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Naturefund steigt als Sponsor ein
18 Kilometer Zaun für Wisente

Die bereits ausgewilderten Wisente sollen in den kommenden drei Jahren wieder eingegattert werden. Vorgesehen ist eine Fläche von 840 Hektar.
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  • Die bereits ausgewilderten Wisente sollen in den kommenden drei Jahren wieder eingegattert werden. Vorgesehen ist eine Fläche von 840 Hektar.
  • Foto: Dirk Manderbach (Archiv)
  • hochgeladen von Tim Lehmann (Redakteur)

vö Siegen/Bad Berleburg. Das Jahr 2020 wird zu einem immens wichtigen für die Zukunft des Wisent-Projekts in der Region. „Es geht entscheidend voran“, sagte Bernd Fuhrmann am Freitagmorgen bei der Jahres-Pressekonferenz des Trägervereins im Bad Berleburger Bürgerhaus. Zum einen soll in diesem Jahr ein 18 Kilometer langer Zaun um die frei lebenden Wisente auf dem Rothaarkamm errichtet werden, zum anderen steht der Kreis Siegen-Wittgenstein unmittelbar davor, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das die Basis für eine politische Entscheidung zur Fortsetzung oder zum Stopp des Artenschutzprojekts liefern soll (die Siegener Zeitung berichtete exklusiv). Als Sponsor engagiert sich ab sofort die Wiesbadener Naturschutzorganisation Naturefund für das Wisent-Projekt – mit 50 000 Euro jährlich.

vö Siegen/Bad Berleburg. Das Jahr 2020 wird zu einem immens wichtigen für die Zukunft des Wisent-Projekts in der Region. „Es geht entscheidend voran“, sagte Bernd Fuhrmann am Freitagmorgen bei der Jahres-Pressekonferenz des Trägervereins im Bad Berleburger Bürgerhaus. Zum einen soll in diesem Jahr ein 18 Kilometer langer Zaun um die frei lebenden Wisente auf dem Rothaarkamm errichtet werden, zum anderen steht der Kreis Siegen-Wittgenstein unmittelbar davor, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das die Basis für eine politische Entscheidung zur Fortsetzung oder zum Stopp des Artenschutzprojekts liefern soll (die Siegener Zeitung berichtete exklusiv). Als Sponsor engagiert sich ab sofort die Wiesbadener Naturschutzorganisation Naturefund für das Wisent-Projekt – mit 50 000 Euro jährlich.

Stillstand überwunden

Bernd Fuhrmann, der Vorsitzende des Trägervereins, unterstrich, „dass wir den Stillstand der vergangenen Jahre überwunden haben“. Der Trägerverein habe Anfang Januar den Genehmigungsantrag zum Bau eines 18 Kilometer langen Zauns gestellt, der vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW in Auftrag gegeben werde. Dies sei der Kompromissvorschlag aller Projektpartner, nachdem der Landesbetrieb das Zielgebiet untersucht habe. Der Zaun kreise, so der Bad Berleburger Bürgermeister, 840 Hektar Fläche ein – 700 Hektar im Schmallenberger Staatsforst und 140 Hektar auf dem Gebiet das Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer. Damit wären die Wälder der Schmallenberger Waldbauern außen vor.

Der Zaun sei zwei Meter hoch, erklärte Bernd Fuhrmann, 20 Tore stellten sicher, dass die Premium-Wanderwege in der Region weiterhin frei zugänglich seien – in enger Abstimmung mit den Touristikern. Johannes Röhl, 3. Vorsitzender des Vereins, ergänzte, dass der Zaun unterschiedlich angeschlagen werde, so dass alle anderen Wildtiere problemlos die Seiten wechseln könnten. Dies habe sich bereits in der Wisent-Wildnis bei Wingeshausen sehr gut bewährt.

