1000 Menschen bei Versammlung

 „Wir wissen jetzt, dass wir immer noch nichts wissen.“ So fasste ein Eichener Beschäftigter der Thyssen-Krupp Steel Europe AG die kurz zuvor beendete Belegschaftsversammlung zusammen. Die knapp 1000 Männer und Frauen bangen um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Foto: Anja Bieler-Barth
  • „Wir wissen jetzt, dass wir immer noch nichts wissen.“ So fasste ein Eichener Beschäftigter der Thyssen-Krupp Steel Europe AG die kurz zuvor beendete Belegschaftsversammlung zusammen. Die knapp 1000 Männer und Frauen bangen um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Foto: Anja Bieler-Barth
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nja - „Es ist Gefahr im Verzug. Daher sollten wir uns an unsere eigene Kampfkraft in der Region erinnern und diese gegebenenfalls in die Waagschale werfen“: Willi Brase, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Littfeld, zeigte sich am Mittwoch verärgert und kampfbereit. Anlass für eine (nicht öffentliche) Belegschaftsversammlung der knapp 1000 Beschäftigten der Ferndorfer und Eichener Niederlassungen der Thyssen-Krupp Steel Europe (TKS) im „Eichener Hamer“ war die große Verunsicherung aller TKS-Beschäftigten, die seit Wochen auf ein Signal aus der Chefetage warten, wie es um ihre berufliche Zukunft bestellt ist.

Rund zwei Monate sei es nun her, dass Konzern-Chef Heinrich Hiesinger kundgetan habe: Egal ob TKS mit einem Mitbewerber fusioniere – Zusammenlegungs-Gespräche laufen offenkundig mit dem indischen Mischkonzern Tata – oder ob eine „Restrukturierung“ im Alleingang anstehe: Es sei mit Anlagen- und Standortschließungen zu rechnen. Das rief der heimische TKS-Betriebsratsvorsitzende Axel Ganseuer im SZ-Gespräch in Erinnerung. Er war mit rund 100 Kollegen, die eigens dafür Urlaub genommen hatten, zum Belegschafts-Aktionstag nach Duisburg gereist, um die Region dort, am Tag der Aufsichtsratssitzung, zu vertreten.

Dass man die Beschäftigten mit dieser Aussage im Unklaren lasse, hielten im Rahmen einer Pressekonferenz neben Brase auch Kreuztals Bürgermeister Walter Kiß, Mitglieder des TKS-Betriebsrats und der IG Metall für ein absolutes Unding. Kiß: „So geht man nicht mit seinen Beschäftigten um.“ Es sei an der Zeit, „Farbe zu bekennen und die Pläne offenzulegen“. Eine Aufgabe der Kreuztaler Standorte sei „nicht verhandelbar“.

Die Hoffnung, dass im Zuge der Sitzung des Aufsichtsrats öffentlich Klartext gesprochen werde, war nicht allzu groß. Zu der Verunsicherung der Kollegen komme erschwerend hinzu, dass sie in der Vergangenheit bereits „Fehler des Managements ausgeglichen haben“, sagte Andree Jorgella, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Siegen. Er erinnerte u. a. an den Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag, der seit 2014 eine verkürzte Arbeitszeit und damit Lohneinbußen von „monatlich 350 bis 400 Euro brutto“ (so Betriebsratsmitglied Friedhelm Klein) mit sich bringe. Im Gegenzug sollte es bis 2020 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Jorgella: „Das Motto lautete ,Wir sichern unsere Zukunft’.“ Nun müsse offenbar hinzu gefügt werden: Aber nicht von jedem. Die Forderung an die Konzernspitze laute: Es müssten alle Standorte mit „möglichst vielen Beschäftigten gesichert“ werden. Friedhelm Klein ergänzte: „Unsere Zukunft haben wir uns doch schon erkauft!“ Dazu Ganseuer: „Wir erwarten eine uneingeschränkte Aussage, dass der Vertrag eingehalten wird.“ Stattdessen halte sich die Konzernspitze ein Hintertürchen offen – unter dem Motto: „Bei grundlegenden Veränderungen müssen wir reden...“ Hiesinger, so Ganseuer weiter, suche offensichtlich einen Weg, „sich vom Stahl zu trennen“.

Es müsse ein deutliches Zeichen Richtung Konzernzentrale ausgehen, dass gegebenenfalls „der Druck erhöht wird“, betonte der frühere Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Otto. Ein Streik sei sicherlich eine Option. Er wusste, dass im Aufsichtsrat u. a. ein bedeutender Geschäftsverteilungsplan und der Beschluss über ein „zusätzliches Effizienzprogramm“ anstünden. „Der Schulterschluss mit der Politik ist wichtig“, betonte Frank-Reiner Feldmann, Geschäftsführer des TKS-Betriebsrats Siegerland. Willi Brase sagte zu, das Gespräch mit den Wirtschaftsministern von Land und Bund zu suchen: „Wenn es Hilfen für das Ruhrgebiet gibt, gehört das Siegerland dazu.“ Die europäische Stahllandschaft sei einem großen Druck aus Übersee ausgesetzt, und es seien zudem „dicke Fehler“ gemacht worden, so Otto weiter. „Wir leiden nicht unter einem Kapazitätsüberschuss, wir leiden darunter, dass zu wenig Stahl da ist“, berichtete Friedhelm Klein. An „normalen Tagen nehmen wir Schichten raus“; die Kollegen würden dann z. B. zum Fegen oder Streichen eingesetzt. Damit würden natürlich die Kosten in die Höhe getrieben, „Anlagen in die Ecke gedrängt“.

Laut Axel Ganseuer sind seit Oktober 2015 bis zum vergangenen Wochenende bereits 97 Schichten aus diesem Grund ausgefallen – „trotz sehr guter Auftragslage“. Er wusste zudem: Es sei die Rede davon, dass bis zum Frühjahr 2017 besagter Restrukturierungsplan vorliegen solle. Und dazu stünden alsbald Standort-Analysen an. Die IG Metall plant – sollte von der Konzernspitze weiterhin keine klare Marschrichtung kommuniziert werden – zunächst eine weitere Betriebsversammlung, zu der dann ein Mitglied des Konzernvorstands eingeladen werde. Die Belegschaft sei nicht nur verunsichert, sondern auch aufgebracht, wusste Axel Ganseuer. Befördert worden sei dies von der provokativen Aussage von Konzern-Finanzvorstand Guido Kerkhoff, der mit den Worten zitiert wird: „Man muss jetzt eine Periode lang eine gewisse Unsicherheit aushalten.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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