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Ab Montag wieder mehr Leben in den Kitas
"Angst vor Ansteckung ist allgegenwärtig"

Die Ruhe vor dem Sturm: In der vergangenen Woche war die Zahl der Kinder in den heimischen Kindertagesstätten, zu denen auch das Montessori-Kinderhaus am Siegener Wellersberg gehört, noch überschaubar. Ab Montag wird Erzieherin Anne Werder wieder mehr Leben in der Gruppe und der junge Johann mehr Freunde zum Spielen um sich herum haben.
  • Die Ruhe vor dem Sturm: In der vergangenen Woche war die Zahl der Kinder in den heimischen Kindertagesstätten, zu denen auch das Montessori-Kinderhaus am Siegener Wellersberg gehört, noch überschaubar. Ab Montag wird Erzieherin Anne Werder wieder mehr Leben in der Gruppe und der junge Johann mehr Freunde zum Spielen um sich herum haben.
  • Foto: rege
  • hochgeladen von Marc Thomas

rege Siegen. War das noch schön Ende Februar 2020 in Deutschland: Ausgelassen tobende Kinder auf den Spielplätzen, bunt verkleidete Mädchen und Jungen bei Karnevalszügen, Bambinis jagen bei Hallenturnieren hochmotiviert dem Ball hinterher – und Erzieher kümmern sich in den Kindertagsstätten liebevoll und „unmaskiert“ um ihre jungen Wirbelwinde.

Februar 2021 ein komplett anderes Bild: Das Virus und die Angst vor selbigem „spielen“ mit, Corona-Schutzverordnungen und Hygienekonzepte regeln das Leben in den verschiedenen Gruppen, die Anzahl der Mädels und Buben ist (noch) überschaubar.

rege Siegen. War das noch schön Ende Februar 2020 in Deutschland: Ausgelassen tobende Kinder auf den Spielplätzen, bunt verkleidete Mädchen und Jungen bei Karnevalszügen, Bambinis jagen bei Hallenturnieren hochmotiviert dem Ball hinterher – und Erzieher kümmern sich in den Kindertagsstätten liebevoll und „unmaskiert“ um ihre jungen Wirbelwinde.

Februar 2021 ein komplett anderes Bild: Das Virus und die Angst vor selbigem „spielen“ mit, Corona-Schutzverordnungen und Hygienekonzepte regeln das Leben in den verschiedenen Gruppen, die Anzahl der Mädels und Buben ist (noch) überschaubar. Die Pädagogen widmen sie sich dennoch genau so liebevoll und mit Herzblut den „Jüngsten der Nation“, nun aber meistens mit Maske und einer gewissen Ansteckungsgefahr, der sie sich bei ihrer Arbeit mit den Kids aussetzen. Und eben jener Risikofaktor dürfte durch den Öffnungsplan des Landes Nordrhein-Westfalen für die Kitas weiter steigen, denn ab Montag sind dort wieder alle Kinder willkommen.

Sorgen um Gesundheit 

So schön das für die Eltern und deren Nachwuchs klingt, in den Brüsten der Verantwortlichen schlagen zwei Herzen. „Die Erzieher gehen positiv an die Sache ran und freuen sich auf die Kinder, durch die gesundheitlichen Risiken ist die Freude allerdings etwas gedämpft. Die Mitarbeiter machen sich schon Sorgen um ihre Gesundheit, sie sind einfach einem hohen Risiko ausgesetzt. Wir hatten schon damit gerechnet, dass es eine weitere Öffnung geben wird, aber ich hätte mir eine vorsichtigere Herangehensweise gewünscht“, hegt Peter Schmitz, der Berichsleiter für die katholischen Kindertageseinrichtungen Siegerland-Südsauerland, gewisse Bedenken, falls ab 22. Februar wirklich alle Eltern von der „Einladung“ zur Rückkehr ihrer Nachkommen in die Kitas Gebrauch machen sollten.

Er rechnet damit, dass es ab Montag wieder deutlich voller wird, nachdem die Einrichtungen in den vergangenen Wochen im Schnitt zu je einem Drittel gefüllt waren – die Quote pendelte laut Schmitz zwischen 15 und über 50 Prozent. Er appelliert deshalb an die Verantwortung der Eltern, über das neue Öffnungsangebot gewissenhaft zu entscheiden.

