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Petra de Gans und Jürgen Scholl
Zum Tag der Blockflöte: "Verzierungen sind unser täglich Brot"

Das Siegener Musikerpaar Jürgen Scholl (l.) und Petra de Gans bildet zusammen mit Norbert Gamm seit 1991 das Trio Vinci, das sich der Alten Musik (zwischen Renaissance und Hochbarock) widmet. Dieses Bild ist bei einem Konzert 2016 in St. Joseph Weidenau entstanden.
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  • Das Siegener Musikerpaar Jürgen Scholl (l.) und Petra de Gans bildet zusammen mit Norbert Gamm seit 1991 das Trio Vinci, das sich der Alten Musik (zwischen Renaissance und Hochbarock) widmet. Dieses Bild ist bei einem Konzert 2016 in St. Joseph Weidenau entstanden.
  • Foto: Archiv/ne
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Niederschelden. Jetzt bitte nichts kaputtmachen! Jürgen Scholl hat einen hölzernen Zylinder in eine Blockflöte gesteckt und klopft von unten darauf, um den sogenannten Block herauszuholen, von dem die Flöte ihren Namen hat. Der Block ist am Kopf der Flöte zu finden, dort, wo man hineinbläst, und ist meist aus kanadischer Zeder, erklärt Petra de Gans. Er ist dazu da, das Wasser aufzunehmen, das beim Blasen in den Windkanal entsteht. „Kondensflüssigkeit ist das, keine Spucke“, sagt ihr Mann und lacht. Er versenkt den Block wieder in der Flöte und spielt ein paar Töne. Passt.

zel Niederschelden. Jetzt bitte nichts kaputtmachen! Jürgen Scholl hat einen hölzernen Zylinder in eine Blockflöte gesteckt und klopft von unten darauf, um den sogenannten Block herauszuholen, von dem die Flöte ihren Namen hat. Der Block ist am Kopf der Flöte zu finden, dort, wo man hineinbläst, und ist meist aus kanadischer Zeder, erklärt Petra de Gans. Er ist dazu da, das Wasser aufzunehmen, das beim Blasen in den Windkanal entsteht. „Kondensflüssigkeit ist das, keine Spucke“, sagt ihr Mann und lacht. Er versenkt den Block wieder in der Flöte und spielt ein paar Töne. Passt.
Die Blockflöte hat am Montag ihren internationalen Ehrentag, der seit 2007 begangen wird – kurios, aber ein guter Grund für einen Besuch beim Flötisten-Ehepaar Petra de Gans und Jürgen Scholl in Niederschelden und ein Gespräch über das Instrument, mit dem sich viele gequält haben und auf dem sich die süßesten Melodien spielen lassen – wenn man weiß, wie.

Die Liebe und die Liebe zur Alten Musik

Jürgen Scholl und Petra de Gans wissen es und geben ihr Wissen an der Fritz-Busch-Musikschule in Siegen weiter. Die Niederländerin hat in Zwolle studiert und dort 1988 ihr Konzertexamen abgelegt. In diesem Jahr lernte sie bei einem Blockflöten-Symposium in Amsterdam Jürgen Scholl aus Siegen kennen. Der hatte zunächst Lehrer werden wollen und sich dann doch noch für ein Musikstudium begeistert, am Standort Duisburg der Folkwang Universität der Künste, wo die Alte Musik gelehrt wird. Die Liebe war nun da und auch die gemeinsame Liebe zur Alten Musik (das heißt: zwischen Renaissance und Hochbarock entstanden) – aber wovon würden die beiden jungen, freischaffenden Musiker leben? Das war nicht einfach. „Wo wir zuerst zwei Jobs finden, da gehen wir hin“, haben sie sich gesagt, und das war Siegen.

Kein Leben aus dem Koffer

„In den 1990er-Jahren habe ich viel Geld verdient“, sagt Petra de Gans, die als Flötistin für Konzerte gebucht wurde und mit ihrem eigenen Pleasant Consort spielte. Irgendwie ist ihr dann aber der Ehrgeiz ein wenig abhanden gekommen, und: „Ein Leben aus dem Koffer, das wäre nichts für mich gewesen.“ Die 59-Jährige ist auch noch Lehrbeauftragte an der Universität Siegen – aber seit einigen Semestern hat sie keine Studierenden mehr, wird mangels Interesse nicht mehr angefragt. Jürgen Scholl (63) kennen bestimmt viele in der Region als Chorleiter, er gibt auch Gesangsunterricht an der Musikschule. Ihre Liebe zur Musik haben die beiden an ihre Tochter weitergegeben, die allerdings nicht Flöte, sondern Violoncello studiert hat. Scholl und de Gans geben heute beide 20 Wochenstunden Unterricht und wollen ihre Schüler-/innen für die Schönheit ihres Instruments begeistern, die sie beide immer noch spürbar gefangen nimmt.

