An lang vergangene Zeiten erinnert

54. Tag des »Rotlichtprozesses«: Zeuge belastete den mitangeklagten Hauptkommissar

pebe Siegen. Der Zeuge streikte nach gut einer Stunde. Er sei nachts um 2 Uhr aufgestanden, um pünktlich zum »Rotlichtprozess« in Siegen zu sein, erklärte er dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Münker. Nun strenge ihn die Verhandlung so an, dass er eine Pause benötige. Rechtsanwalt Dr. Jürgen Fischer streikte auch: »Wir lungern hier herum bei Zeugen, die nur Privilegien bekommen.« Münker streikte zwar nicht, aber er wehrte ab: Das Gericht gehe nicht nur auf die besonderen Bedürfnisse von Zeugen ein, sondern auch auf die der Angeklagten. Die Pause am 54. Verhandlungstag wurde dem Zeugen gewährt.

Aber sie nutzte nicht viel. Denn nach der Unterbrechung bat der Rechtsbeistand des 40-Jährigen, dessen Vernehmung aus den bekannten Gründen zu unterbrechen. Der Zeuge genießt derzeit besonderen Schutz. Seine Familie soll, so sagt er selbst, bedroht worden sein. Ob der nächtliche Aufbruch mit einem Wohnortwechsel aus Zeugenschutzgründen in eine entlegene Ecke der Republik zu tun hatte, blieb gestern ungeklärt.

Thema der Vernehmung vor der Unterbrechung war das Verhältnis des Zeugen zu dem auf der Anklagebank sitzenden Hauptkommissar in früheren Jahren. Denn bei seinem vorletzten »Auftritt« hatte der 40-Jährige ausgesagt, er habe dem Polizisten in den 80er Jahren mehrmals Geld für »Dienste« gegeben. Zu allem, was mit der Autobombe zu tun hatte, wollte er jedoch gestern nichts mehr sagen – Reaktion auf den beim vorigen Mal geäußerten Verdacht Fischers, der Zeuge habe sich möglicherweise der psychischen Beihilfe zum Mord schuldig gemacht. Was er bislang dazu gesagt habe, so der 40-Jährige, sei jedoch richtig.

Richtig in Schwung kam die Erinnerung des 40-Jährigen gestern nicht. Immer wieder musste Münker aus den polizeilichen Vernehmungen zitieren. Seinerzeit sei der Polizist auf ihn zugekommen und habe signalisiert, »dass man es einfacher hätte, wenn man aufeinander einginge«, erinnerte sich der Zeuge. Auf Nachfrage Münkers berichtete er, der Polizist habe für Informationen Geld verlangt.

Zweimal habe er dann Geldbeträge von 300 und 500 DM an den Angeklagten weitergegeben, einmal als Gegenleistung für die Warnung vor einer Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit Hehlerei, die dann auch kurz darauf durchgeführt worden sei. Er habe eine vage Erinnerung, dass der Polizist bei der Geldübergabe etwas Ähnliches gesagt habe wie: »Das ist aber mager.« Es sei aber keine feste Summe ausgemacht gewesen. An den zweiten Fall habe er keine genaue Erinnerung. Auch hierbei sei es aber um Hehlerei-Ermittlungen gegangen. Dafür habe der Polizist dann 500 DM bekommen. Der Kripo-Mann sei »sporadisch« aufgetaucht und habe sich mit ihm unterhalten. Er selbst, so der Zeuge, habe dem Polizisten »auch schon mal einen Tipp« gegeben.

Nachfragen von Rechtsanwalt Dr. Fischer, dem Verteidiger des Polizisten, bezogen sich vor allem auf zwei Vermerke eines Kriminalbeamten über Telefonate mit dem Zeugen. Darin hatte der 40-Jährige geklagt, er komme »mit der Art der Rechtsanwälte« und der Atmosphäre im Gerichtssaal nicht klar. Dies bestätigte der 40-Jährige gegenüber dem Anwalt. Und er betonte, dass der Beamte, der auch schon mehrfach als Zeuge im Verfahren aufgetreten ist, für ihn eine »Vertrauensperson« sei. Der Prozess wird am Osterdienstag fortgesetzt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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