Corona-Gedenken: Ehepaar stirbt unmittelbar hintereinander
Am Grab beider Eltern

„Entschuldigen Sie bitte die leichte Unschärfe dieses Fotos“, sagt Carmen Poenisch. „Aber es zeigt unsere Eltern so, wie sie waren.“ Aufgenommen wurden Charlotte und Erich Glaser 2014. „Es war die große Liebe“, sagt die Tochter. Kurz vor der Diamantenen Hochzeit starben beide Eheleute an Covid-19.
  • „Entschuldigen Sie bitte die leichte Unschärfe dieses Fotos“, sagt Carmen Poenisch. „Aber es zeigt unsere Eltern so, wie sie waren.“ Aufgenommen wurden Charlotte und Erich Glaser 2014. „Es war die große Liebe“, sagt die Tochter. Kurz vor der Diamantenen Hochzeit starben beide Eheleute an Covid-19.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Marc Thomas

goeb Geisweid. Beide Eltern innerhalb kurzer Zeit zu verlieren, das hat für die Hinterbliebenen eine Tragweite und eine Tragik, wie man sie kaum in Worte fassen kann. Den Geschwistern Torsten Glaser, Claudia Filieri und Carmen Poenisch ist es kürzlich so ergangen. Sie verloren innerhalb von nur zwei Wochen ihre geliebten Eltern Charlotte Glaser († 14. Januar 2021) und Erich Glaser († 2. Februar 2021). Beide erlagen mit 82 Jahren, kurz vor der Diamantenen Hochzeit, der tückischen Viruserkrankung Covid-19.

Viele werden sich an die Todesanzeige für das Paar erinnern, die die Kinder in der Siegener Zeitung aufgegeben haben. „Es war wirklich ein Alptraum“, schildert Carmen Poenisch die Zeit der Diagnose. „Ist es noch“, schickt sie nach. Das Hoffen und Bangen, die Krankenhausaufenthalte der Eltern und die sich dann überstürzenden Ereignisse – Tod der Mutter und das plötzliche Abschiednehmenmüssen auch vom Vater.

Drei Mal ins Leben zurückgekämpft

Man weiß nicht genau, wie und wo sich die beiden 82-Jährigen infiziert haben. Sie lebten in ihrem Haus in der Wenscht in Geisweid. Er – rüstig und so gut wie nie krank – pflegte (mit ambulanter Unterstützung) seine Charlotte, von der Carmen Poenisch sagt, sie sei eine echte Kämpferin gewesen. Drei Mal hatte die schwer vorerkrankte Mutter sich schon ins Leben zurückgekämpft. „Sie wollte nicht ohne ihn sein“, sagt die Tochter. „Und er nicht ohne sie.“

Gleich mehrfach im Gespräch fällt das Wort von der großen Liebe. Für ihn war klar, dass er für seine Frau sorgen würde, als sie 2015 pflegebedürftig wurde. Sein Kommentar zu den Kindern: „Die ganzen Jahre hat sich die Mama um mich gekümmert. Jetzt bin ich mal dran.“

Aus dem Sudetenland geflüchtet

Der Vater war als Kind aus dem Sudetenland geflüchtet und hatte seine künftige Frau (gebürtig aus Setzen) in Offdilln im Hessischen kennengelernt. 1961 heirateten sie. Während sie bis zur Geburt des ersten Kindes im Büro arbeitete, war er als Industriemeister Metall nach ersten beruflichen Stationen bei SMS in Hilchenbach gelandet, wo er in der Arbeitsvorbereitung tätig war.

Man wohnte im vom Vater mütterlicherseits erbauten Häuschen am Wacholderweg in Geisweid, das sie 1977 mit einem Anbau versahen, sodass die wachsende Familie darin Platz fand.

Intensivmedizinische Behandlung lehnten Ärzte ab

Kurz vor dem Jahreswechsel zeigte die Mutter erste Symptome. Das sei gewiss kein Corona, erklärte der hinzugezogene ärztliche Notdienst. Kein Fieber, dafür Mattigkeit. Zur Sicherheit sollte Erich in der Apotheke einen Schnelltest besorgen. „Den bekam man in der Apotheke aber nicht einfach so.“ Sie fühlte sich weiterhin kraftlos, eine Veränderung trat aber erst am 4. Januar auf, als auch die im Haus wohnende Tochter Claudia und die ambulante Pflege eine plötzliche Verschlechterung an ihr bemerkten.
Tags drauf kam sie ins Krankenhaus, nachdem ein PCR-Test Gewissheit gebracht hatte. Dort ging alles furchtbar schnell. Sie kam auf die Isolierstation, brauchte zusätzlichen Sauerstoff. Eine intensivmedizinische Behandlung lehnten die Ärzte angesichts ihrer schweren Vorerkrankungen ab.

