Neues Hobby mit 90 Jahren: Modellbau
1100 Stunden für einen Dreimaster

Für die Takelage beschaffte sich Hans Petruck zusätzliche Fäden. Neben dem Rumpf war es die komplizierteste Arbeit an dem Modell.
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  • Für die Takelage beschaffte sich Hans Petruck zusätzliche Fäden. Neben dem Rumpf war es die komplizierteste Arbeit an dem Modell.
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tile Siegen. Über Udo Jürgens „Mit 66 Jahren“ dürfte Hans Petruck nur müde lächeln. In seinen Sechzigern stand der heute 95-Jährige noch mitten im Berufsleben. Erst mit 90 (!) verabschiedete sich der in Köln-Deutz geborene Baubeschlagkaufmann in den wohlverdienten Ruhestand. Seine neugewonnene Freizeit füllt er seither mit einem (neuen) Hobby aus. In einem Alter, in dem bei anderen die Handgriffe im Alltag immer schwieriger werden, hat sich die rheinische Frohnatur, die seit Jahrzehnten am Fuße des Rosterbergs lebt, einer Präzisionsarbeit verschrieben: dem Modellbau.

Späte Liebe für die Schiffe entflammt

Vor allem Schiffe haben es dem emsigen Senior angetan. Warum? Das wisse er auch nicht so genau, lacht Petruck. Vielleicht, weil er die Herausforderung suchte. 15 Boote und Schiffe hat er in den vergangenen fünf Jahren gebaut; der Schwierigkeitsgrad nahm dabei stetig zu. Zu seiner Sammlung gehören unter anderem ein Krabbenkutter, ein Hochseerettungsschiff, ein Drachenboot sowie die Nachbildung des Floßes Kon-Tiki, das wiederum eine Kopie eines prähistorischen südamerikanischen Bootes war. Bestimmten Kriterien folgt der Modellbauer bei seiner Auswahl nicht. Außer einem: Die Miniaturen müssen aus Holz sein. Ansonsten spielt aktuelles Interesse eine Rolle, erklärt der Siegener, denn neben dem Bauen an sich interessiere er sich auch für die Geschichte des jeweiligen Modells.

"Wapen für Hamburg"

Auch über die „Wapen von Hamburg“ habe er sich zunächst informiert, bevor er den majestätischen Dreimaster aus dem 17. Jahrhundert zu seinem jüngsten und bis dato ambitioniertesten Projekt für die heimische „Werft“ erkor. „Ich wollte nie ein Kriegsschiff bauen“, erklärt Petruck, der als Funker im Zweiten Weltkrieg in ganz Europa die Schrecken des Krieges miterlebt hat. Aber die Historie des Konvoischiffs, das mit 54 Kanonen als Geleitschutz der Handelsflotte eingesetzt wurde, faszinierten den Hobby-Schiffsbauer. Zwölf Jahre lang sei es zur See gefahren, ehe es den Flammen zum Opfer fiel, bei dem 74 Seelen, zumeist Kanoniere, ihr Leben ließen. Die Brandursache blieb ungeklärt. Hans Petruck ist überzeugt, dass er mit dem Wissen um die Geschichte eines Schiffes einen anderen Zugang, ein tieferes Verständnis des jeweiligen Modells bekommt.

Der Bau selbst kostet viel Zeit und Geduld. Beides hat Petruck im Überfluss. Er stehe früh auf, frühstücke und setze sich dann bis mittags an den Schreibtisch und baue. Nach der Mittagsruhe gehe es am Nachmittag für einige Stunden weiter, beschreibt er seinen Tagesablauf. Neun Monate habe er an der „Wapen von Hamburg“ gesessen – ca. 1100 Stunden, rechnet der Witwer vor. Das Schwierigste sei der Rumpf gewesen, weil die millimeterdünnen Planken nicht gerade verliefen. Zunächst müsse der Bauch des Schiffes, das Gerippe, beplankt werden. Dann wird der Rumpf geschliffen, ehe eine zweite nur 0,5 Millimeter dünne zweite Beplankung erfolgt, die wiederum geschliffen werden muss. Oberdeck und Masten seien im Vergleich dazu einfacher zu bauen gewesen. Die Takelage, für die er zusätzliche Fäden kaufte, habe ihn dann wiederum herausgefordert. Über das Bemalen verliert er schon gar kein Wort mehr.

