Zum Singen braucht man Sänger, Dirigenten und Geld
Wie geht es Chören in Coronazeiten?

In Gernsdorf ist der Chor Tonzauber, hier bei seinem Kaffeekonzert im vergangenen Jahr, beheimatet. Die SZ sprach mit Steffi Kruppa über Kostenstrukturen der Chöre.
  • In Gernsdorf ist der Chor Tonzauber, hier bei seinem Kaffeekonzert im vergangenen Jahr, beheimatet. Die SZ sprach mit Steffi Kruppa über Kostenstrukturen der Chöre.
  • Foto: Chor
  • hochgeladen von Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin)

gmz Buschhütten/Gernsdorf. „Wir sind ein Chor, der nicht singt!“ Bernd Geisweid, Vorsitzender von Intermezzo, dem Gemischten Chor Kreuztal-Langenau, beschreibt mit diesen selbstironisch-ernsten Worten die derzeitige Situation des Chores, der seit dem ersten Lockdown im Frühjahr nicht mehr gemeinsam gesungen hat. Die Zoom-Proben, die der Chorleiter angeboten hat, hätten sie „nicht weitergebracht“, erläutert er im Gespräch mit der Kulturredaktion der SZ, so dass sie nach zwei Versuchen eingestellt wurden. Etliche Mitglieder hätten auch nicht die technischen Möglichkeiten/Fertigkeiten, daran teilzunehmen. Auch die Registerproben auf Abstand, die im Sommer ja möglich gewesen wären, fielen flach, weil viele Sängerinnen und Sänger allein wegen ihres Alters zur Risikogruppe gehörten. Zudem hätten die derzeit rund 30 Sänger das Singen auf großen Abstand, was ja aufgrund der Corona-Vorgaben erforderlich gewesen wäre, als nicht zielführend empfunden.

Intermezzo sucht neue Chorleitung

Also ist Intermezzo jetzt ein Chor, der nicht singt. Wie viele andere in diesen Zeiten. Untereinander halten die Chormitglieder per Telefon, Mail oder sozialen Medien Kontakt, aber der persönliche Austausch fehlt. Nicht immer einfach, sagt Bernd Geisweid. Positiv ist allerdings, dass der Chor ein Ziel hat: Er sucht nämlich einen neuen Chorleiter, eine neue Chorleiterin. Wenn der erneute Lockdown im November nicht gekommen wäre, hätte Intermezzo vermutlich zu Probedirigaten eingeladen: Man habe sich nämlich schon überlegt, wen man ansprechen wolle. Die Chemie müsse ja stimmen zwischen Leitung und Sängern. Aber so werden diese Probedirigate vermutlich im Frühjahr stattfinden können, hofft Bernd Geisweid. Er hofft auch, dass bis dann noch alle Chormitlieder dabei sind. Positiv stimme ihn, dass er noch von keiner „Absetzbbewegung“ gehört habe.
Im Gegenteil: Im Frühjahr, vor dem Lockdown, hat der Chor eine Mitglieder-Werbeaktion gestartet unter dem Motto „Wir brauchen Deine Stimme“. Einige Interessenten hätten sich gemeldet, allerdings sei der späte Probentermin (von 20.30 bis 22 Uhr) für manche abschreckend gewesen: für Ältere, weil man gerade im Herbst und Winter dann sie der Dunkelheit zur und und von der Proben fahren müssten, für Berufstätige, wegen der späten Uhrzeit. Mit der neuen Chorleitung wolle man deshalb auch frühere Probenzeiten vereinbaren.

Konzerte bringen Einnahmen

Bernd Geisweid betont auch, dass der Chor im kommenden Jahr dringend ein oder besser noch zwei Konzerte brauche, mit denen Einnahmen generiert werden könnten. Man sei zwar mit einer soliden finanziellen Basis in den Lockdown im Frühjahr gestartet und habe derzeit (auch durch die Kündigung des Chorleiters) so gut wie keine Ausgaben (der Probenraum steht ihnen seit jeher mietfrei zur Verfügung, wird ja im Moment auch nicht genutzt). Aber 2021 müssten wieder Gelder in die Vereinskasse fließen, sonst würde es sehr schwierig, sagt Bernd Geisweid.
Aber mit dann hoffentlich einer neuen Chorleitung und vielleicht auch neuen Sängerinnen und Sängern wolle man im Frühjahr (oder wann immer das kulturelle Leben wieder beginnen darf) wieder loslegen. Kulturelle Angebote, betont Geisweid, seien schließlich wichtig für die Menschen. Sie bieten Perspektiven. Und die braucht jeder.