Zaun ist ein Kompromiss, keine Ideallösung

Eines machte der Vorsitzende aus der Sicht des Trägervereins allerdings deutlich: „Der Zaun war und ist nicht unsere Idealvorstellung.“ Und: Sicherlich sei es der Wunsch der Projektverantwortlichen gewesen, mehr Fläche als die jetzt gefundenen 840 Hektar darzustellen. Allerdings sei dies der tragfähige Kompromiss, der mit Unterstützung von NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser erarbeitet worden sei – als mittelfristige Lösung. Dem habe der Trägerverein zugestimmt, weil drei ganz wichtige Voraussetzungen gegeben seien. Zum einen sei die Übergangslösung auf drei Jahre befristet, zum anderen dürfe die Entscheidung keine negative Auswirkungen auf Sponsoren und Unterstützer haben: „Wir möchten unsere Handlungsfähigkeit behalten.“ Und nicht zuletzt habe der Verein stets ein ergebnisoffenes Gutachten gefordert – unter dem Strich könne entweder stehen, dass sich die Wisente in der Region bewährt hätten oder „eben ein anderes Ergebnis“. Darauf hätten sich die Beteiligten der Steuerungsgruppe eingelassen.

840-Hektar-Gehege - "kleiner darf es nicht werden"

Deren Sprecher ist Landrat Andreas Müller, der in der Pressekonferenz deutlich machte, dass es erklärte Zielsetzung des Kompromisses gewesen sei, „eine sehr Konflikt behaftete Situation zu befrieden“. Der Artenschutz auf der einen Seite und die wirtschaftliche Nutzung des Waldes auf der anderen Seite seien nachvollziehbare Interessenslagen, beide Seiten müssten mit „Schmerzpunkten“ leben. Der Landrat erörterte, dass für den eingezäunten Bereich ein Suchgebiet von 1600 Hektar Fläche in Augenschein genommen worden sei – übrig geblieben seien die 840 Hektar: „Kleiner darf es aber definitiv nicht werden.“ Zumal hier der erste Schmerzpunkt ansetze. Er halte es für schwierig, von einem Artenschutzprojekt zu sprechen, wenn man dies in einer Eingatterungssituation fortführen werde. Aber das sei der Kompromiss.

Ansage an Waldbesitzer in Schmallenberg und Olpe

Er gehe davon aus, so der Kreishaus-Chef, dass der Zaun im Sommer realisiert werde, der Landesbetrieb Wald und Holz werde den Auftrag ausschreiben. Das Genehmigungsverfahren sei schon „eine erhebliche Dimension“. Der Verlauf des Zauns sei weitgehend geklärt, abgesehen von einem Teilstück rund um den Schmallenberger Ortsteil Latrop. Dort werde Ministerin Ursula Heinen-Esser am Mittwoch, 26. Februar, persönlich zu einer Informationsveranstaltung erwartet. Ein klares Wort adressierte Andreas Müller an die Waldbesitzer im Raum Olpe und im Schmallenberger Sauerland, deren „Schmerzpunkt“ eindeutig die Zeitschiene sei. „Ein Kompromiss macht nur dann Sinn, wenn die Konfliktparteien auch dazu stehen. Warum versuchen wir, ein Projekt zu befrieden, wenn die Lösung schon vor der Umsetzung infrage gestellt wird?“ Eine Aussage, die offenkundig an Waldbesitzer Lucas von Fürstenberg adressiert war, die jüngst erneut verbal gegen das Wisent-Projekt ausgeteilt hatte.

Gutachten soll Basis für politische Lösung sein

Der Landrat bezog Position, welche Erwartungen die Steuerungsgruppe an das Gutachten knüpfe – das ja auch vom Bundesgerichtshof (BGH) mit Nachdruck gefordert werde: „Wir werden das Thema nicht gerichtlich klären können. Es muss eine politische Entscheidung auf sachlicher Grundlage geben. Und dieser Weg führt nur über das Gutachten.“ Es sei die Fragestellung zu beantworten, ob die Freisetzungsphase erfolgreich gewesen sei oder nicht – die Antwort darauf sei entweder die Übergabe der Tiere in die Herrenlosigkeit oder eine Beendigung des Projekts. Der Kreis werde, so Andreas Müller, das Gutachten in Auftrag geben, das allerdings vom Land NRW finanziert werde. Zeitschiene: „Wir rechnen mit einer Bearbeitungszeit von zwölf bis 15 Monaten.“

