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Claus Leggewie im Dialog mit Navid Kermani
Wo Gesellschaft beginnt

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie tritt in ein öffentliches Gespräch mit Navid Kermani im Apollo-Theater ein. Er antwortete der SZ auf Fragen zu seiner Person und seinem Engagement in Siegen.
  • Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie tritt in ein öffentliches Gespräch mit Navid Kermani im Apollo-Theater ein. Er antwortete der SZ auf Fragen zu seiner Person und seinem Engagement in Siegen.
  • Foto: Georg Lucas
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

pebe Siegen/Gießen. Gemeinsam treten sie an, einen Blick auf die gegenwärtige Zeit zu werfen, reflektierend, diagnostisch – und als Freunde: Der Schriftsteller Dr. Navid Kermani und der Politikwissenschaftler Prof. Dr. ClausLeggewie, im Gespräch auf der Bühne des Apollo-Theaters in Siegen. Kermani ist hier geboren, die vielfach ausgezeichnete Arbeit des habilitierten Orientalisten wird auch in der Region intensiv wahrgenommen. Claus Leggewie (geboren 1950) studierte in Köln und Paris Geschichte und Sozialwissenschaft, promovierte bei dem...

pebe Siegen/Gießen. Gemeinsam treten sie an, einen Blick auf die gegenwärtige Zeit zu werfen, reflektierend, diagnostisch – und als Freunde: Der Schriftsteller Dr. Navid Kermani und der Politikwissenschaftler Prof. Dr. ClausLeggewie, im Gespräch auf der Bühne des Apollo-Theaters in Siegen. Kermani ist hier geboren, die vielfach ausgezeichnete Arbeit des habilitierten Orientalisten wird auch in der Region intensiv wahrgenommen. Claus Leggewie (geboren 1950) studierte in Köln und Paris Geschichte und Sozialwissenschaft, promovierte bei dem renommierten Politikwissenschaftler Bassam Tibi, habilitierte in Göttingen und war von 1889 bis 2007 Professor für Politikwissenschaft in Gießen, anschließend bis 2017 Direktor des kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Köln und ist seit dem Wintersemester 2015/16 erster Inhaber der Carl-Ludwig-Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Forschung auch zum Thema Klimaschutz

Leggewie forscht u. a. zu Globalisierung, Demokratisierung in nichtwestlichen Gesellschaften und Multikulturalität und setzt sich mit digitalen Medien ebenso auseinander wie mit Rechtsradikalismus oder Klimaschutz. Die Siegener Zeitung stellte ihm per Mail einige Fragen zu seiner Person und zu der Gesprächsreihe im Apollo.

Claus Leggewie antwortet auf Fragen der SZ

Als Gast in Siegen die Frage an Sie:  Haben Sie schon einmal die Stadt besucht? Welche Wahrnehmung haben Sie von der Stadt und darüber hinaus vielleicht dem ganzen Siegerland?

  • Aber sicher, ich war des öfteren zu Tagungen an der Uni, habe im Hochschulrat mitgewirkt und kenne sowohl das Theater als auch das Museum für Gegenwartskunst und das Siegerlandmuseum von innen.

Sie werden fünf Abende „coram publico“, im öffentlichen Gespräch, mitDr. Navid Kermani verbringen. Was reizt Sie an dieser Form dieses (schon politischen?) Gesprächs? Welche besondere Wirkung kann eine solche öffentliche Reflexion im Zeitalter allgegenwärtiger Talkrunden haben?

  • Wir haben darin eine längere gemeinsame Erfahrung z. B. aus dem Literarischen Salon, den wir in Essen mit herausragenden Gegenwartsschriftstellern veranstaltet haben, auch im dortigen Theater. Diese Gespräche waren weder TV noch Talk. Mit einem politischen Autor wie Kermani lässt sich Politisches gar nicht vermeiden, aber es wird immer eingebettet in Fragen des Schreibens und Nachdenkens im Allgemeinen.

Sie und Navid Kermani sind befreundet. Wie hat sich diese Freundschaft zwischen Ihnen entwickelt?

  • Wir haben uns vor Jahrzehnten im Wissenschaftskolleg zu Berlin kennengelernt und waren in Sachen „Multikulti“ ziemlich bald d’accord, haben gern über Gott und die Welt diskutiert. Außerdem sind wir Fans des ,Effzeh‘ (Köln) und weltbürgerliche Lokalpatrioten der Domstadt, in der ich groß geworden bin und lange gelebt habe.

Navid Kermani überschreibt die Lese- und Gesprächsabende bis auf den ersten Abend mit jeweils sehr fundamentalen Begriffspaaren: Geburt und Tod, Liebe und Hass, Gewalt und Flucht, Schönheit und Verzückung. Welche Bedeutung haben diese Begriffe für einen Politologen, wie kommen die Individualität der Erfahrungen und ihre gesellschaftliche Reflexion zusammen?

  • Gesellschaftliche Reflexion muss das Individuelle stets einbeziehen, geht oft davon aus. In der Corona-Krise denken Soziologen (das bin ich von Hause aus) gerne über Funktionssysteme und soziale Ungleichheit nach. Das ist nicht unwichtig, aber Gesellschaft beginnt, wie wir gerade erleben, im Mikrokosmos der Nahbeziehungen. Auch Sozialwissenschaftler haben zu „Berührungen“ und „Abständen“ einiges zusagen, warten Sie es ab! 

Führt das Reflektieren in der „ästhetischen“ Öffentlichkeit eines Theaters und eines persönlichen Gesprächs nicht möglicherweise zu einer „Ästhetisierung“ und damit eventuell zu einer Distanzierung von dem, was sich doch substanzieller erschließen soll?

  • Im Gegenteil: das „Theater als moralische Anstalt“ und der intellektuelle Austausch führen erst zu substanziellen Reflexionen. Nie haben wir so deutlich wie gerade die Systemrelevanz der (nicht mehr so) Schönen Künste verstanden und schätzen gelernt.

Die Bedingungen, unter denen die Abende stattfinden, sind der Corona-Pandemie geschuldet. Welche Beobachtungen macht der Politologe in unserer vom Thema aufgeheizten Gesellschaft? Befindet diese sich in einer Krise? Und: Was können wir aus den Bedingungen unseres veränderten Alltags erkennen für eine zukünftige soziale und politische Gestaltung unseres Zusammenlebens?

  • Krise ist der Dauerzustand geworden, aber diese dürfte ein once-in-a-lifetime-event sein. Darin lauern große Gefahren, es besteht aber die Chance, in der Bewältigung der Pandemiefolgen nicht ins Business as usual zurückzufallen, sondern das „Hochfahren“ von Wirtschaft und Gesellschaft an einen substantiellen Beitrag für Klima- und Artenschutz und damit die Lebensbedingungen der nächsten Generationen zu sichern. 

Geht es in der Auftakt-Diskussion der Reihe „Ausnahmezustand“ an diesem Donnerstag um den Themenkomplex „Berührung“, stehen folgende weiteren Themen und Termine innerhalb der kommenden 14 Tage im Apollo-Theater Siegen (je 20 Uhr) an:

9. Juni: „Geburt und Tod“
10. Juni: „Liebe und Hass“
17. Juni: „Gewalt und Flucht“
18. Juni: „Schönheit und Verzückung“

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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