Abschied von Evau-Big-Band

Fordern, aber nicht überfordern: Hartmut Sperl gründete die Evau-Big-Band 1981 als junger Referendar und leitet sie bis heute. Foto: BandDie Big Band des Ev. Gymnasiums gibt noch ein großes Konzert am 16. März im Jazzclub Oase im Siegener Lÿz. Seit 1981 gibt es die Formation, in der neben Schülern auch viele Ehemalige mitspielen und -singen. Wenn der musikalische Leiter Hartmut Sperl im Juli in den Ruhestand geht, ist Schluss mit Rock, Blues und Soul. Foto: Band 
  • Fordern, aber nicht überfordern: Hartmut Sperl gründete die Evau-Big-Band 1981 als junger Referendar und leitet sie bis heute. Foto: BandDie Big Band des Ev. Gymnasiums gibt noch ein großes Konzert am 16. März im Jazzclub Oase im Siegener Lÿz. Seit 1981 gibt es die Formation, in der neben Schülern auch viele Ehemalige mitspielen und -singen. Wenn der musikalische Leiter Hartmut Sperl im Juli in den Ruhestand geht, ist Schluss mit Rock, Blues und Soul. Foto: Band 
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zel - Count Basie, Duke Ellington? Nicht mit uns! Christina Aguilera, Huey Lewis? Ja bitte! „In The Mood“ ist eher die Ausnahme. Statt zu swingen – wer das nicht im Blut hat, den möchte man nicht zwingen – spielt die Evau-Big-Band seit über 35 Jahren Rock ’ n ’ Roll, Funk, Soul und Blues. „In The Mood“ aber haben sie im Repertoire, und das ist auch gut so, denn das Stück ist ein Eisbrecher, erinnert sich Hartmut Sperl, der Leiter der Band des Ev. Gymnasiums (Evau). Bei einem Empfang – eine Delegation aus Israel war zu Gast bei Landrat Paul Breuer – waren irgendwann genug Reden gehalten worden, die Big Band ließ den Glenn-Miller-Klassiker erschallen, und die Gäste aus Israel tanzten! „Don’t stop!“, wünschten sie sich, und die Siegener Musiker spielten eine Stunde lang, es wurde heiß im Gläser-Saal.

Nicht aufhören! Der Wunsch wird Wunsch bleiben, denn Ende Juli ist Schluss mit der Evau-Big-Band. Hartmut Sperl, Lehrer für Musik und Französisch, geht in den Ruhestand. Lange habe er gedacht, er könne die Band weiter leiten, aber das wird nichts. „Ich habe dann keinen Kontakt mehr zu den Schülern“, erklärt er, und damit auch keine Möglichkeit mehr, Nachwuchs zu rekrutieren. Vor allem die Rhythmus-Gruppe ist ein bisschen schwach auf der Brust, die aktuellen Mitglieder, die Klavier, Bass, Schlagzeug, E-Gitarre spielen, machen demnächst Abi. Sperls Musiklehrer-Kollegen sind eher klassisch unterwegs, wie er sagt, leiten erfolgreich Streicher- und Vokalklassen – die logische Schlussfolgerung also ist: der Schluss, und zwar dann, wenn es am schönsten ist. Die Big Band, die derzeit aus gut zehn Schülern des Ev. Gymnasiums und ebenso vielen Ehemaligen und frei Assoziierten besteht, ist momentan gut drauf, wie man beim „Full House Jazz“ im Krönchen-Center oder auf dem Siegener Weihnachtsmarkt hören konnte: „Meine Leute haben toll gespielt“, lobt Sperl. Vier Sängerinnen (darunter Sperls Tochter Luisa und Jana Kebschull) und ein Sänger (Karsten Burkard, der Anfang der 90er-Jahre dazukam und den man auch aus anderen Formationen kennt) rocken und rollen zusammen mit den Musikern. „Wir waren nie eine reine Schul-Band“, erinnert sich der musikalische Leiter, aber sehr wohl war die Big Band immer mit dem Evau und ihm als Musiklehrer verbunden.