Sorgen um psychische Folgen

Dieser Bitte schließt sich seine Kollegin aus dem protestantischen Lager an. „Die Eltern befinden sich im permanenten Spannungsfeld zwischen der Sorge um ihre Kinder und der ganzen Familie sowie dem finanziellen und organisatorischen Druck. Aber auch um die psychischen Folgen, die wegen fehlender Sozialkontakte und fehlenden Bildungsangeboten entstehen, sorgen sich viele Eltern", so Nina Stahl, Geschäftsbereichsleiterin „Kindertageseinrichtungen“ des ev. Kirchenkreis Siegen, auf SZ-Anfrage.

Die Öffnung für alle Kinder habe sich bereits seit einigen Tagen und Wochen abgezeichnet. Denn die Wirkung des „freiwilligen Elternappells“ habe verständlicher Weise immer mehr nachgelassen, weil Eltern einfach an ihre Grenzen kommen und auf die Betreuungsmöglichkeit angewiesen sind.

Ansteckungsgefahr steigt

Auch Stahl berichtet von großen Differenzen bei der Inanspruchnahme des „Notbetriebs“: „Es gibt Kitas mit weniger als zehn Prozent der Kinder und es gibt Kitas, die über 60 Prozent liegen.“ Dass mit der Rückkehr von weiteren Kindern die Ansteckungsgefahr steigt, steht auch für sie außer Frage. „Gerade bei den Kleinsten werden wir die Beziehungsarbeit wieder neu aufbauen müssen, das geht nicht auf Abstand und ohne Kontakt. Die Sorgen von Mitarbeitern mit Vorerkrankungen oder kranken Angehörigen sind nachvollziehbar.“

Diese Sorgen teilt auch Friederike Denker, die Leiterin des Montessori-Kinderhauses am Siegener Wellersberg: „Die Angst vor einer Ansteckung ist allgegenwärtig. Wir minimieren das Risiko so gut es geht und drehen stets an Stellschrauben, so bald es neue Regelungen oder Vorgaben gibt. Diese adäquat umzusetzen, ist derzeit unser größter Job neben der Kinderbetreuung.“

Nach "Krisenmodus" deutlich mehr Kinder

Apropos Kinderbetreuung: Hier heißt der größte Spielverderber momentan Covid-19. „Wir wollen die Kinder fördern und qualitativ gut betreuen. Die Förderung der Selbständigkeit wird bei uns groß geschrieben, aber da fällt momentan viel weg. Die Kinder dürfen sich bei den Mahlzeiten nicht selbst bedienen, sondern sie werden von uns bedient. Die Kinder können sich eigentlich frei im Haus bewegen und die anderen Gruppen besuchen, das fällt nun weg. Turnhalle und Bücherei stehen nicht zur Verfügung, Ausflüge in die Stadt fallen ebenso aus wie der Besuch von Institutionen wie zum Beispiel Feuerwehr und Museum. Und auch die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern leidet, denn statt dem üblichen Plausch auf dem Flur sind nur Gespräche an der Haustüre oder Online-Telefonate möglich“, schildert Denker den Kita-Alltag anno 2021. Nach etlichen Wochen im „Krisenmodus“ rechnet auch sie ab Montag wieder mit deutlich mehr Kindern im Kinderhaus.

Eine Verdopplung der Zahl der „U6“-Fraktion erwartet Saskia Riedel von der AWo Siegen-Wittgenstein/Olpe. „Wir gehen von einer Öffnung mit 80 bis 95 Prozent aus“, prognostiziert sie. Größere Gruppen, größere Ansteckungsgefahr, größere Ängste – das gilt auch für die AWo-Einrichtungen: „Bei den pädagogischen Fachkräften sind natürlich Sorgen über die auftretenden Virusmutationen vorhanden. Wir als Träger haben für genau diese Sorgen, Ängste und Gedanken einen hauseigenen Krisenstab aufgestellt, welcher den Einrichtungen bei ihren Fragen mit Anregungen, Handlungsempfehlungen und einem offenen Ohr zur Seite steht.“

