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Prozess um Raubüberfall in Achenbacher Furt
Acht Jahre und zwei Monate Haft gefordert

Vor dem Landgericht Siegen verkündet Elfriede Dreisbach am Montag (9. Dezember) das Urteil gegen den Mann, der eine junge Frau brutal überfallen haben soll.
  • Vor dem Landgericht Siegen verkündet Elfriede Dreisbach am Montag (9. Dezember) das Urteil gegen den Mann, der eine junge Frau brutal überfallen haben soll.
  • Foto: Christian Schwermer
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs Siegen. Waldemar Gomer musste während seines Plädoyers so manches Mal Luft holen und mit einem Schluck Wasser die trocken werdende Kehle spülen. Am Ende seines langen Vortrages forderte der Staatsanwalt für den 29-jährigen Deutschen, der sich wegen einer Vielzahl von Delikten vor der 1. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts verantworten muss, eine Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten. Räuberische Erpressung, räuberischer Diebstahl, besonders schwerer Diebstahl, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung, Körperverletzungen, Beleidigungen, Unterschlagung, unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln, Bedrohung, versuchte gefährliche Körperverletzung – eine so lange Liste von Taten wird vor dem Landgericht nicht alle Tage verhandelt.

cs Siegen. Waldemar Gomer musste während seines Plädoyers so manches Mal Luft holen und mit einem Schluck Wasser die trocken werdende Kehle spülen. Am Ende seines langen Vortrages forderte der Staatsanwalt für den 29-jährigen Deutschen, der sich wegen einer Vielzahl von Delikten vor der 1. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts verantworten muss, eine Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten. Räuberische Erpressung, räuberischer Diebstahl, besonders schwerer Diebstahl, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung, Körperverletzungen, Beleidigungen, Unterschlagung, unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln, Bedrohung, versuchte gefährliche Körperverletzung – eine so lange Liste von Taten wird vor dem Landgericht nicht alle Tage verhandelt.

"Ich weiß nicht, wo Sie das hernehmen"

Bemerkenswert: Die höchste Einzelstrafe, nämlich fünf Jahre und sechs Monate, forderte die Staatsanwaltschaft für einen Vorfall bei einem 26-jährigen Zeugen. Der Angeklagte soll in der Absicht, Schulden einzutreiben, in dessen Wohnung eingedrungen sein und mit einem Messer auf das Türblatt der Zimmertür eingestochen haben, hinter der sich der Zeuge verbarrikadierte. Das wertete die Staatsanwaltschaft als räuberische Erpressung – sehr zur Verwunderung von Verteidiger Christoph Rühlmann (Düren). „Ich weiß nicht, wo Sie das hernehmen. Sie behandeln das ja wie einen Banküberfall“, zog der Rechtsanwalt die Augenbraue hoch und sah lediglich Sachbeschädigung und Nötigung als erwiesen an.

Verwunderung über Forderung der Staatsanwaltschaft

Nicht schlecht staunte der Jurist, als Waldemar Gomer für den Raubüberfall auf eine junge Frau in der Achenbacher Furt lediglich auf eine Haftstrafe von drei Jahren plädierte, obwohl dieser „keinen Zweifel“ an der Schuld des Angeklagten habe. Zur Erinnerung: Im März dieses Jahres wurde eine 24-Jährige auf dem Nachhauseweg brutal überfallen, niedergestreckt und ihr die Handtasche entwendet.
Wenn man davon ausgehe, dass sein Mandant diese schreckliche Tat begangen habe, hätte er damit gerechnet, dass die Staatsanwaltschaft „in die Vollen“ geht. „Hier sind wir schließlich nah dran an einem Kapitalverbrechen“, führte Christoph Rühlmann aus, das sei die Tat, die „am meisten bewegt“. Er sei nicht nur persönlich von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, es lägen „sehr, sehr wenig Beweismittel“ vor. Ins Visier des Verteidigers rückte vor allem das Vorgehen des 34-jährigen Beamten, der den Fall betreute hatte. Der Polizist hatte der Geschädigten eine Sprachnachricht des Angeklagten vorgespielt, woraufhin diese den 29-jährigen anhand der Stimme wiederzuerkennen glaubte und als ihren Peiniger identifizierte. „Fehlerhaft“ und „nahe dran an der Unverwertbarkeit“ sei das Vorgehen des Ermittlers gewesen, so die schonungslose Analyse des Verteidigers. Dass der Polizist dem Opfer nicht mehrere Sprachnachrichten verschiedener Männer vorgespielt hatte, hatte dieser lapidar damit erklärt, es sei technisch nicht möglich gewesen.Christoph Rühlmann: „Natürlich war es machbar!“

Verteidigung fordert drei Jahre und drei Monate Haft

So sei die Zeugin negativ beeinflusst worden. Dass Polizisten eine emotionale Bindung aufbauten und helfen wollten, könne er als Strafverteidiger nachvollziehen, das gehe ihm als Rechtsanwalt bei manchen Mandanten ebenfalls so, auch wenn dies nicht bei „jedem Drecksack“ gegeben sei. Auch der Widerspruch in der Aussage des 26-jährigen Zeugen, der die rote Handtasche des Opfers erst beim Angeklagten und dann bei dessen Freundin gesehen haben will, sei nie aufgelöst worden. Der junge Mann sei zwar ein „netter Kerl“, aber psychisch Krank. Seinem Mandanten könne man den Überfall in der Achenbacher Furt nicht anlasten, schlussfolgerte Christoph Rühlmann und plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

"Gefahr für die Gesellschaft" oder "Entdämonisierung"?

Auch in der Gesamtbetrachtung aller Taten unterschieden sich die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger deutlich. Während Waldemar Gomer konstatierte, der Angeklagte sei „erheblich vorbelastet“, weise „hohe kriminelle Energie mit einem extremen Maß an Aggression und Gewaltbereitschaft“ auf und sei „eine Gefahr für die Gesellschaft“, sah Christoph Rühlmann eine „Entdämonisierung des Intensivstraftäters“. Zwar habe sein Mandant viele Taten in einem kurzen Zeitraum begangen, er sei aber überzeugt davon, dass der Angeklagte nach entsprechender Therapie „noch einmal einen ganz anderen Weg“ einschlagen könne. Rühlmann: „Da sind überhaupt nicht Hopfen und Malz verloren“, es gelte aber zunächst, die dissoziale Persönlichkeitsstörung seines Mandanten zu behandeln. Gomer und Rühlmann plädierten in seltener Einigkeit auf eine zweijährige Unterbringung in einer Erziehungsanstalt.

"Ich bedaure alles, was passiert ist"

Zum letzten Wort erhob sich der Angeklagte und beteuerte: „Ich bedaure alles, was passiert ist.“ Niemals habe er jemandem Angst machen wollen, er sei „krank und traumatisiert“ und schäme sich. Vielleicht sei er eines Tages so stark, dass er anderen helfen könne – „die Jungs können nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind“. Wenn man sich in der Szene unterstütze, dann „nur mit Scheiße“. Über die vom Angeklagten geschilderte Subkultur im Siegerland staunte Christoph Rühlmann nicht schlecht: „Man glaubt, nicht in Siegen zu sein – sondern in einer Großstadt der USA.“
Das Urteil spricht Vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach am Montag, 9. Dezember, um 12.30 Uhr.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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