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Sprecher des Kunstrats zur Lage der Kultur
Wolfgang Suttner: "Reduktion und Transformation"

Wolfgang Suttner, ehemals Kulturreferent des Kreises Siegern-Wittgenstein, ist als Sprecher des Deutschen Kunstrats mit vielen strukturellen Themen der Kultur vertraut. Die SZ sprach mit ihm über deren Probleme, Aufgaben und Chancen.
  • Wolfgang Suttner, ehemals Kulturreferent des Kreises Siegern-Wittgenstein, ist als Sprecher des Deutschen Kunstrats mit vielen strukturellen Themen der Kultur vertraut. Die SZ sprach mit ihm über deren Probleme, Aufgaben und Chancen.
  • Foto: DA, Kunsthaus
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Siegen. 2022 – Einstieg ins nächste Jahr der Pandemie. Weiterhin leidet die Kultur unter den Einschränkungen, die Corona mit sich bringt. Manchmal scheint sie fast zu verschwinden, dann wieder zeigt sie trotzig ungeahnte Kräfte und kreative Ressourcen. Welche Möglichkeiten die Kultur im neuen Jahr haben könnte, was notwendig sein könnte, um sie krisenfester zu machen und ihren demokratischen Stand zu stärken, darüber sprach die SZ mit Wolfgang Suttner. Suttner (70), lange Jahre Kulturreferent des Kreises Siegen-Wittgenstein, ist seit mehr als fünf Jahren Sprecher des Deutschen Kunstrats, eines Teils des Deutschen Kulturrats.

Was ist der Status quo der Kultur?

pebe Siegen. 2022 – Einstieg ins nächste Jahr der Pandemie. Weiterhin leidet die Kultur unter den Einschränkungen, die Corona mit sich bringt. Manchmal scheint sie fast zu verschwinden, dann wieder zeigt sie trotzig ungeahnte Kräfte und kreative Ressourcen. Welche Möglichkeiten die Kultur im neuen Jahr haben könnte, was notwendig sein könnte, um sie krisenfester zu machen und ihren demokratischen Stand zu stärken, darüber sprach die SZ mit Wolfgang Suttner. Suttner (70), lange Jahre Kulturreferent des Kreises Siegen-Wittgenstein, ist seit mehr als fünf Jahren Sprecher des Deutschen Kunstrats, eines Teils des Deutschen Kulturrats.

Was ist der Status quo der Kultur?
Für ihn, betont Suttner, seien es besonders zwei Begriffe, die das Nachdenken über die Kultur derzeit prägten: „Reduktion“ und „Transformation“. In Gesprächen mit Veranstaltern mache er die Erfahrung, dass „im Moment im Kulturbetrieb eine große Lethargie“ herrsche, sagt er. Zwar gebe es weiter kulturelle Angebote, aber die permanenten Wechsel in den pandemiebestimmten Möglichkeiten verunsicherten Veranstalter wie Kunstschaffende gleichermaßen. Eigentlich, konstatiert er, „sind wir im März seit zwei Jahren fast kulturfrei“. Die Bedingungen, Kunst wahrzunehmen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, hätten sich massiv verändert. Das führe teilweise zu Rezeptionsabbrüchen: Museen, die genügend Raum und Schutzmöglichkeiten für Besucher böten, seien davon genauso betroffen, wie etwa die Veranstalter von Rock-Pop-Events: „Die sagen: Wir verkaufen Emotionen, und das funktioniert zurzeit nicht.“

Dem Stream fehlt der Zauber des Augenblicks

Streamen, meint der Kulturratssprecher, könne dieses Manko nicht ersetzen. „Das hat zwar Zukunft“, sagt er, „aber nur in bestimmten Bereichen. Der Zauber des Augenblicks fehlt.“ Das hat düstere Prognosen zur Folge: Es gebe Schätzungen, dass bis zu 40 Prozent der privatwirtschaftlichen Veranstalter „die Segel streichen müssen“. Dazu komme, dass auch die „kommunale Kultur“ davon betroffen sei: Noch seien Mittel da, aber oft zu wenig Personal. Und eine Umfrage bei den auch vom Kunstrat vertretenen Kunstvereinen habe ergeben, dass viele Kommunen bereits für 2023 Kürzungen ihrer Kulturetats von bis zu 30 Prozent angekündigt hätten.
Wie also kann Kultur gut und sinnvoll weitergehen?
Suttner überlegt einen Moment. „Der Kulturbereich“, sagt er dann, „wird sich in den nächsten fünf bis sechs Jahren stark reduzieren, aber auch wieder erholen.“ In dieser Reduktion sieht er eine große Chance. Weil es eben um den „Zauber des Augenblicks“ gehe, suchten die Menschen das „Mehr“ einer kleinen Veranstaltung: etwa das besondere Ambiente, die weichen Standortfaktoren wie das Umfeld oder die kompakte Konzentration auf ein Thema – als Beispiel nennt er das erst kürzlich eröffnete Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt/Main.

