Vater beschuldigt
Angeklagter Onkel streitet Vorwürfe ab

Ein 64-Jähriger soll zwei seiner Nichten missbraucht haben. Er selbst sieht den Schuldigen im Vater der Kinder.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sos Siegen/Bad Laasphe. Niemals sei er sexuell übergriffig geworden, weder gegen Erwachsene noch gegen Kinder. Das betonte gestern der Angeklagte, dem vorgeworfen wird, zwei seiner Nichten im Grundschulalter zwischen 1998 und 2010 in Bad Laasphe missbraucht zu haben. „Die Vorfälle haben nicht stattgefunden“, sagte er vor der 1. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts. Seiner Meinung nach basiere die „furchtbare Anklage“ auf einem Erbstreit; er gehe davon aus, dass seine ältere Schwester – die Mutter der beiden Mädchen – die Triebfeder des Ganzen sei.

Familienverhältnisse seien schwierig gewesen

Zunächst aber wollte er das Gericht über die Umstände der Ehe seiner Schwester aufklären: Seine Schwester sei damals über zehn Jahre jünger als der inzwischen verstorbene Mann gewesen, schon mit 14 oder 15 sei sie von ihm schwanger geworden. Noch dazu sei der Mann im Ort als Schläger und Messerstecher bekannt gewesen. „Die Polizei musste oft ausrücken.“
Im Herbst 1998 habe seine Mutter ihn verzweifelt angerufen und ihn gebeten, bei der Familie nach dem Rechten zu schauen, so der heute 64-Jährige: Seine Schwester sei von ihrem Ehemann geschlagen worden, und er habe sie fast in der Wanne ertränkt. Seiner Mutter zuliebe sei er also ab und zu vor Ort gewesen, aber nie lange. Nur 2001, als seine Schwester wochenlang krank gewesen sei, habe er den Haushalt und die Fahrdienste der Kinder übernommen. Dass er mit seiner ältesten Nichte im Jahr 1999 gemeinsam auf Rhodos war, bestätigte er. Wessen Idee das war und warum nur die beiden im Urlaub gewesen seien, das wisse er heute aber nicht mehr.

Vater angeblich der Schuldige

Ab 2001 oder 2002 habe sich die Situation innerhalb der Familie offenbar verschlimmert, denn der Ehemann seiner Schwester sei in den Keller gezogen. Außerdem berichtete er, dass seine Nichte sich ihm eines Tages anvertraut habe: Ihr Vater habe ihr im betrunkenen Zustand „an den Po und die Brüste gefasst“. Erst habe er das nicht ernst genommen; „Kinder sagen oft mal was“. Sie aber sei dabei geblieben, weshalb er ihr geraten habe, sich ihrer Mutter anzuvertrauen.
Etwa ein Jahr später habe der Angeklagte gesehen, wie die andere Nichte im Keller zwischen den Beinen ihres Vaters kniete. „Ich habe mich übergeben, das war meine Reaktion darauf. Ich wollte nicht in so was reingezogen werden.“ Er habe seiner Schwester davon berichtet und sich dann zurückgezogen.

"Der endgültige Bruch mit der Familie"

Kurze Zeit darauf sei der Vater für mehrere Monate verschwunden. Währenddessen habe der Angeklagte eine Woche lang mit seinem Wohnmobil erneut den Fahrdienst übernommen. „Danach habe ich das Haus nie wieder betreten und auch nicht mehr da geparkt“, betonte er. Das nächste Mal sei er der Familie 2004 auf einem Sportfest begegnet, zu dem seine Schwester ihn eingeladen habe. Der Ehemann habe seine Frau und die Kinder daraufhin erpresst: Wenn sie weiterhin Kontakt zu dem Angeklagten hätten, lasse er sich scheiden. Der 64-Jährige sei gegangen und habe seinen Schwager – abgesehen von zufälligen Begegnungen in der Öffentlichkeit – erst sechs Jahre später wiedergetroffen, als er sich Anzüge abholen wollte, die er noch in der Wohnung gelagert hatte. „Er hat mich aus dem Haus geschlagen und getreten. Das war der endgültige Bruch mit der Familie.“

Ein Erbstreit soll der Grund für die Klage sein

Als seine Eltern 2018 starben, hätten sie ein Haus und ein wenig Geld hinterlassen. Er habe sich seinen Anteil auszahlen lassen wollen, doch die Kontaktaufnahme zu seinen Geschwistern sei ihm nicht gelungen. „Ich sollte ausgeixt werden.“ Letztendlich habe er seiner Schwester eine E-Mail geschickt mit der Aufforderung, einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten. Am 4. Juni vergangenen Jahres habe diese geantwortet, dass sich das Amtsgericht kümmern werde. „Und wie ich aus der Akte entnehme, wurde einen Tag später das erste Mal bei der Polizei gegen mich ausgesagt“, so der Angeklagte.
Der 64-Jährige berichtete gestern, dass er mehrere Monate in Spanien gelebt und zeitweise weit entfernt gearbeitet habe. „Mein Mandant war nie so lange im Haus, wie die Zeugen das angeben“, so Verteidiger Dirk Löber. Außerdem habe er 2005 eine Frau kennengelernt, die um die Beziehung zu der Familie wisse. Sie und ihre Kinder sollen an einem späteren Verhandlungstag als Zeugen vernommen werden, kündigte der Verteidiger an.

Prozess muss neu aufgerollt werden

Weil Kammer, Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Vertretung der Nebenklage es jedoch nicht schafften, weitere Termine festzulegen, die innerhalb der vorgeschriebenen Fristen liegen, muss die Hauptverhandlung zunächst ausgesetzt werden. Am 9. Juli geht es von vorne los.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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