Angst vor der Rückkehr in den Iran

Familie ließ sich taufen / Ehemann nach Abschiebung verschollen / Frau bangt um Leben

pebe Siegen. Maryan Shahlaei hat Angst. Angst vor den Schatten, die ihr Leben in die Zukunft wirft. Angst aber auch um ihren Mann, von dem seit dem 20. Dezember vorigen Jahres jedes Lebenszeichen fehlt. An diesem Tag wurde Kambiz A. in den Iran abgeschoben, ohne Gepäck, ohne Geld und ohne echte Möglichkeit, sich von seiner Familie zu verabschieden. Ein Telefonat kurz vor dem Abflug war der letzte Kontakt, den die Eheleute hatten. Nun bangt Maryan Shahlaei um das Leben ihres Mannes, der in der Bundesrepublik aus politischen Gründen um Asyl gebeten hatte. Hinzu kommt, dass die ursprünglich moslemische persische Familie sich vor knapp einem Jahr taufen ließ. »Wenn jemand im Iran Christ wird, ist er abtrünnig und wird verfolgt«, berichtet die junge Frau.

Im Ausländeramt des Kreises SiegenWittgenstein, das die Abschiebung zu vollstrecken hatte, ist das Problem bekannt. Jedoch betonte der Leiter der Behörde, Manfred Grünebach, auf Nachfrage der SZ: »Nach dem aktuellen Lagebericht des Auswärtigen Amtes in Berlin liegt keine Verfolgung von Christen im Iran vor. Sie sind so gut wie gleichberechtigt.« Kambiz A. habe aufgrund seines abgeschlossenen Verfahrens – der Ablehnung seines Asylantrags – ausgewiesen werden müssen. Grünebach bedauerte, dass die Familie dabei getrennt worden sei. Er ergänzte, er wisse, dass die Kirchen die Situation von Christen im Iran anders einschätzten.

Dies bestätigt Pfarrer Winfried Kahla, Beauftragter für die Seelsorge an Iranern in Deutschland. Kahla, der längere Zeit im Iran gelebt hat, unterstreicht gegenüber der SZ Maryan Shahlaeis Ängste: »Im Ausländeramt verwechselt man Personen mit langer christlicher Tradition in der Familie und Moslems, die zum Christentum konvertiert sind.« »Traditionelle« Christen dürften ihren Glauben privat, gewissermaßen »hermetisch«, ausüben, seien aber z.B. von der Ausübung öffentlicher Ämter ausgeschlossen. Konvertiere jemand, gelte dies als »Apostasie«, als Abfall vom Glauben. »Dann wird er dem Religionsgericht unterstellt. Und das bedeutet Gefängnis oder Hinrichtung.«

Eine ähnlich brisante Einschätzung trifft die deutsche Sektion von amnesty international (ai). Nach Informationen der Menschenrechtsorganisation werde Apostasie fast als Hochverrat angesehen und »mit schwerster Bestrafung sanktioniert«, heißt es auf der Website der Organisation. Kahla ist besorgt um Kambiz A. Der ev. Pfarrer hat die Familie im vorigen Jahr getauft. So wisse er z.B., berichtet er, dass A. zwar vom Frankfurter Flughafen abgeflogen sei – »bis zum Abflug bewacht vom Bundesgrenzschutz« –, aber den Flughafen Teheran habe er nach Ankunft des Flugzeugs nicht verlassen. Dies habe A.’s Schwager berichtet. Kahla befürchtet, dass A. noch im Flughafengebäude abgefangen und verhaftet worden ist.

Im Auswärtigen Amt (Berlin) wollte man zu dem Einzelfall nicht Stellung nehmen, sondern man verwies auf die Antwort der Regierung auf eine große Anfrage mehrerer Abgeordneter und der CDU/CSU-Fraktion vom 6. August 1999, die auch das Schicksal konvertierter Moslems betraf. Die Antwort vermerkt u.a., nach traditioneller Auslegung der Scharia, »aber durchaus nicht unumstritten«, sei der Übertritt vom Islam zum Christentum als Apostasie anzusehen. Todesurteile wegen einer Konversion zum Christentum seien »seit vielen Jahren nicht bekannt geworden«.

Untermauert wird das Schicksal der Familie durch die Rechtsvertretung der Eheleute, den Bremer Rechtsanwalt Michael Rohde, seit 25 Jahren mit dem Thema Iran beschäftigt. Rohde gegenüber der SZ: »Kambiz A. ist abgeschoben worden, aber im Iran nicht aufgetaucht. Wir wissen, dass Rückkehrer ohne nachvollziehbare Aufenthaltskette vorläufig grundsätzlich festgehalten und einer Befragung und Überprüfung unterzogen werden.«

Unabhängig von den politischen Fragen hinsichtlich des Ehepaares habe der Abschiebung jedoch die »Konversion« entgegengestanden. Das Bundesverwaltungsgericht als letzte Instanz habe derzeit noch nicht abschließend seine eigene Rechtsprechung zum »religiösen Existenzminimum« zur Überprüfung gestellt. Es sei davon auszugehen, dass das Gericht seine enge Vorstellung von einem Konvertiten und dessen Ansprüchen auf Ausübung seiner angenommenen Religion im Heimatland erweitere. Derzeit müsse Kambiz A. verleugnen, konvertiert zu sein bzw. eine »Reueerklärung« abgeben. Anderenfalls habe er mit harter Bestrafung zu rechnen. Seine Frau sei nicht nur konvertiert, sondern auch missionarisch tätig, und dies führe »unbestritten zu härtester Bestrafung«. Sie habe erklärt, diesen Schritt niemals zu bereuen. Rohde kritisierte das Ausländeramt wegen der Abschiebung. Die Familie sei nun auseinander gerissen. Für die Eheleute stehe das »Hauptsacheverfahren« noch aus, aber aufgrund der »in der Bundesrepublik einmaligen Rechtsprechungspraxis beim Verwaltungsgericht Arnsberg« bestehe nur wenig Hoffnung, eine positive Entscheidung zu erzielen.

Maryan Shahlaei sei vom Bundesamt »voll anerkannt worden«, der Bundesbeauftragte habe jedoch Anfechtungsklage erhoben. S. könne jedoch nicht abgeschoben werden, weil sie den Iran illegal verlassen habe und keine »Personenstandsurkunden« besitze.

Um einen iranischen Pass zu bekommen, müsse sie Urkunden für alle besitzen, die in diesen Pass eingetragen werden sollen. Außerdem müsse sie Fotos mit Kopftuch vorlegen. Und dies lehne sie ab.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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