbst zugunsten seines Studiums in Augsburg nieder. Zum Jubiläum „200 Jahre Kreise Siegen und Wittgenstein“ (2017) komponierte Gerrit Schwan gemeinsam mit seinem Schulfreund Bastian Völkel den Titelsong „Hier will ich sein“. In der Siegener Erfolgsproduktion „Im weißen Rössl“ im Apollo-Theater spielte er im vergangenen Jahr den Leopold Brandmeyer – eine Erfahrung, die maßgeblich dazu beigetragen hat, sich für das künstlerische Gesangsstudium zu entscheiden.

In der Koproduktion „Im weißen Rössl“ der Universität Siegen (Fach Musik) und des Apollo-Theaters verkörperte Gerrit Schwan im vergangenen Jahr den Leopold Brandmeyer.
Gerrit Schwan wuchs in Schüllar auf, sieht sich selbst als Siegen-Wittgensteiner, studierte auf Lehramt in Siegen und übt sich nun im künstlerischen Gesangsfach am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg.
Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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