"Eventisierung der Kultur"

Man werde über die große „Eventisierung der Kultur“ nachdenken müssen. „Muss es wirklich noch Festivals geben, wo vorn zugehört und hinten getrunken wird?“, fragt er provokativ. Es werde in den nächsten Jahren nicht mehr möglich sein, große Stadien zu füllen. Auch Mega-Ausstellungen seien zu hinterfragen. Die Frage der Reduktion gelte ebenfalls für die bildende Kunst. „Kunstmessen fallen aus, virtuelle Räume ersetzen sie, aber der Kunstverkauf ist zurückgegangen.“

Was kommt: NFTs

Was sich gerade etabliere, sei die digitale Kunst mit der NFT-Technik: „Digitale Einmaligkeit wird zur Wertanlage im Netz.“ Wenn aber die gehandelte Kunst zukünftig großenteils im Netz existiere, dann sei das problematisch. „Das wird kaum Aura und Erleben ersetzen.“ Und viele Museen hätten bereits jetzt ein „Akzeptanzproblem“.
Wie geht der Kulturrat mit der Problemlage um – auch im Blick auf die neue Bundesregierung?
Der Kulturrat habe in der Krise etliches an Hilfen gefordert, sagt Suttner, 2021 seien Milliarden an Bundesmitteln für die Erhaltung von Kunst, Soloselbstständigen, Künstlern etc. sowie für die Veranstaltungsbranche geflossen. Dennoch gebe es bei Künstlern nur eine Förderquote von gerade einmal 15 Prozent, „viele bleiben extrem in Not“.

Aufnahme in Künstlersozialkasse

Der Kulturrat fordere daher eine bessere Absicherung, fährt er fort, es müssten bessere Rentenmöglichkeiten geschaffen, die Aufnahme in die Künstlersozialkasse erleichtert werden. Wichtigstes Ziel: eine Aufnahme der Kulturschaffenden in die Arbeitslosenversicherung – „das wäre revolutionär und würde die Anerkennung von Kulturproduktion als Erwerbstätigkeit bedeuten“.
Was erwartet Suttner von der neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth?
„Ich gehe davon aus, dass das Thema der sozialen Absicherung von Claudia Roth wohl in Angriff genommen wird“, sagt er. Er selbst habe übrigens vorgeschlagen, den Kauf von Kultur – vom Ticket bis zum Bild – steuerlich absetzbar zu machen. „Das würde direkt greifen.“ Roth werde wohl deutlich auf junge und avantgardistische Kunst setzen, aber auch ländliche Räume fördern. „Am wichtigsten aber wäre die Durchsetzung des Staatsziels Kultur.“
Was können die Künstlerinnen und Künstler selbst tun?
Viele Künstler und Künstlerinnen, überlegt Suttner, gingen zur Selbstvermarktung über, um sich unabhängig von Galerien zu machen. Es gebe auch regionale Vermarktungsplattformen, zu denen sich Kunstschaffende zusammenschlössen – „ein interessanter Ansatz“. Zudem sei es nötig, mehr in Vernetzungen und Kooperationen zu denken. „Wie kann man zum Beispiel das neue Haus der Philharmonie in Siegen noch für andere Kulturformen nutzen?“
Wie sieht die Zukunft für die Kultur aus?
Kulturpolitiker, die weit nach vorn schauten, sähen, dass sich die Kultur in einem Transformationsprozess befinde und eine neue Relevanz von Kultur entstehen müsse, sagt Suttner. Der gehe einher mit der bereits erwähnten Reduktion: weg von immer höheren Besucherzahlen, weg von Hierarchien und „Intendantentum“, hin zum Verständnis von Kultur als „Teamleistung“ und zu „lernenden Kulturverwaltungen“ mit Evaluationen und permanenter Weiterentwicklung. Zudem, so ergänzt Suttner, gebe es die Forderung nach einer „Verstetigung von Subventionen“ – „das gäbe Planungssicherheit“.

"Mehr als Vergnügen und Sekttrinken"

„Corona hat den Vorhang runtergezogen. Wenn der wieder richtig aufgeht, dann müssen wir genau überlegen, wie etwas geht und was geht. Das ist auch ein kathartischer Prozess.“ Denn Kultur sei mehr als „Vergnügen und Sekttrinken – sie ist Kommunikation und Beschäftigung mit unserer Befindlichkeit“.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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