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Thomas Thiel zeigt "Unsere Gegegenwart" im Museum für Gegenwartskunst
Zehn aktuellste Positionen plus Siegener Sammlungen

Thomas Thiel hat für seine erste eigene Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst ein kurioses Laboratorium aufbauen lassen: „Spa & Beauty“ der südkoreanischen Künstlerin Geumhyung Jeong thematisiert Körper, Schönheit und deren Optimierung.
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  • Thomas Thiel hat für seine erste eigene Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst ein kurioses Laboratorium aufbauen lassen: „Spa & Beauty“ der südkoreanischen Künstlerin Geumhyung Jeong thematisiert Körper, Schönheit und deren Optimierung.
  • Foto: Florian Broda
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Siegen. „Es gibt keine Garantie, dass wir überhaupt existieren“, schreibt der Pfau auf Englisch in einer Textnachricht. Und schiebt hinterher: „Wir könnten alle Bots sein.“ Was seine Kollegen, das Nilpferd, das Murmeltier oder der Strauß, zum Status quo texten und wie es ihnen aktuell geht, zeigt der ägyptische Künstler Basim Magdy (*1977) in seiner humorvollen Videoarbeit „New Acid“. Der Film, dessen Soundtrack menschliche Betrachter dazu bringt, auf ihr Handy zu gucken – es könnte ja eine neue Nachricht auf sie warten –, ist ein Kommentar zu unserer Gegenwart, der in die Zukunft weist. Was, wenn die Tiere übernehmen? Wo bleibt dann der Mensch? Vielleicht sind wir alle Bots? Ich chatte, also bin ich?

zel Siegen. „Es gibt keine Garantie, dass wir überhaupt existieren“, schreibt der Pfau auf Englisch in einer Textnachricht. Und schiebt hinterher: „Wir könnten alle Bots sein.“ Was seine Kollegen, das Nilpferd, das Murmeltier oder der Strauß, zum Status quo texten und wie es ihnen aktuell geht, zeigt der ägyptische Künstler Basim Magdy (*1977) in seiner humorvollen Videoarbeit „New Acid“. Der Film, dessen Soundtrack menschliche Betrachter dazu bringt, auf ihr Handy zu gucken – es könnte ja eine neue Nachricht auf sie warten –, ist ein Kommentar zu unserer Gegenwart, der in die Zukunft weist. Was, wenn die Tiere übernehmen? Wo bleibt dann der Mensch? Vielleicht sind wir alle Bots? Ich chatte, also bin ich?

Orientierung durch Kunst anbieten

Für menschliche Lebewesen ist die (globalisierte) Welt gerade etwas unübersichtlich. Thomas Thiel, der neue Direktor, möchte mit seiner ersten Ausstellung, „Unsere Gegenwart“, im Museum für Gegenwartskunst Siegen Möglichkeiten der Orientierung über die Kunst anbieten, etwa zu den Themen Kolonialisierung, Geschlechterfrage, Flüchtlingspolitik, digitale Frage – mit einem (gesicherten) Blick zurück und einem Ausblick auf eine mögliche Zukunft, wobei eigentlich alles im Fluss ist.
„Unsere Gegenwart“ (Eröffnung Freitag, 19 Uhr) zeigt im 2. Obergeschoss zehn aktuellste Einzelpräsentationen in unterschiedlichen Medien und fächert im 1. Obergeschoss die Siegener Sammlungen Lambrecht-Schadeberg und Gegenwartskunst neu auf, führt diese erstmals zusammen, präsentiert neue Bezüge. Dazu kommt im Foyer und auf der LED-Wand überm Eingang die Jahrespräsentation „MGKWalls“ – zwei Arbeiten der kroatischen Künstlerin Nora Turato (*1991).

Antoni Tàpies unterstützt aktuellste Kunst

Thomas Thiel kommt es darauf an, „mit der Sammlung zeitgenössische Positionen zu unterstützen“, seine Ausstellung hat er, wie er sagt, konsequent mit dem Blick aus dem Heute in die Vergangenheit konzipiert und nicht umgekehrt. Zwei Beispiele dafür: Zunächst begegnen den Besuchern im 2. Obergeschoss Arbeiten von Frida Orupabo (*1986 in Sarpsborg/Norwegen). Sie hat anfangs aus Familienfotos, später aus in Internetarchiven vorgefundenen Aufnahmen schwarzer Menschen Papiercollagen geschaffen. Die Figuren, liegend, hockend, werden betrachtet und starren zurück – der Blick, der einst, vielleicht vor 100 Jahren, vielleicht in Kolonien der Weißen, der Kamera galt, fällt jetzt direkt auf den Betrachter. Das „Insert“, wie Thiel es nennt, aus der Sammlung Lambrecht-Schadeberg im nächsten Raum – Antoni Tàpies’ zerdrückte Tonfigur „Cos“ aus dem Jahr 1987 – nehme man in diesem Zusammenhang vielleicht mit einem „anderen Blick“ war. Gegenwartskunst „unterstützt“ die aktuellste Gegenwartskunst.

