BIS AUF WEITERES
Ach, mein Rosterberg

SZ-Redakteur Thorsten Stahl.
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Klak-klak-klak machte es am Morgen, Klak-Klak-Klak am Vormittag, Klak-Klak-Klak die ganze Zeit. Verursacher war der junge Navid Kermani, dem es erlaubt war, angesichts seiner Sauklaue im Unterricht eine Schreibmaschine zu benutzen. Klak-klak-klak war nicht nur irgendein nervtötendes Geräusch, es war der Soundtrack der Toleranz. Ermöglicht durch das noch nicht von Rubens okkupierte Gymnasium Am Rosterberg, meiner alten Schule. Einer Schule, die nun bald Geschichte ist. Eine zwangsläufige Entwicklung, gleichwohl eine tief traurige.

In den 80ern, die meine Generation ohnehin als das beste Jahrzehnt seit der Höhlenmalerei von Lascaux verklärt, waren es am Rosterberg wunderbare Jahre – und das nicht nur, weil ich mit den gleichnamigen Prosa-Texten von Reiner Kunze lernte, dass es neben Tolkien noch andere lesenswerte Sachen gibt. Der Rosterberg stand seinerzeit für einen Tick mehr Freiheit und Freigeist – nicht so mit Tradition überladen wie das Löhrtor, nicht so konfessionell gebunden wie das „EV“, und schon mal gar nicht so scheinelitär wie das FJM. Dafür nahmen wir gerne den Ruf in Kauf, die Förderschule unter den Gymnasien zu sein.

Hier konnte man einen Blech-Mülleimer mittels vier China-Böllern zielgenau am Direktor vorbei aufs Dach schießen, ohne rausgeschmissen zu werden, und sich in jeder Freistunde im Schmidt-Markt vis-à-vis mit Nährstoffen versorgen. Wir lernten Latein und irgendwas über reziproke Frösche (oder so ähnlich), aber auch Windsurfen und Tiefschneefahren. Und uns wurden am Tag nach einem Stones-Konzert in Köln vom viel zu früh verstorbenen Rolf Rosenkranz die Bühnenanordnung und Laufwege von Mick Jagger an die Tafel gemalt.

Der Rosterberg hatte so vieles, nur eines nicht – eine Lobby. Gerne wurde in späteren Jahren mit der Schule politisch-pädagogisch experimentiert. Das Aus jetzt hat natürlich viele Gründe.
Für mich wird es auf immer und ewig besagter Ort der Toleranz bleiben, auch wenn Navid das irgendwie anders sieht. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Unser Jahrgang neigt das Haupt und ist mächtig stolz auf ihn. Aber wieso wird von uns keiner mal zu einer Lesung ins Apollo eingeladen?

t.stahl@siegener-zeitung.de

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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