Gruppenzwang und gekürztes Betreuungsangebot Strikte Gruppentrennung, erhöhter Personaleinsatz, Kürzung des Betreuungsumfangs um bis zu zehn Stunden pro Woche, mehr Corona-Tests – all das sind für die Vertreter der heimischen Kindertageseinrichtungen grundlegende Voraussetzungen, um den Betrieb in den Kitas wieder „hochzufahren“. – Die wichtigsten Vorgaben vom Land Nordrhein-Westfalen noch einmal im Überblick: Feste Gruppen: Es bleibt bei der klaren Vorgabe, dass es nur feste Gruppen geben darf. Betreuungsumfang: Es bleibt zunächst bei der landesweiten Kürzung des Betreuungsumfangs um zehn Stunden pro Woche. Wenn die Neuinfektionszahlen weiter sinken, dürfen Kita-Leitungen und Träger voraussichtlich ab dem 8. März selbst entscheiden, ob sie die Kinder wieder im vollen Umfang betreuen. Wo das für den Infektionsschutz vor Ort weiter nötig ist, dürfen Einrichtungen den Betreuungsumfang dann weiterhin um maximal zehn Wochenstunden kürzen. Pauschal gilt diese Kürzung dann aber nicht mehr in NRW. Die Regelung soll zunächst bis Ostern gelten. Corona-Notbremse: „Sollte es wider Erwarten zu einem sprunghaften Anstieg kommen, werden wir Kitas auch regional oder landesweit komplett schließen“, erklärte NRW-Familienminister Joachim Stamp. Kranke Kinder: Eindringlich appellierten die Kita-Leitungen und NRW-Familienminister Stamp an die Eltern, kranke Kinder nicht in die Kitas zu schicken. Gleiches gilt für angeschlagene Erzieherinnen und Erzieher. Kostenlose Tests: Bis die zertifizierten Selbsttests in ausreichender Menge zu Verfügung stehen, können Kita-Beschäftigte zweimal pro Woche einen kostenlosen Schnelltest machen.

KOMMENTAR:

Bitte an die Regie Es gibt für diese Pandemie kein Drehbuch. Besser hätte es NRW-Familienminister Joachim Stamp nicht auf den viralen Punkt bringen können. Und eben weil weder Politiker noch Virologen hellseherische Fähigkeiten besitzen und der Blick in die nahe Zukunft dem Blick in eine undurchsichtige Glaskugel gleicht, weiß keiner, was die Öffnung der Kindertagesstätten für (positive und negative) Folgen haben wird – oder auch nicht. Gut oder schlecht? Richtig oder falsch? Öffnen oder noch nicht? Ich möchte es nicht sein, der diese Frage mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten muss. Heraus käme vermutlich die Wortkreuzung „Jein“. Auf der einen Seite die Kinder, die das Leben noch vor sich haben und denen psychische Narben sowie Entwicklungsstörungen drohen. Auf der anderen Seite die Kita-Beschäftigten, die schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben und denen samt ihren Familienangehörigen im Falle einer Ansteckung körperliche Verwundungen drohen. Bei der Betrachtung gibt es keine Schwarzweißmalerei. Die geschundene Kinder-Seele braucht den Kontakt zu Freunden und die Förderung durch qualifiziertes Fachpersonal, um weitere Lockdown-Schäden abzuwenden. Durch Kita- und Schulausfälle aus dem letzten Loch pfeifende Eltern brauchen Entlastung für das auf den Kopf gestellte Familienleben, eine Verschnaufpause, um selbst wieder einmal durchzuatmen. Aber die Erzieherinnen und Erzieher, die ihre Kinder genau so vermissen wie die Kinder sie und die viel Liebe in die Arbeit mit den Kleinsten stecken, wehrlos den drohenden Corona-Infektionen und Mutationen auszusetzen, auch das ist ein absolutes No-Go. Was also tun? Der einzige Weg aus diesem Dilemma führt über eine Änderung der Impfreihenfolge. Und diesen Punkt könnten die politischen Regisseure in Berlin – zum Wohle aller – ja durchaus ins „Pandemie-Drehbuch“ aufnehmen …
Autor:

René Gerhardus (Redakteur) aus Siegen

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