"Silent" nimmt Bezug auf John Cages "4'33''"

Ein zweites Beispiel hierfür sieht Thomas Thiel bei der Arbeit „Silent“ des Berliner Künstlerinnen-Duos Pauline Boudry/Renate Lorenz. Für ihren Film „Silent“ haben sie auf dem Oranienplatz in Berlin, wo zwischen 2012 und 2014 ein Flüchtlings-Protest-Camp stand, eine Drehbühne aufgebaut, auf der eine Frau vor aufgebauten Mikros steht – und schweigt. Sie raucht, sie schaut in die Kamera und damit wieder den Betrachter direkt an, und alles, was man hört, sind die Umgebungsgeräusche. Drückt ihr Schweigen Stärke aus, oder wurde ihr der Mund verboten? Mit dieser Arbeit beziehen sich Boudry/Lorenz explizit auf John Cages Musikstück „4'33''“ von 1952. Wer das berühmte Schweigen der Instrumente noch nicht kennt, dem gibt Thiel einen Raum weiter Nam June Paiks filmischen Tribut an den Avantgarde-Komponisten zur Hand. Wer schon einen Raum weiter ist, hört allerdings Aérea Negrot im zweiten Teil des Films „Silent“ nicht mehr ihren Protestsong singen. Es lohnt sich, zu bleiben und erst danach weiterzuziehen durch „Unsere Gegenwart“.

Frage zum Brexit: "Wohin gehen Sie?"

Unsere Gegenwart, die höchst aktuell auch bestimmt ist vom Brexit. Eric Baudelaire (*1973, ein Amerikaner in Paris) hat die 650 Mitglieder des britischen Unterhauses und die 800 Mitglieder des Oberhauses schriftlich gefragt: „Sie verlassen Europa, aber wohin gehen Sie?“ 55 Antworten werden auf Plakaten mit karnevalesk farbigem Hintergrund ausgestellt. Eine Antwort lautet: „Nirgendwohin.“
Wer etwas wissen möchte über das Phänomen von Menschenmassen oder das Mittelmeer, das Europa mit Afrika verbindet und über das Flüchtlinge reisen, in dem Flüchtlinge sterben, wird bei den Videos von Clemens von Wedemeyer und Forensic Oceanography/Forensic Architecture fündig. Viel zu sehen gibt es bei Geumhyung Jeong. Die koreanische Künstlerin (*1980) hat sich in „Spa & Beauty“ mit der Schönheits- und Körperpflege-Industrie auseinandergesetzt. Plastikfiguren tragen Bürsten-Bart, handgearbeitete Bürsten werden zum Kultobjekt, Lotionen, Seifen und Cremes versprechen ewige Jugend und Schönheit: Es ist ein kurioses Laboratorium, in dem das Dran-Glauben eine große Rolle spielt.

"Stofflich": Polke, Grosse, Höfer

Die Neu-Präsentation der Sammlungen, federführend kuratiert von Ines Rüttinger, soll das ganze Jahr über zu sehen sein. Hier sind Rubenspreis- und Rubensförderpreisträger plus weitere Werke aus den Sammlungen im Dialog, alles Arbeiten, die zu ihrer Zeit Gegenwart abgebildet oder kommentiert haben. So werden zum Beispiel die Werke von Op-Art-Künstlerin Bridget Riley (Skizzen, Gouachen und „fertige“ Malerei) mit einem Video von Bruce Naumann zusammengebracht, über den die Rubenspreisträgerin selbst geschrieben hat, finden Arbeiten von Sigmar Polke (Stoffbilder), Katharina Grosse (Druck auf Seide) und Candida Höfer (Blick in eine venezianische Textilmanufaktur) zusammen – die Begriffe „Stoff“ oder „Textil“ bilden die Klammer. Körpergefühlsbilder von Maria Lassnig und Körper-Bilder von Lucian Freud erhalten Lena Henkes „My Trust“ (das Tor mit lederbezogenen Pferdefüßen, die jüngste Neuanschaffung) zur Seite, außerdem Tanzvideos, etwa von Simone Fortis. „Architektur“ oder „Stillleben“ sind weitere Klammern.
„Unsere Gegenwart“, bis 1. Juni, Museum für Gegenwartskunst, Siegen, Unteres Schloss 1, Eröffnung: Freitag, 14. Februar, 19 Uhr. Umfangreiches Begleitprogramm: www.mgk-siegen.de

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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