„Flauto dolce“ für Liebe und Tod

Immer mal wieder nimmt einer oder eine eine Flöte in die Hand, spielt sie kurz an, um die unterschiedlichen Klänge zu demonstrieren. Die Renaissanceflöte – sie ist aus einem Stück und öffnet sich am unteren Ende fast wie eine Trompete – klingt irgendwie erdig-gedämpft und erinnert an die Stimmung, die das Weihnachtslied „Maria durch ein’ Dornwald ging“ in der Hörerin erzeugt. Und dann jubiliert die Barockflöte keck und klar, dass man mit ihr überschäumen möchte vor Begeisterung. Die barocke „Flauto dolce“ komme dann zum Einsatz, wenn es inhaltlich um Liebe oder Tod gehe, sagt Jürgen Scholl.

Hoflieferanten: Vivaldi, Händel und Telemann

Flötenmusik war höfische Musik und wurde von den reichen Leuten bestellt und bezahlt. Komponisten wie Vivaldi, Händel oder Telemann lieferten, die Ensembles spielten, ohne groß zu proben, sie hatten es einfach schon drauf. Alte Musik sei Improvisationsmusik, sagt Petra de Gans, schnellste Verzierungen bzw. Diminutionen sind auch „unser täglich Brot“ (Scholl). Bach hat für „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ im Instrumentalensemble neben zwei Gamben und Basso continuo zwei Blockflöten vorgesehen – „das lieben alle, davon träumen alle Blockflötisten“, weiß Jürgen Scholl.

Etwas eigenwillige Instrumente

In ihrem Musikzimmer bewahren sie rund 30 Instrumente auf, 20 davon sind historische Kopien: „Kostbarkeiten, die teilweise speziell für uns angefertigt wurden“, erklärt Scholl. Es gibt sie in allen Größen – von Sopranino bis zur mächtigen Großbassflöte mit Klappen, die ist höher als Petra de Gans groß. „Je länger die Flöte, desto tiefer der Ton“: So einfach ist das. Im Raum steht ein Luftbefeuchter. Ihre Instrumente fühlen sich erst bei 52 bis 55 Prozent Luftfeuchtigkeit richtig wohl. Überhaupt scheinen sie ein bisschen eigenwillig zu sein, die Flöten. Neue dürfe man auf keinen Fall länger als zehn Minuten am Stück spielen, sagt Petra de Gans, und dann müssen sie regelmäßig gespielt werden, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Und in einer kalten Kirche, vor einem Konzert, verschwindet die Flöte – wenn die Größe es zulässt natürlich – im Ärmel des Spielers, um sie auf Temperatur zu bringen. Grundsätzlich gilt: „Instrument und Spieler müssen zusammenpassen“, so Scholl. Und französische Musik frage nach einem anderen Instrument als etwa deutsche, englische oder italienische Musik.

„Je länger die Flöte, desto tiefer der Ton“: So einfach ist das. Petra de Gans und Jürgen Scholl haben in den Jahren ihres Musikerdaseins ein paar Kostbarkeiten angeschafft, die teils speziell für sie angefertigt worden sind.
  • „Je länger die Flöte, desto tiefer der Ton“: So einfach ist das. Petra de Gans und Jürgen Scholl haben in den Jahren ihres Musikerdaseins ein paar Kostbarkeiten angeschafft, die teils speziell für sie angefertigt worden sind.
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Die Blockflöte braucht Begleitung

Im Musikzimmer steht auch ein Cembalo, denn „die Blockflöte ist ein Melodieinstrument und braucht Begleitung“, sagt Petra de Gans. Das Musiker-Ehepaar spielt manchmal aus Lust und Laune heraus zusammen oder probiert was aus vor Konzerten: „eine Riesenchance“. Es gibt aber eine eherne Regel: „Wenn einer übt, dann hört man nicht zu!“ Jede/-r soll für sich allein und ohne Hemmungen Dinge ausprobieren. Mit Norbert Gamm als Drittem im Bunde kommen sie dann im Trio Vinci, benannt nach dem sizilianischen Renaissance-Komponisten Pietro Vinci, seit der Gründung 1991 (wieder) zusammen.

