"Narkose-Abteilung" im Marienkrankenhaus Siegen wird 50
"Anästhesie ist letztlich auch Vertrauenssache"

50 Jahre alt wird die Abteilung für Anästhesie am Marienkrankenhaus Siegen. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich Technik und Substanzen zum Wohle des Patienten stark verbessert.
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tip Siegen. Mehr als 10 000 Narkosen werden im Marienkrankenhaus jährlich verabreicht. Prof. Dr. Werner Hering blickt im Interview auf 50 Jahre Geschichte der Anästhesie an der Siegener Klinik zurück. 2022 geht der Mediziner nach 20 Jahren als Chefarzt in den Ruhestand.

Herr Prof. Hering, der Anästhesist wird hier und da noch immer „Narkosearzt“ genannt. Eine Bezeichnung, die man in ihren Kreisen nicht mehr gerne hört. Warum?
Weil die eigentliche Narkose nur einen Teil unserer Arbeit abdeckt. Sie ist im Laufe der Jahrzehnte sehr vielschichtig geworden. Anästhesisten spielen beispielsweise in der Notfall- oder der operativen Intensivmedizin eine entscheidende Rolle. Nach den Internisten bilden sie die zweitgrößte Gruppe an Ärzten im Marienkrankenhaus. Hier ist auch die Schmerztherapie ein großer Faktor, akut wie chronisch. Anfang Juni haben wir die KV-Zulassung für die Schmerzambulanz bekommen.

Man hört immer wieder vom „Narkoserisiko“. Wie hat sich das Risiko im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte verändert?
Es ist hochsignifikant geringer. Nur noch etwa ein Patient von 10 000 hat nach einer OP schwere Komplikationen, die durch die Narkose ausgelöst worden sind. Und das alles unter dem Gesichtspunkt, dass sich das Patientenspektrum deutlich erweitert hat. Wir operieren heute mit Erfolg ältere Patienten, die man noch in den 90er-Jahren gar nicht hätte operieren können. Das Risiko wäre zu hoch gewesen.

Und was hat dazu beigetragen?
Die Steuerbarkeit der Narkose hat sich extrem verbessert. Das ist ja der entscheidende Punkt: Die Narkose darf nicht zu tief sein, dann steigt das Risiko von Herz-Kreislauf-Problemen, vor allem bei älteren Patienten. Andererseits muss sie natürlich tief genug sein, um das Schmerzempfinden auszuschalten. Die dafür verwendeten Substanzen sind effektiver geworden. Heute gibt es ultra-kurz wirksame Opioide, deren Wirkspiegel innerhalb von nur fünf Minuten fallen können. Das hat die post-operative Verwirrtheit massiv verbessert. Es gibt bessere Dosierungsmodelle und natürlich hat sich auch die Technik der Überwachung verbessert. Heutzutage misst man zum Beispiel ein EEG während der Narkose. In der Entwicklung sind aktuell so genannte „closed loop Systeme“, wo die Pumpen automatisch auf Signale des Körpers reagieren.

Hört sich so an, als ob der Anästhesist bald dadurch ersetzt werden könnte.
Auf absehbare Zeit sicher nicht. Denn oftmals schlägt die Erfahrung die programmierten Modelle. Anästhesisten sind in der Lage, adäquat auf unerwartete Situationen zu reagieren.

Prof. Dr. Werner Hering leitet als Chefarzt die Anästhesie des Marienkrankenhaus Siegen.
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Blickt man auf die Geschichte der Anästhesie zurück, stößt man auf heute unvorstellbare Zustände. Bis Anfang der 80er-Jahre hat man offenbar ernsthaft darüber diskutiert, ob Babys ein Schmerzempfinden haben.
Das war so. Und auch heute gibt es meiner Meinung nach unsägliche Diskussionen rund um das Thema Schmerzempfinden. Es werden Meinungen vertreten, dass Schmerz nur als bewusste Wahrnehmung einzuordnen sei und man demnach bei der Narkose nur auf Hypnotika bauen solle – und völlig ohne Schmerzmittel. Das ist ein völliger Irrglaube. Stressreaktionen finden auch in Hypnose statt und diese führen zu einer Schmerzempfindlichkeit. Narkose braucht Hypnotika und Schmerzmittel.

Wie begegnen sie Patienten, die Angst haben, nach einer Narkose nicht mehr wach zu werden?
Mit möglichst viel Empathie und Verständnis. Man muss den Patienten diese Ängste zugestehen. Anästhesie ist letztlich auch Vertrauenssache. Dieses Vertrauen zwischen Arzt und Patienten muss man aber aufbauen – das ist nicht immer leicht angesichts immer schnellerer Taktungen im täglichen OP-Betrieb. Das so genannte Prämedikationsgespräch mit Patienten übernimmt immer öfter jemand aus meinem Team. Ich sehe die Patienten teilweise das erste mal am OP-Tisch vor mir. Natürlich kann man bei Ängsten auch medikamentös nachhelfen.

Wobei die Zahl der nötigen Vollnarkosen doch sicher angesichts besserer Methoden rückläufig ist.
Das ist so. Wir haben viel mehr Möglichkeiten der regionalen Anästhesie. Unter anderem, weil die Nadeln heutzutage deutlich feiner geworden sind. Sie werden teilweise durch Ultraschall gesteuert. Man steuert genau, wo das Anästhetikum verabreicht wird. Etwa im Bereich des Rückenmarks oder bei Bauch-Operationen. Wir können nun auch im Bereich von Hand, Arm und Schulter gezielt Nervenknotenpunkte an der Schulter ausschalten.

Blicken wir noch kurz auf die Corona-Pandemie. Inwiefern hat diese die Anästhesie vor neue Herausforderungen gestellt?
Die meisten Corona-Stationen, auch hier im Marienkrankenhaus, werden von Anästhesisten betreut. Da ist viel Expertise gefragt. Vor allem bei den langzeitbeatmeten Patienten. Das war und ist keine leichte Situation – auch nicht für sehr erfahrene Ärzte.

50 Jahre alt wird die Abteilung für Anästhesie am Marienkrankenhaus Siegen. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich Technik und Substanzen zum Wohle des Patienten stark verbessert.
Prof. Dr. Werner Hering leitet als Chefarzt die Anästhesie des Marienkrankenhaus Siegen.
Autor:

Tim Plachner

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