Wofür benötigen die Chöre Geld?

Um Perspektiven bieten zu können, müssen  Kulturmacher, müssen Chöre auch finanzielle handlungsfähig bleiben. Woher erhalten die Chöre in diesen Zeiten ihr Geld? Die SZ fragte bei Steffi Kruppa nach, einer der Gründerinnen und Vorsitzende des Frauenchores Tonzauber in Gernsdorf. Sie erläutert im SZ-Gespräch die Kostenstrukturen eines Chores. Circa 75 Prozent der Gelder, die ein Chor aufbringen muss, sagt sie, werden für die Chorleitung benötigt. Dabei ist es egal, ob die Stelle eine halbe ist oder eine ganze, also ob alle 14 Tage oder wöchentlich geprobt wird. Die anderen 25 Prozent (plus/minus) werden für Verbandskosten benötigt (Chorverband NRW und Siegerland beispielsweise, wobei in diesen Mitgliedsbeiträgen dann auch Versicherungen etc. eingeschlossen sind), Miete für Probenräume, die Kosten für Notenmaterial und vielleicht auch die eine oder andere kleine Aufmerksamkeit für Jubiläen, Geburtstage und ähnliches der Mitglieder sowie für Sonderproben für Konzerte, Wettstreite oder Leistungssingen.

Woher kommen die Gelder?

Und woher bekommt der Chor das Geld? Da sind natürlich die Mitgliedsbeiträge der Sängerinnen und Sänger, die sich im allgemeinen zwischen 80 und 250 Euro pro Jahr bewegen. Größere Chöre haben es somit leichter, ihre Chorleiterinnen oder -leiter zu bezahlen, weil die Summe der Beiträge insgesamt höher ist. Ältere, etablierte Chöre können oft auf eine ansehnliche Zahl passiver Mitglieder bauen, deren Beiträge zur Finanzierung des Chores sehr willkommen sind. In den letzten Jahren sei allerdings der Trend zu beobachten, sagt Steffi Kruppa, dass Mitglieder, die ihre Sängerzeit beenden, in der Regel austreten und nicht als passives Mitglied „weitermachen“.
Zuschüsse für die Arbeit der Chöre können auch von den Gemeinden kommen (z. B. auch in Form von mietfreien Probenräumen), vom Chorverband für besondere Projekte oder auch Sponsoren. Dazu kommen die Aktionen, die die Chöre selbst starten, um Gelder zu generieren. Das reicht vom Waffelverkauf beim Dorffest bis zu eigenen Festveranstaltungen wie Karnevalsfeiern oder Dorf-Olympiaden, Maifesten, Kuhbingo, Kartoffelfesten oder …

Chorleitungen handeln Honorare aus

Auch die Konzerte sind nicht nur eine „Leistungsschau“ der Chöre und ein Genuss für die Zuhörer. Sie sind auch wirtschaftlich wichtig, erläutert Steffi Kruppa. Von den Konzerteinnahmen bleibt „immer etwas hängen“, sagt sie, wieviel, hängt davon ab, ob z. B. noch ein Pianist oder Solist bezahlt werden muss, ob Gäste mitmachen, die man bezahlen muss (oder ob man einen „Konzerttausch“ vereinbaren kann) und so weiter. Getränke- und Wurst- oder Kuchenverkauf sind dann zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, ebenso wie Anzeigen, die auf Programme, Eintrittskarten oder Plakate gedruckt werden. Wenn das alles wegfällt, fehlen den Chören nicht unerhebliche Einnahmen!
Die Chorleiterinnen und -leiter handeln mit den Chören ihre Honorare aus. Manchmal werden die Proben und Konzerte einzeln abgerechnet, manchmal werden auch Pauschalen vereinbart. Sonderproben, Konzerte, Leistungssingen und andere Auftritte werden dann in aller Regel extra vergütet. – In der Coronakrise, die für die Kultur auch eine Einnahmekrise ist, müssen sich oft beide Seiten bewegen, um ein Überleben zu sichern.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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