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Serie: „Mein erstes Mal – Initialzündung Kultur“
Zweideutigkeit von Jordaens' Satyr gelernt

Jacob Jordaens, Der Satyr beim Bauern, um 1620.
  • Jacob Jordaens, Der Satyr beim Bauern, um 1620.
  • Foto: Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel - In einer losen Folge von Beiträgen stellen SZ-Redakteurinnen und -Redakteure ihr „erstes Mal“, eine Initialzündung oder ein nachhaltig prägendes und in Erinnerung gebliebenes Ereignis in Sachen Kultur vor. Nachfolgend der zweite Teil. Dieses Mal geht es um die Kunst. Gehen Sie mit uns in die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel!

zel Kassel/Siegen. Mit sieben oder acht ist es passiert: Ich habe mich in die Zweideutigkeit verliebt, und das kam so. Ich war in der Grundschule, welche Klasse weiß ich nicht mehr. Mit unserer Lehrerin, einer sehr feinen Frau, schlau, gerecht und heiter, haben wir einen Ausflug in die Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel gemacht und an einer Führung für Kinder mit Frau Lehmann teilgenommen, das weiß ich noch.

zel - In einer losen Folge von Beiträgen stellen SZ-Redakteurinnen und -Redakteure ihr „erstes Mal“, eine Initialzündung oder ein nachhaltig prägendes und in Erinnerung gebliebenes Ereignis in Sachen Kultur vor. Nachfolgend der zweite Teil. Dieses Mal geht es um die Kunst. Gehen Sie mit uns in die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel!

zel Kassel/Siegen. Mit sieben oder acht ist es passiert: Ich habe mich in die Zweideutigkeit verliebt, und das kam so. Ich war in der Grundschule, welche Klasse weiß ich nicht mehr. Mit unserer Lehrerin, einer sehr feinen Frau, schlau, gerecht und heiter, haben wir einen Ausflug in die Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel gemacht und an einer Führung für Kinder mit Frau Lehmann teilgenommen, das weiß ich noch. An kein anderes Bild, das Frau Lehmann uns damals gezeigt hat, kann ich mich richtig, also mit echten Erinnerungen, nicht den durch Abbildungen im Katalog aufgewärmten, erinnern, nur an den „Satyr beim Bauern“. Sogar den Namen des Malers, Jacob Jordaens, hätte ich parat, wenn man mich nachts um drei weckte.

Des Satyrs Teufelshörnchen fast übersehen

Was ein Satyr ist, wusste ich noch nicht, aber das ist ja das Großartige am Lernen: Danach weiß man es. Der Satyr an sich ist schon ein famoses zweideutiges Wesen, halb Mensch, halb Tier. Dieser Huf unterm Tisch hat mich arg beeindruckt. Sein Teufelshörnchen am Kopf hätte ich nicht gesehen, wenn Frau Lehmann uns nicht darauf hingewiesen hätte. Aber jetzt kommt‘s: Der Satyr wundert sich, dass der Bauer in die Suppe bläst, damit sie abkühlt. Eben noch hatte der Bauer sich in die Hände gepustet, damit sie warm werden! Ist das nicht fantastisch?

Nachgelesen: Äsop, Jordaens, Caravaggio...

Heute weiß ich, ich habe es nachgelesen auf der Homepage der Museumslandschaft Hessen-Kassel, dass das Motiv des Barockmalers (1593–1678) einer Fabel von Äsop entnommen ist, dass Jordaens es in mehreren Fassungen gemalt hat, dass „meine“ um 1620 entstanden ist, dass besonders die Darstellung des Bauern mit den nach vorn ausgestreckten Beinen von „caravaggesker Malerei“ inspiriert ist und dass der Satyr ob der Doppelzüngigkeit des Menschen entzürnt ist und gleich aufstehen und gehen wird, aber all das ist für mich gar nicht so wichtig.

Freude an Doppeldeutigkeiten ist geblieben

Diese Verwunderung über das Kalt-Blasen von Suppe und das Warm-Blasen von Händen, dass man mit ein und derselben Aktion zwei verschiedene Effekte erzielen kann, das ist für mich die Erkenntnis des Jahrhunderts! Da bin ich ganz das Grundschulkind in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts und meine fast, ich könnte nachfühlen, wie damals im Hirn neue Verbindungen entstanden sind. Die Redakteurin von heute fragt sich, ob ihre Freude an Wortspielen, an Doppeldeutigkeiten und an „Teekesselchen“ (oder Homonymen, das Wort kam ein paar Jahre später in ihr Leben) vielleicht etwas mit dieser damaligen Verwunderung zu tun haben könnte – aber das ist sehr weit hergeholt.

Der Museumspädagogik sei Lob und Dank

Ich bin dankbar, dass diese Kunst-Erfahrung so einprägsam war, dass sie all die Jahre überdauert hat, und möchte ein Loblied auf die Museumspädagogik singen. Sie lädt ein dazu, richtig zu sehen, verstehen zu wollen, sich überwältigen zu lassen – von der Kunst und vom Leben. Sie macht Aha-Effekte, wo gar keine Fragen waren. Vielleicht ist es nie mehr so gut wie beim ersten Mal.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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