Brüggen für de Gans der "Allergrößte"

Mit der Wiederentdeckung der Alten Musik – vorrangig durch den Niederländer Frans Brüggen (1934–2014), den „Allergrößten“ (de Gans) – in den 1960er-Jahren wurden auch alte Noten in den Archiven wiederentdeckt, die zu besorgen und zu sammeln Scholl und de Gans ungemein Freude macht. Es ist aber nicht nur die Alte Musik, die die Blockflöten braucht, es gibt auch Neue Musik für das Instrument, etwa von Luciano Berio. Moritz Eggert hat für Petra de Gans ein Stück für Barockflöte und Schlagzeug geschrieben, das sie 2001 im Siegener Studio für Neue Musik uraufgeführt hat. „Es gibt viel zu entdecken“, finden die beiden Musiker, „eine Wunderwelt öffnet sich.“

Erst Flöte, dann ein "richtiges" Instrument

Während Generationen über die Blockflöte zur Musik hingeführt werden sollten (meistens zu einem „richtigen“ Instrument, scherzt Petra de Gans), ist die Flöte heutzutage oft nicht mehr das erste Instrument, das Kinder erlernen. Den Grund dafür sehen die Musiker in den Streicher- oder Bläserklassen an den Schulen. Oft kämen auch Eltern und Schüler mit einer gewissen Anspruchshaltung: „Das muss doch schneller gehen“, „Weihnachten spielst du ein Weihnachtslied“, so etwa.

Stolz auf Champollion, Voß und Co.

Beide möchten ihren Schülerinnen und Schülern aber die Freude an ihrem Tun und das Wohlempfinden, ja Glücksgefühl vermitteln, das dabei entstehen kann, wenn man mit dem eigenen Körper Töne erzeugt. Dabei seien die zehn gleichberechtigten Finger auf dem Instrument gar nicht das wichtigste: Vielmehr gehe es um den Atem und die Zunge, die für die richtige Artikulation sorgt. „Spiel mal bitte deinen Lieblingston, so schön, wie du kannst“, bittet Petra de Gans ihre ganz kleinen Flötenschüler schon mal. Und Scholl fragt: „Hat dir das jetzt gefallen?“ Da kommt man ins Nachdenken – und im besten Fall ans Üben. Nicht ohne Stolz berichten die Musiker von ihren Siegener Musikschülerinnen Elisabeth Champollion und Hannah Voß. Erstere ist mittlerweile studierte Blockflötistin, und Hannah Voß ist auf dem Weg dorthin. Es geht weiter in der nächsten Generation – die beiden stehen stellvertretend für mehrere Schülerinnen, die den Weg in die Professionalität eingeschlagen haben.

Musizieren tut Körper und Seele gut

Der Corona-bedingte Lockdown hat Scholl und de Gans echt zugesetzt, erzählen sie. Ja, Online-Unterricht haben sie gegeben, aber das war mehr als mühselig. Mühselig ist es auch, gegen die Sichtweise „Kinderbeschäftigung mit Musik“ anzulehren. Wozu das nötig sei, würden sie manchmal gefragt, Alte Musik, ein Leben für die und mit der Blockflöte und das alles. „Musik machen ist schon sehr gesund“, sagt Petra de Gans, „das ist fürs Menschsein wichtig.“ Und ihr Lebens-Duo-Partner ergänzt – und soll damit das letzte Wort haben: „Die Nützlichkeit definiert sich in der Seele."

Das Siegener Musikerpaar Jürgen Scholl (l.) und Petra de Gans bildet zusammen mit Norbert Gamm seit 1991 das Trio Vinci, das sich der Alten Musik (zwischen Renaissance und Hochbarock) widmet. Dieses Bild ist bei einem Konzert 2016 in St. Joseph Weidenau entstanden.
„Je länger die Flöte, desto tiefer der Ton“: So einfach ist das. Petra de Gans und Jürgen Scholl haben in den Jahren ihres Musikerdaseins ein paar Kostbarkeiten angeschafft, die teils speziell für sie angefertigt worden sind.
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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