Alter Stoff in neuem Gewand

Uni-Studiobühne versetzt mit »Die Träume der Klytämnestra« griechische Mythen ins Heute

dan Siegen. »Ich lebe unter der Last der Schuld«, führt der Erzähler die Zuschauer in die Geschichte ein. Es ist eine alte Geschichte von großen Gefühlen – wie Hass, Neid, Gier, Eifersucht und Liebe, die die gesamte Menschheit von jeher bestimmten. In der Hinsicht hat auch antiker Stoff nichts an Aktualität einzubüßen. Offen bleibt aber die Frage nach der Wirkung alter Mythen, werden sie literarisch in die Gegenwart verpflanzt. Verlieren sie ihre gewaltige Größe, wenn sie dem Zuschauer näher kommen oder bedrängen sie ihn umso stärker? Mit der Frage fühlt man sich zweifellos konfrontiert, führt man sich das neueste Projekt der Studiobühne der Uni Siegen, »Die Träume der Klytämnestra«, das am gestrigen Abend im Lÿz Premiere feierte, zu Gemüte.

Unter der Regie von Prof. Dr. Jürgen Kühnel erarbeiteten die Siegener Studenten eine Übersetzung der antiken Atridensage. Die Geschichte ist bekannt: Krieg gegen Troja; der griechische Heerführer Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie, damit die Götter ihm für die Überfahrt günstige Winde schicken. Siegreich kehrt er zurück, wird aber erschlagen von seiner Gattin Klytämnestra. Tochter Elektra stachelt ihren Bruder Orest zur Rache an, der daraufhin Klytämnestra tötet. Dafür wird Orest nicht nach Familientradition mit dem Tod bestraft, sondern von den Rachegöttinnen verfolgt.

In dem 1980 uraufgeführten Stück erhebt Dacia Maraini die Handlung aus dem antiken Griechenland in die italienische Gegenwart der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Agamemnon (Klasse: Korbinian Hartberger) ist hier nicht Herr über Truppen und ihm sinnt es auch nicht nach der Eroberung Trojas, um Helena zurückzugewinnen. Sein Heer sind die Webstühle; mit dem Vorsatz, seinen Familienbetrieb zu vergrößern, stürzt er sich in Schulden, zum Leidwesen seiner jungen Tochter Iphigenie, die er an seine Gläubiger veräußert. Kurz darauf stirbt sie. Er reist ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um dort Geld zu machen. Wie in der antiken Vorlage bleibt seine Gattin Klytämnestra (grandios: Carolina Zimmermann) zurück – empört und gekränkt über die Tat ihres Gatten. Die Tragödie ist Teil der Orestie, der einzigen erhaltenen antiken griechischen Trilogie des Tragödiendichters Aischylos. Dieser untermauert mit der Darstellung Agamemnons als dominanten, das Gesetz der Familie achtenden Menschen, das Vaterrecht. Er muss die Tochter opfern, da er für das Wohlergehen der Familie verantwortlich ist. Die Rache Klytämnestras, die den aus Troja mit seiner Beute – seine Geliebte Kassandra (toll: Christine Rohrer) – heimkehrenden Agamemnon erschlug, wirkte verwerflich.

Das antike Stück zeigte die Entwicklung vom Prinzip der individuellen Rache. Mit der Aktualisierung findet hingegen eine Umwertung des Geschehens statt. Maraini betrachtet die Geschichte aus feministischer Perspektive. Klytämnestra bringt den Gatten nicht um, sondern träumt lediglich den Racheakt. Agamemnon stirbt am Herzschlag. Auch Kassandra tötet sie nicht, sondern entwickelt ihr gegenüber schwesterliche Gefühle. Am Ende wird Klytämnestra wahnsinnig. Auch die Leben der anderen Familienmitglieder wurden zeitgemäß verändert. Maraini greift hier zivilisationskritische Themen auf: Orest als Homosexueller sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert, in Elektras (großartig: Bianca Hauda/Regina Jorissen) Vergangenheit spielte Kinderprostitution eine Rolle. Auch Gastarbeiterproblematik und Wirtschaftskrise kommen zur Sprache.

Die Unruhe und die Bedrängnis, die die Geschichte beim Zuschauer erzeugt, kommt besonders in den Szenen, in welchen Orest von den Racheengeln terrorisiert wird zur Geltung, hervorgehoben durch die dramatische Musik. Lässt sich der moderne Zuschauer auf den antiken Stoff in neuem Kostüm ein, findet auch er sich schnell im Strudel der großen Gefühle gefangen. Maraini entlässt die Zuschauer nicht ohne Appell: Würden die handelnden Personen die Dinge mit etwas mehr Vernunft, Reife und Überlegtheit angehen, so würden sie selbst den Weg aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus finden. – Weitere Aufführungen: 20./21. November, 4. bis 6. Dezember, jeweils 20 Uhr.

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