1981 war der junge Hartmut Sperl Referendar am Ev. Gymnasium, aus seinem Musikunterricht und einer Unterrichtsreihe zu Jazz und Improvisation entstand zunächst eine sechsköpfige Combo – die immer größer wurde, so dass sie das Wörtchen „big“ im Namen verdiente. Sperl hat über das Projekt seine zweite Staatsarbeit geschrieben, die Band ist all die Jahre eine Herzensangelegenheit gewesen und ist es bis heute: „Ich bin nie mit Unlust zu einer Probe gegangen“, sagt der 64-jährige Pädagoge. Zwar fällt die Leitung der Big Band in sein Stundenkontingent, aber „ich bin kein Musik-Beamter!“, das heißt: Es wurden Überstunden gemacht, und zwar gerne. Mit zwei Grundsätzen ist er all die Jahre gut gefahren: Die Songs müssen anspruchsvoll, aber spielbar sein; und er will die Mitspieler fordern, aber nicht überfordern. Wenn einer von sich aus kommt und ein Solo spielen will: „Ein Traum!“ Bei den acht bis zehn Konzerten pro Jahr liegt es an ihm, auf der Bühne die Fäden zusammenzuhalten. Früher hat der musikalische Leiter alles für „seine“ Formation selbst arrangiert, heute könne man tolle Noten überall kaufen, sagt er. Die Band spielt nach Noten, aber wenn ein Solist mal länger improvisieren will, müssen aller Augen auf Hartmut Sperl gerichtet sei, denn er gibt das Zeichen, wann es für alle wo wieder losgeht.

Die Evau-Big-Band ist nicht nur Botschafterin ihrer Schule, sondern auch Botschafterin Siegens in aller Welt. Sperl erinnert sich gern an eine Reise zur Partnerschule in Lille 1998, wo in drei Tagen vier Konzerte gespielt wurden („da war ich im Delirium“), 1999 führte eine Reise zur Partnerschule in Pardes Hanna in Israel. Hier wurde gerade des Todestags von Yitzhak Rabin gedacht – was spielen? Mit „Summertime“ lag die Band genau richtig, die Bläser spielten einen Choral vor 800 Leuten: Gänsehaut! Ein noch größeres Publikum erreichte die Evau-Big-Band in den 90ern beim Ev. Kirchentag in Leipzig mit Stücken aus aller Welt. Bei der Jazz-Rally (!) in Düsseldorf ging Hartmut Sperl die Düse: Sollten da nur Kenner im Publikum sein, würde man bestehen? Sehr wohl, das Publikum auf dem Marktplatz ging so gut mit wie meistens oder immer bei den Konzerten. Das 30-Jährige feierte die Big Band groß mit einem Konzert im Apollo-Theater und einem Live-Mitschnitt: „Candy Man“ heißt er und ist eine von insgesamt sieben CD-Produktionen.

„Den Kontakt zum Publikum, den werde ich vermissen.“ Sperl, der vor dem Renteneintritt noch zwei Monate in Elternzeit geht, wird allerdings weiterhin solo am Klavier, mit seiner großen Tochter, mit dem Hartmut-Sperl-Trio und mit der Groove Company auftreten und so den Kontakt zum Publikum nicht vermissen müssen. Wer die Evau-Big-Band jetzt schon vermisst, hat noch mindestens zwei Gelegenheiten, sie live zu erleben: Das erste Vor-Abschieds-Konzert ist am Samstag, 20. Januar, 20 Uhr, im Café Basico in Kreuztal. Dann kommt ein Probenwochenende im Haus Felsenkeller in Altenkirchen – zur Vorbereitung auf das Konzert am Freitag, 16. März, 20 Uhr, im Jazzclub Oase (dessen Vorsitzender Sperl 15 Jahre lang war) im Kulturhaus Lÿz in Siegen. Als Sahnehäubchen ist höchstwahrscheinlich Trompeter Martin Reuthner dabei, der die Uni-Big-Band Siegen leitet. Für die Reihe „Sonntagnachmittags um vier im Schlossgarten“ hat sich Sperl noch beworben, und der definitiv letzte Auftritt wird beim Abiball sein. Laut soll es werden, wünscht sich Sperl, laut und tanzbar, vielleicht erklingt noch einmal „In The Mood“. Als Rausschmeißer kann sich der Big-Band-Leader „Sgt. Pepper’s Lonely Heart’s Club Band“ von den Beatles vorstellen, denn da heißt es am Schluss: „We hope you have enjoyed the show!“ Und dann soll nach 37 Jahren wirklich Schluss ein. Man ist jetzt schon „in the mood“, in der Stimmung für ein bisschen Wehmut …

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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