Amüsant und lehrreich

Mit Unbefangenheit und Spontaneität näherten sich die Schüler der Theaterkiste des Ev. Gymnasiums dem großen und umstrittenen Reformator Johannes Calvin und setzten sich mit seinen prägenden Vorstellungen auseinander.  Foto: ciu
  • Mit Unbefangenheit und Spontaneität näherten sich die Schüler der Theaterkiste des Ev. Gymnasiums dem großen und umstrittenen Reformator Johannes Calvin und setzten sich mit seinen prägenden Vorstellungen auseinander. Foto: ciu
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

ars Siegen. Geworben werden soll „für einen bedeutenden Mann, der weitgehend zu Unrecht in eine scheinbar gefühllose Ecke der Geschichte gestellt wurde“. Herausgekommen ist ein Theaterstück über den Reformator Johannes Calvin, eigentlich Jean Cauvin, der vor 500 Jahren als Sohn eines bischöflichen Beamten in der Picardie geboren wurde und neben Zwingli der wichtigste Begründer der reformierten Konfession ist. Also Werbung zu einem „runden Datum“ für einen übel Beleumundeten? Der Titel des Theaterstücks von Heinrich Waegner, der auch Regie führte, ließ ein wenig von der Eigenwahrnehmung in reformierten Kreisen ahnen: Reformatio Calvini – Aufbruch in neue Welten?

Die Theaterkiste Siegen brachte mit 17 Gymnasiasten diese werbende Vergegenwärtigung auf skeptischem Untergrund auf die Bühne des Apollo-Theaters. Aus dem Orchestergraben erklangen Kantaten von Johann Sebastian Bach („Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ etc.), die das reformatorische Gedankengut, obwohl allesamt lutherisch, gut illustrierten und in eindringlicher Choreographie dargestellt wurden. Das Collegium vocale Siegen und das Ensemble des Bach-Orchesters unter der Leitung von KMD Ulrich Stötzel, unterstützt von der Sopranistin Anastasia Anastaskis und dem Bassisten Achim Rück, konnten mit Musik von Bach sicherlich mehr punkten als mit den zu recht vergessenen Eigenkompositionen des puritanischen Reformators.

Konfessionen propagieren private und öffentliche Ordnungsmuster. In chaotischen Zeiten können sie schon einmal sehr rigide sein – das erfahren die Zuschauer durch den von verschiedenen Schülern gespielten Calvin. Schüler in einem dunklen Park entwenden und beschädigen ein Calvin-Denkmal. Calvin spricht zu ihnen, Calvin spricht aus ihnen. Ist Calvin, wie der Soziologe Max Weber nachzuweisen suchte, ungewollt ein Gründungsvater des Kapitalismus? Hat er die Vergabe von Krediten mit überhöhten Zinsen gebilligt? War er immer dann Pragmatiker, wenn es der Bourgeoisie in Genf nutzte, und immer dann Tugendwächter, wenn es das Volk zu kontrollieren galt? Lieferte er in Genf das – je nach Blickwinkel – unerreicht glorreiche Urbild oder das erste neuzeitliche Terrorregime eines Gottesstaates?

Die Dialoge zwischen Calvin und Teenagern von heute, zwischen Calvin und seinen Zeitgenossen griffen diese drängenden Fragen nach einem gerechten Calvin-Bild spielerisch und unbefangen auf, ohne das eigentliche Skandalon, die Hinrichtung des Philosophen und Arztes Michel Servet wegen abweichender Ansichten zur Trinitätslehre, anzusprechen. Die jugendliche Spontanität der Darsteller, ihre staunenswerte Textsicherheit weit über zwei Stunden hin und die tänzerischen und pantomimischen Schmankerln als lästige Teufelchen oder ungelehrige Roboter ließen vergessen, dass der studierte Jurist Calvin Feind aller Adiaphora war, aller Dinge, die weder böse sind noch der Nachfolge Christ dienen, und deswegen Genf und alle anderen reformierten Städte, so lange die Kirchenordnung calvinscher Prägung galt, keine Oper, kein Theater, keinen Konzert- oder Tanzsaal hatten.

In einer wahrhaft reformierten Stadt hätte es also eine derart erfolgreiche und sympathische Theaterarbeit nie gegeben, über das Wirken Calvins und über die Konsequenzen seiner Lehre wäre nie, weder künstlerisch noch wissenschaftlich, reflektiert worden. Das ließ, bei all der unverkennbaren Apologie des Reformators und der Notwendigkeit der Reformation, auch die Papisten und Freigeister amüsiert schmunzeln. Und Michael Servet bekam an der Stelle, an der er in Genf verbrannt wurde, ein Denkmal. Natürlich nach Aufhebung der Kirchenordnung.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.