ETN-Stiftung zieht sich zurück, Naturefund springt ein

Bernd Fuhrmann, Vorsitzender des Wisent-Trägervereins, nutzte beim Jahres-Pressegespräch die Gelegenheit, um sich bei allen Sponsoren zu bedanken, „die trotz aller Schwierigkeiten immer bei der Stange geblieben sind“. Dies sei eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Projekt überhaupt fortgesetzt werden könne. Der Bad Berleburger Bürgermeister griff explizit den Wisent-Stammtisch des Dorfvereins Aue-Wingeshausen heraus, der immer hinter dem Projekt gestanden habe – und dies auch in Zukunft tue. Dagegen musste Bernd Fuhrmann den Abschied der ETN-Stiftung vermelden, die den auslaufenden Vertrag Ende 2019 zum Ausstieg als Sponsor genutzt habe: „Die Stiftung war mit dem Kompromiss nicht einverstanden, der ausgehandelt wurde. Man wollte den Weg nicht mitgehen, das müssen wir akzeptieren.“

Jährliche Unterstützung mit 50.000 Euro

Dafür zauberte der Vorsitzende einen neuen Unterstützer aus dem Hut: Es gehe kontinuierlich weiter mit dem Projekt, gemeinsam sei es gelungen, die Naturschutzorganisation Naturefund aus Wiesbaden als Partner zu gewinnen. Aus der hessischen Landeshauptstadt fließen jährlich 50.000 Euro in das Artenschutzprojekt im Rothaargebirge. Bernd Fuhrmann machte deutlich, dass es nicht allein um eine finanzielle Unterstützung, sondern auch um eine inhaltliche Beteiligung gehe.

Neuer Sponsor ist "total geehrt"

Naturefund-Geschäftsführerin Katja Wiese betonte am Freitag, „dass wir total geehrt sind, bei diesem für Westeuropa einzigartigen Artenschutzprojekt dabei sein zu dürfen“. Aus ihrer Sicht gehe es bei dem Wisent-Projekt um eine entscheidende Fragestellung: Nämlich die, wie viel Natur der Mensch eigentlich bereit sei, zuzulassen. Und: „Sind wir als Menschen bereit dazu zu lernen? Denn wir müssen lernen, der Klimawandel lässt uns überhaupt keine andere Chance.“ Eines dürfe ja nicht vergessen werden, sagte Katja Wiese. Der Wald werde nicht durch die Wisente zerstört, dafür sei der Borkenkäfer verantwortlich – und dass der da sei, habe Ursachen.

"Es gibt tausend Ideen"

Die Naturschützerin bescheinigte dem Trägerverein, dass er das Wisent-Projekt hervorragend kommuniziert habe. Es sei ein Projekt, das neugierig mache und eines, das Nebenwirkungen entfalte, die vielleicht noch gar nicht sichtbar seien. Naturefund fördere bei Jena ein Projekt mit ausgewilderten Hausrindern, das schon nach kurzer Zeit zu einer Naturverjüngung beigetragen habe. Sie sei einfach froh darüber, „dass wir die Wisente begleiten dürfen, es gibt tausend Ideen“.„Beide Seiten profitieren voneinander, wir können uns viel mitgeben“, fasste es Dr. Michael Emmrich, Pressesprecher des Wisent-Projekts, abschließend treffend zusammen.

Die bereits ausgewilderten Wisente sollen in den kommenden drei Jahren wieder eingegattert werden. Vorgesehen ist eine Fläche von 840 Hektar.
Das Wisent-Projekt und die Naturschutzorganisation Naturefund aus Wiesbaden gehen ab sofort gemeinsame Wege: (v. l.) Klaus Brenner (2. Vorsitzender Trägerverein), Landrat Andreas Müller, Katja Wiese (Geschäftsführerin Naturefund), Johannes Röhl (3. Vorsitzender Trägerverein) und Dr. Michael Emmrich (Pressesprecher Wisent-Projekt).  Foto: Martin Völkel
Autor:

Martin Völkel (Redakteur) aus Bad Berleburg

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