100x45x90 cm große Miniatur

Allein der erste Blick auf das einen Meter lange, 45 Zentimeter breite und 90 Zentimeter hohe Modell genügt, um staunend festzustellen: Die Mühen haben sich gelohnt. Imposant thront die „Wapen von Hamburg“ auf Petrucks Gartentisch. Im Tageslicht des wintergartenähnlichen Balkons wundert es nicht, dass ein Schifffahrtsverein das Modell unbedingt an seinem Messestand auf der „Indermodellbau“ in Dortmund präsentieren wollte. Petrucks Sohn baute dafür eigens eine Schutzkiste für den Transport. Es sei vielleicht eines der meistfotografierten Modelle gewesen, blickt der 95-Jährige zufrieden zurück. Wenig später kamen auch die Besucher der Modellbauausstellung in der Wilnsdorfer Festhalle in den Genuss des beeindruckenden Anblicks.

Herz schlägt für die Eisenbahnerei

Hans Petruck und die Schiffe – eine späte Liebe, obgleich er sich bereits 1948 an einem ersten Modell versuchte: der Santa Maria. Auch diese steht auf dem vom ihm – natürlich – selbst ausgebauten Dachboden, wo der fünffache Familienvater (drei Söhne, zwei Töchter) aber vor allem seine eigentliche Schwäche zur Schau stellt: die Eisenbahnerei, ebenfalls in Miniaturform, versteht sich. Angefangen habe es 1955/56 mit einer halben Quadratmeter großen Platte. Mittlerweile nimmt eine ganze Eisenbahnlandschaft die eine Seite des Dachbodens komplett ein. Für die Gleise hat er sogar einen kleinen Durchbruch vorgenommen. Drei Treppen tiefer ein ähnliches Bild, denn auch im Keller ist ein ganzer Raum weiteren liebevoll gestalteten Szenen gewidmet, die der Schienenwelt als Kulissen dienen.

Auf ein System festgelegt hat sich Hans Petruck nicht. Sowohl Spur N als auch Spur H0 hat er (getrennt voneinander) verbaut. Nicht immer gehören die Figuren und Gebäude am Rande der Schienen zu den Originalserien. Der Bastler hat sich sichtliche Freiheiten genommen, die hier und da vielleicht unpassend erscheinen, andererseits das Gesamtwerk zu etwas Einzigartigem und Besonderem machen. Seine liebe Gattin Maria, mit der er 62 Jahre glücklich verheiratet war, habe ihm den notwendigen Freiraum gegeben – und zwar buchstäblich. Sie habe die permanente Neuorganisation der Räume mit großer Ruhe geduldet, erzählt Petruck. Oft habe sie ihn sogar darin bestärkt.

Neues Projekt: der Orient Express

Die Liebe zum Modellbau hat er an zwei seiner drei Söhne vererbt, die jedoch mit Karton bauen. Das handwerkliche Geschick hat sich der Baubeschlagkaufmann zumeist selbst angeeignet. Vieles habe er sich bei den Handwerkern abgucken können, mit denen er über all die Jahrzehnte zusammenarbeiten durfte. Auch in den eigenen vier Wänden hat er häufig lieber selbst Hand angelegt, anstatt die entsprechenden Gewerke zu engagieren.

Für sein nächstes Projekt hat Hans Petruck der See (vorerst) den Rücken gekehrt. Auf dem Schreibtisch steht der Rohbau eines Eisenbahnwaggons: der Schlafwagen des Orient Express, im Maßstab 1:32 von Märklin. Daneben liegen Bohrer, Pfeile und Pinzette, einen Arbeitsplatz weiter steht eine Bandsäge. Hier wird der 95-Jährige in den kommenden Monaten hunderte Stunden verbringen, um eine eisenbahnerischen Legende nachzubauen – mit wachen Augen, ruhiger Hand und ganz viel Freude an der Arbeit selbst.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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