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Journalist aus dem Iran lebt in Siegen
Alireza Parvin hat Angst vor der Abschiebung

(Über-)Leben in Bildern: Alireza Parvin archivierte seine achtjährige Zeit im bayerischen Flüchtlingsheim.
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  • (Über-)Leben in Bildern: Alireza Parvin archivierte seine achtjährige Zeit im bayerischen Flüchtlingsheim.
  • Foto: Alireza Parvin
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sabe Siegen. Alireza Parvin ist mit einem Dolmetscher zum Treffpunkt mitten in Siegen gekommen. Sein blütenweißer Hemdkragen kann über die Schatten unter den Augen nicht hinwegtäuschen. Alireza schläft schlecht, gefühlt seit seinem ganzen Leben. 1980 beginnt der Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak, in den 1990er-Jahren machen die sogenannten Kettenmorde Schlagzeilen, denen vor allem oppositionelle Intellektuelle zum Opfer fallen. In diese zerschlagene Welt wird 1981 ein Kind geboren. Alireza Parvin tut seine ersten Kinderschritte in Hamadan, einer Stadt im Iran.
Als 1986 Bomben das Haus von Alirezas Eltern zerstören, wird der Fünfjährige das erste Mal aus der Unbekümmertheit seiner Kindheit gerissen, das erste Mal schmeckt er die Bitterkeit seiner Wirklichkeit.

sabe Siegen. Alireza Parvin ist mit einem Dolmetscher zum Treffpunkt mitten in Siegen gekommen. Sein blütenweißer Hemdkragen kann über die Schatten unter den Augen nicht hinwegtäuschen. Alireza schläft schlecht, gefühlt seit seinem ganzen Leben. 1980 beginnt der Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak, in den 1990er-Jahren machen die sogenannten Kettenmorde Schlagzeilen, denen vor allem oppositionelle Intellektuelle zum Opfer fallen. In diese zerschlagene Welt wird 1981 ein Kind geboren. Alireza Parvin tut seine ersten Kinderschritte in Hamadan, einer Stadt im Iran.
Als 1986 Bomben das Haus von Alirezas Eltern zerstören, wird der Fünfjährige das erste Mal aus der Unbekümmertheit seiner Kindheit gerissen, das erste Mal schmeckt er die Bitterkeit seiner Wirklichkeit. Nach dem Angriff zieht Alirezas Familie für eine kurze Zeit nach Teheran und 1988 wieder zurück in die alte Heimat.

Vater steckt Alireza Parvin mit Leidenschaft für Fotografie an

Alirezas Vater, leidenschaftlicher Fotograf, steckt den kleinen Jungen mit seiner Begeisterung an. Mit 13 nimmt Alireza an einem Fotowettbewerb der örtlichen Zeitung teil und gewinnt. Er hat nicht nur das beste Foto gemacht, sondern auch die beste Geschichte dazu geschrieben. Spätestens seitdem gehört sein Herz der Fotografie, dem Journalismus.
Mit 18 zieht es ihn zurück in die Hauptstadt, er will seinem Traum ein Stückchen näherkommen, in Teheran Fotojournalismus studieren. Als der Vater, sein großes Vorbild, an den Folgen des Krieges stirbt, bekommt seine Welt wieder ein paar Risse. Alireza schafft es trotzdem, sehr weit sogar. Er wird Parlamentsfotograf mit Zugang zum obersten Führer.

Alireza Parvin.

Er hat Talent, andere Augen als die Masse. Schnell gewinnt er an Ansehen und Prestige, es geht rauf auf der Karriereleiter, bis ihn sein Blick auf die Welt zu Fall und in ein deutsches Flüchtlingslager bringt. Alireza hatte die Häuserfronten der Intellektuellen fotografiert, denen durch die Kettenmorde ihr Leben genommen wurde. Er habe mit seinen Bildern das Leben zeigen wollen, wie es wirklich ist, wird er später in einem kühlen Konferenzraum einer Siegener Firma sagen. Er findet, dass er das der Wirklichkeit schuldig ist. „Meine Bilder sollen die Geschichten des Lebens zeigen.“

Fotos dürfen im Iran nicht veröffentlicht werden

Alireza darf die Fotos im Iran nicht veröffentlichen, es folgt Berufsverbot, er wird auf der Straße verprügelt, auf eine schwarze Liste gesetzt. Daraufhin flieht er 2013 aus dem Iran nach Deutschland. Er, seine zwei Brüder und die Mutter, bezahlen Schlepper mit dem letzten Ersparten und ihrer Hoffnung. „Eine Flucht voller Ängste.“ Irgendwann landet er in Hammelburg, Bayern, im Flüchtlingsheim der Kleinstadt. Auch das Leben dort hält er auf Fotos fest. Die Fotostrecke reicht über acht Jahre. Solange hofft, betet, wartet er.

