Prof. Joseph Imorde referiert virtuell im MGK
Wolken, Dünste, Nebel …

Prof. Dr. Joseph Imorde sprach während der Vortragsreihe „Die Wolke und die Wolken“ über das Atmosphärische in der Kunst.
  • Prof. Dr. Joseph Imorde sprach während der Vortragsreihe „Die Wolke und die Wolken“ über das Atmosphärische in der Kunst.
  • Foto: MGKSiegen
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

sz Siegen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht lediglich ein Bündel nasser Wasserstoffteilchen, aus künstlerischer eine schemenhafte Karikatur, die es mit Leben zu füllen gilt: die Wolke. Ängste, Träume und Wünsche werden auf die vorbeiziehenden Schwaden projiziert, die sich über sämtliche Grenzen hinwegzusetzen scheinen, volatil und spielerisch immer wieder neue Formen annehmen und stundenlanges In-den-Himmel-Gucken zu einer durchaus selbsttherapeutischen Angelegenheit machen.
Das Museum der Gegenwartskunst in Siegen lässt das blasse Weiß der Wolke an Farbe gewinnen: Mithilfe einiger kreativer Köpfe und verschiedener Medientechnologien wird die Wolke zum Emblem eines Zeitalters, das geprägt ist von Vernetzung und Einsamkeit. In dem Sinnbild der Wolke spiegeln sich aktuelle Themen und kollektive Sehnsüchte wider.

Kooperation mit der Universität Siegen

Joseph Imorde, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Siegen und leidenschaftlicher Wolkenphilosoph, referierte am Donnerstagabend über die Wolke in ihrer wandelnd-atmosphärischen Dimension. Das Seminar war Teil der in Kooperation mit der Universität Siegen initiierten digitalen Vortragsreihe „Die Wolke und die Wolken“. Ein Trost für alle Kunstliebhaber, denen der Museumsbesuch coronabedingt verwehrt bleibt.

"Zeit" und "Wetter" - beide sind "Tempo"

Zunächst ein kleiner Italienisch–Exkurs: „Zeit“ und „Wetter“, zwei semantisch grundverschiedene Begriffe, stehen im Italienisch-Wörterbuch beide unter dem Wort „Tempo“. Das mag willkürlich erscheinen, erlangt aber im Laufe des Vortrags an Sinnhaftigkeit: So schrieb der berühmte Architekt Aldo Rossi in seiner 1981 erschienenen Autobiografie, er sei fasziniert von der Unstetigkeit architektonischer Bauwerke, deren Säulen, Dächer und Mauern durch die seichte Berührung mit einer Wolke an Ewigkeitscharakter verlören und Teil der subjektiven Gefühlswelt des Menschen würden.
Die Wolke nehme den Menschen an die Hand, nicht autoritär, aber dennoch auffordernd, und begleite ihn auf seinem Weg hin zu einer gesteigerten Selbstwahrnehmung. Durch den Prozess der vollständigen Immersion, des Selbstvergessens und der anschließenden Reflexion gelange das menschliche Bewusstsein in eine höhere geistige Sphäre; die Vergänglichkeit des temporalen Erlebnisses spiegelt gewissermaßen die eigene Endlichkeit wider.

In Ekstase die Menschenhaut abstreifen

Im Kontext neuer meteorologischer Erkenntnisse finde die Wolke schließlich Einzug in die Kunst, so Imorde. Große Künstler und die, die es werden wollen, versuchten sich daran, die Einmaligkeit selbsterlebter Wolken- und Nebelphänomene in künstlerische Medien zu übersetzen. Das klappe manchmal gut, manchmal weniger; dabei ist laut Joseph Imorde die Erfahrung atmosphärischer Temporalität das entscheidende Signum von ästhetischer Rezeption. Das Kunstwerk müsse seinen Betrachter wortwörtlich von den Socken hauen, ihn in einen Zustand der Zerstreutheit bringen, bis er in völliger Ekstase seine Menschenhaut abstreife, sie kurz danach wieder anlege und sich schwelgend des gerade Erlebten bewusst werde. Die ästhetische Subjektivierung von Kunst sei etwas sehr Intimes, von internem Lebensraum Abhängiges; und so könne der eine im plötzlichen Anblick des dialektischen Spannungsfeldes von Ästhetik und Tod einen Angstschub erfahren, während ein anderer dem vom Mond und Nebel verschlungenen Rom fröne.

Nächste Woche Benjamin Bratton

Am kommenden Donnerstag wird die Vortragsreihe mit einem Seminar von Benjamin Bratton fortgesetzt. Alle Vorträge sind außerdem auf dem YouTube-Kanal des Museums für Gegenwartskunst nachträglich abrufbar.

Autor:

Redaktion Kultur

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