Am 10. Januar kam auch Erich Glaser ins Krankenhaus nach Weidenau, zunächst auf die Normalstation. Schon einen Tag später wurde immer deutlicher, dass es mit Charlotte Glaser zu Ende ging. „Ein Pfleger rief mich an“, erinnert sich Frau Poenisch. „Ihre Mutter liegt im Sterben. Bitte beeilen Sie sich.“
Auch Charlottes Ehemann wurde im Rollstuhl zu seiner Frau gebracht. Er missdeutete ihre rosige Gesichtsfarbe. „Die Mama sieht doch gut aus“, versicherte er sich bei seiner Tochter Carmen. Die Tochter, die in voller Schutzmontur am Krankenbett stand, sah die Sache klarer. „Ich war ja oft bei ihr gewesen, wenn sie kämpfte. Diesmal war es anders“, erzählt sie. „Ihre Augen waren leer.“ Drei Tage später, am 14. Januar, starb sie morgens.

Gesundheitlicher Zustand von Vater rapide verschlechtert

Es fällt ihr schwer, davon zu berichten, wie der Vater das auffasste. „Er konnte es einfach nicht fassen. Er hat in dem Moment, als er die Todesnachricht erhielt, aufgegeben“, erinnert sie sich.
Auch sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich rapide. Die Kontaktaufnahme zu ihm war nur noch telefonisch möglich. Mit Engelszungen beschwor man ihn, sich doch auf der Intensivstation behandeln zu lassen. Schließlich willigte er ein.

Vielleicht wusste er bereits, dass auch er den letzten Weg gehen würde, entgegen der Meinung der Oberärztin, die ihm gute Konstitution bescheinigte. In einem letzten Telefonat sprach Erich Glaser mit seinen Liebsten und verabschiedete sich von ihnen.

Verständigung durch Handzeichen

Mit Hilfe von Sauerstoff konnte er noch selbstständig atmen, doch dann wurde es kritisch, sodass ihn die Ärzte am 17. Januar ins künstliche Koma versetzten. Er wurde am 27. Januar zurückgeholt, sein Zustand entwickelte sich zunächst positiv. Am 30. Januar ermöglichte es das Krankenhauspersonal den Angehörigen, ihn zu sehen, weil ein Beobachtungszimmer freigeworden war. Alle drei Kinder standen am Fenster. Man verständigte sich durch Handzeichen.

Am 2. Februar deutete sich ein Leberversagen an. Sie wurden herbeigerufen. Irgendwie konnten sich alle drei noch nacheinander verabschieden von ihrem Vater, dem die Ärzte noch Tage zuvor eine gute Prognose gegeben hatten. „Auch die Ärzte waren richtig schockiert, als er am selben Tag verstorben ist“, sagt Carmen Poenisch im Nachhinein.

Unglaubliche Leere für alle

Die Beerdigung für beide Eltern organisieren zu müssen, ist besonders schwer. „Wir hatten unsere Mutter einäschern lassen, weil wir Zeit gewinnen wollten. Unser erkrankter Vater wollte bei der Beerdigung seiner Frau unbedingt dabei sein.“

Es kam anders. Man traf sich am Grab beider Eltern. „Es ist alles so irreal“, fasst Carmen Poenisch zusammen. „Wir hätten nie geglaubt, dass wir die Beerdigung für unsere beiden Eltern zusammen organisieren müssen. Es ist eine unglaubliche Leere für uns alle.“

Noch zu früh, sich in Sicherheit zu wiegen

Carmen Poenisch hat Verständnis für die Sehnsucht der Menschen nach einem Stück Normalität. Aber sie rät, wachsam zu bleiben und sich zu schützen. „Seid vorsichtig!“, gibt sie allen mit auf den Weg. Es sei noch viel zu früh, sich in Sicherheit zu wiegen.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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