Während die Anträge der Mutter und der zwei Brüder anerkannt werden, wird Alirezas Asylgesuch 2017 endgültig abgelehnt. Alireza denkt zuerst an einen Fehler. Er habe nicht glauben wollen, dass er in das Land zurück soll, in dem seine Fotografie für ihn Folter bedeutet, habe nicht glauben wollen, dass die Behörden seine Vergangenheit als nicht glaubwürdig einstufen, die der Brüder und der Mutter aber schon.

Es vergehen Jahre im Duldungsstatus, „quälende Jahre“, immer noch im Flüchtlingsheim, dann kommt Alireza nach Siegen. Er hat hier Verwandte, eine Cousine. Die Stadt sei sehr kooperativ gewesen, sagt sein Dolmetscher, hätte die privaten Anstrengungen unterstützt, Alireza aus der Aussichtlosigkeit Hammelburgs zumindest in ein familiäres Umfeld bringen zu dürfen.

Alireza Parvin arbeitet bei einem Unternehmen in Siegen

Seit über eineinhalb Jahren arbeitet er, der Fotograf, nun Vollzeit im Schichtdienst einer Siegener Firma, bezahlt Einkommens- und Kirchensteuer, versucht sich in seinen Sprachkenntnissen zu verbessern. Sein geduldetes Leben in Siegen wird ein bisschen zum Alltag. Zwischen schlechten Nächten hat er gute Tage. „Jeder Tag, an dem ich frei fotografieren darf, ist ein guter Tag.“ Alireza tut viel, um sich zu integrieren. Um „ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu werden“, wie er sagt. Nichts wünsche er sich mehr als ein normales Leben.

Dafür ist er zum Treffpunkt gekommen – Siegener Firmengelände, leerer Besprechungsraum. Die Gefahr, abgeschoben zu werden, glaubt er, sei momentan besonders groß. Alireza wird schon seit längerem von den Behörden aufgefordert, einen iranischen Pass vorzuzeigen. Weil er keinen besitzt, soll er ihn in der iranischen Botschaft beantragen. „Wie kann man einen Menschen, der aus Angst vor Folter und Verfolgung durch ein diktatorisches Regime geflohen ist, dazu auffordern, eben jene Peiniger und Verfolger um einen Reisepass zu bitten“, fragt er.

Verfälschtes Bild vom Iran in Deutschland

Außerdem, lässt er übersetzen, spreche das gegen alle seine Prinzipien. „Weil ich das iranische Regime nicht anerkenne und es damit nicht legitimieren möchte.“ In Deutschland, glaubt Alireza, habe man durch die Medien ein verfälschtes Bild vom Iran. „Jedes Bild, das gezeigt wird“, sagt der ehemalige Parlamentsfotograf, „hat eine Genehmigung von den Sicherheitsbehörden. Wie die politische Lage im Iran tatsächlich aussieht, scheint hier niemand zu wissen.“ Deshalb twittert er darüber, bloggt dazu. Erst kürzlich hat er mit anderen Geflüchteten einen Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer verfasst.
Er erzählt von einem anderen Iraner, der der Aufforderung nachgekommen sei, sich den iranischen Pass besorgt habe und dann sofort abgeschoben worden sei. Davor, sagt der Fotograf ohne Heimat, habe er die größte Angst.
Ihm bricht die Stimme weg, der Übersetzter leiht ihm seine: „Sie sind bestimmt gut informiert, was im Iran einem zum Christentum konvertierten Bürger passiert?“

(Über-)Leben in Bildern: Alireza Parvin archivierte seine achtjährige Zeit im bayerischen Flüchtlingsheim.
Alireza Parvin.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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