Afrika seinen eigenen Weg finden lassen

Absage an die »staatszentrierte Strategie« / Vortrag von Prof. Dr. Trutz von Trotha

ewi Siegen. Die »Utopie« des modernen Staates, der Rechtsstaatlichkeit und des Vorrangs des Allgemeinen ist nach Untersuchungen des Siegener Soziologen Prof. Dr. Trutz von Trotha dem Zerfall ausgesetzt. Und so bewegt sich dieser Staat wieder auf Organisationsformen zu, die eigentlich das Normale auf der Welt sind. In Schwarzafrika, so von Trotha in der Ringvorlesung Forum Siegen, gelten diese alten Formen dagegen nach wie vor. Sein Vortragsthema lautete »Die Zukunft liegt in Afrika«. Die dort geltende »konzentrische Ordnung«, in der der Machthaber zunächst seine Leute bedenkt, komme auch hierzulande wieder zum Zuge, wie es sich bei der Bevorzugung der Parteifreunde zeige. »Was können wir von Afrika für uns lernen?« fragte von Trotha daher zu Beginn seiner Ausführungen.

Die Voraussetzungen, die üblicher Weise für eine erfolgreiche Entwicklung sozioökonomisch rückständiger Regionen der Erde gemacht werden, sind, so der Referent, eine ausreichende Legitimität des Staates, ein konstruktiver Gestaltungswille der staatlichen Institutionen, die Durchsetzung von Normen und das Gewaltmonopol des Staates. Diese »staatszentrierte Strategie« – konzipiert nach der Blaupause des westlichen Staates – sei allerdings abseits der westlichen Welt weitgehend gescheitert. Für Afrika habe sie sich als Sackgasse erwiesen. Sie sei aber auch für die westliche Welt selber eine Utopie, weil sich selbst hier Rechtsstaatlichkeit und Primat des Allgemeinen gegenüber den konkreten Beziehungen auf dem Rückzug befänden. Wie jedoch bei Wiederkehr des Vorrangs der sozialen Beziehungen die Alternative letztlich aussehen solle, wisse heute noch niemand.

Schwarzafrika, so von Trotha aus eigener Anschauung, sei großenteils an der Staatsbildung gescheitert. Das gelte vor allem für das Gewaltmonopol. Der Kontinent sei aber ein Experimentierfeld für neue Formen sozialer Ordnung geworden. Über die informelle Dezentralisierung entstünden »parastaatliche« Ordnungen. Der postkoloniale Staat habe die Häuptlingstümer nicht beseitigt. Die Häuptlinge kehrten sogar gestärkt zurück.

Schwarzafrika hat sich weithin auch dem Rechtsstaat verweigert (Ausnahme ist besonders Südafrika). Tatsächlich hat das Rechtswesen nur geringe »Reichweite«. Daneben bestehe die ungebrochene Kraft alter Rechtstraditionen. Solches, so von Trotha, mache Afrika indes nicht einzigartig. Selbst in Europa sei der Rechtsstaat nicht die Regel, der klassische Rechtsstaat befinde sich sogar »in einem rasanten Zerfallsprozess«. Das sagten in Deutschland sogar namhafte Juristen.

Schwarzafrika habe auch kein Verständnis für den Primat des Allgemeinen im öffentlichen Leben. Die konzentrische Ordnung der Macht sehe so aus, dass die Bittsteller von den Machthabern den Gunstbeweis erbitten, der ihnen aus sozialen Gründen zusteht. Demgegenüber lehnen Demokratie und Rechtsstaat den Vorrang primärer Beziehungen ab. Weltgeschichtlich betrachtet sei dieses Erbe der griechischen Polis indes »bizarr«. Korruption als Triumph des Grundsatzes der Gegenseitigkeit spiele wieder eine wachsende Rolle. Normalfall sei eben die konzentrische Ordnung, wonach dem jeweils Nächsten etwas geschuldet wird. Der Sozialwissenschaftler sieht darin aber für Afrika nicht etwa einen Niedergang. Dort zeige sich eine »Zivilisation im Aufbruch«. Ein eigenständiger Individualismus des Wagemuts, den entwurzelte junge Männer auf der Suche nach Arbeit an den Tag legen, eröffne auch neue Chancen. Afrika sei Europa deshalb vielleicht nur voraus.

Aber muss nicht der demokratische Staat trotz allen Zerfalls doch immer wieder den Primat des Allgemeinen in wichtigen Bereichen erneuern, um gravierende Probleme zu lösen? Und bleiben nicht die großen Probleme Afrikas wie Aids, Hungersnöte usw. unter den Bedingungen konzentrischer Ordnungen unlösbar? Die Frage der SZ blieb ungeklärt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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