Gericht fällt Urteil nach sexuell motivierter Nötigung
22-Jähriger muss 3000 Euro Schmerzensgeld zahlen

Er sei ein Sonderfall, muss sich der Angeklagte (22) gleich von mehreren Seiten vorhalten lassen. Das klingt hart, ist am Ende aber sogar gut für den jungen Mann.
  • Er sei ein Sonderfall, muss sich der Angeklagte (22) gleich von mehreren Seiten vorhalten lassen. Das klingt hart, ist am Ende aber sogar gut für den jungen Mann.
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  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

mick Siegen. Er sei ein Sonderfall, muss sich der Angeklagte (22) gleich von mehreren Seiten vorhalten lassen. Das klingt hart, ist am Ende aber sogar gut für den jungen Mann. Er war wegen sexueller Nötigung vor dem Jugendschöffengericht angeklagt, verurteilt wird er schließlich wegen versuchter Nötigung. Ohne den gefährlichen Zusatz, der ihm locker ein paar Jahre in Haft hätte bringen können. Was der Vertreter der Nebenklägerin auch „vor der Hauptverhandlung erwartet“ hatte, wie der Jurist in seinem Schlussvortrag betonte.

Reales Treffen arrangiert

Vor zwei Jahren unternahm der Angeklagte etwas, „was er im Nachhinein als größten Fehler seines Lebens betrachtet“, formulierte Verteidiger Benedikt Sütter später. Ende August 2018 vergaß eine Bekannte ihr Mobiltelefon im Auto seines Mandanten. Das Gerät war nicht durch eine PIN gesichert. Der Angeklagte durchforstete die Dateien, kopierte mehrere Bilder der jungen Frau, die sie in Unterwäsche zeigten und sicherte auch Aufnahmen von Videos, die beim Geschlechtsverkehr mit ihrem Lebensgefährten entstanden waren. Die schickte er seinem Opfer über eine Internetplattform, über die beide schon seit Längerem in Kontakt standen. Was sie tun würde, damit diese Aufnahmen nicht an die Öffentlichkeit kämen, wollte er – anonym – von ihr wissen. Sie habe versucht Zeit zu gewinnen, sagte die heute 20-Jährige im Zeugenstand. Sie war entsetzt, beschloss aber relativ schnell, sich an die Polizei zu wenden: „Mir war klar, dass er das nicht löscht, egal, was ich tue!“ Die Beamten mühten sich, fanden aber keinen Anhaltspunkt auf die Identität des Täters über die Plattform, auf der niemand verpflichtet sei, sich mit realen Daten anzumelden. „Wir mussten in den sauren Apfel beißen und ein reales Treffen arrangieren“, berichtete einer der Polizisten.

Praktikantin als Lockvogel

Die Zeugin wurde instruiert, den Erpresser bei Laune zu halten und nicht zu verärgern. Sie ging zum Schein auf dessen Spiel ein, verabredete sich für den 6. September mit ihm unter der HTS in Geisweid. Am Nachmittag des entsprechenden Tages wartete dann eine Praktikantin der Polizei, „die der Geschädigten ähnlich sah“, auf dem von Beamten überwachten Gelände. Sie wurde von den Einsatzkräften regelmäßig über die bis zuletzt ausgetauschten Chatnachrichten auf dem Laufenden gehalten. Als der Täter sich zögerlich näherte und aus seinem Wagen ausstieg, wurde er festgenommen.

"Kein Gewalt-Sexualstraftäter“

Der Angeklagte wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen. Später wurden entscheidende Passagen aber doch mitgeteilt. Er hat gestanden und dem Gericht glaubwürdig vermittelt, in letzter Konsequenz keine reale Gefahr für die Geschädigte verkörpert zu haben. Alles nur sexuelle Phantasien im Kopf des Angeklagten, fasste Staatsanwältin Jahan Memarian-Gerlach zusammen und glaubte diesem, dass am Ende des Tages wohl nichts passiert wäre. „Er ist kein Gewalt-Sexualstraftäter.“ Seitens der Jugendgerichtshilfe wird dem jungen Mann eine leichte Reifeverzögerung attestiert. Beruflich stehe er „mit beiden Beinen fest im Leben“, weise aber in emotioneller Hinsicht, auch in Bezug auf das andere Geschlecht, deutliche Defizite auf. Richterin Dr. Sandra Al-Deb’i-Mießner und ihre Schöffen sprachen nach über fünf Stunden Verhandlung eine Verwarnung aus, verzichteten auf eine Maßregel gegen den nicht vorbestraften 22-Jährigen. Er muss seinem Opfer, das nach wie vor Angst hat, allein auf die Straße zu gehen, 3000 Euro Schmerzensgeld zahlen, weitere 500 an den Weißen Ring. Zudem wird ihm auferlegt, mindestens sechs Termine in der Beratungsstelle „Echte Männer reden“ wahrzunehmen. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge“, betont die Vorsitzende. Sie hoffe, dass ihm dies eine Lehre sei und er nicht wieder vor Gericht komme. „Dann wird es massiv für Sie!“

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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