Arbeitnehmer wieder in die Mitte stellen

juli Geisweid. Die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaften kam bei der Festveranstaltung zu 60 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) Region Siegen-Wittgenstein-Olpe gestern Abend in verschiedenen Facetten zur Sprache. Regionsvorsitzender Willi Brase begrüßte Gewerkschafter und andere Vertreter der lokalen Wirtschaft und Politk im Technologiezentrum in Geisweid.

Brase ging in Anlehnung an den ersten DGB-Bundesvorsitzenden Hans Böckler von der Grundthese aus: Der arbeitende Mensch als wichtigster Produktionsfaktor müsse im Mittelpunkt allen wirtschaftlichen Geschehens stehen. Einzig durch menschliche Arbeit lebe die Gemeinschaft. Dem Arbeitnehmer müsse dieser Stellenwert wieder beigemessen werden, forderte Brase. Zweite grundlegende Aufgabe der Gewerkschaften sei die Verteidigung der Demokratie, „gegen jede Autokratie und gegen jede Totalität“ – auch als Folge aus den „Erfahrungen und Leiden der Nazizeit“.

Die Entwicklung und die Errungenschaften der Gewerkschaften, speziell der IG Metall, zeichnete Hartmut Weiß in groben Zügen nach. Der frühere Betriebsratsvorsitzende bei SMS erinnerte daran, dass nur der Widerstand und die Geschlossenheit der protestierenden Arbeitnehmerschaft und der Gewerkschaften Schlimmeres hätten verhindern können, als es um den Erhalt des Stahlstandorts Geisweid ging. Weiß appellierte, „weiterhin aufmerksam die Vorgänge am Arbeitsplatz und in unserer Gesellschaft im Auge zu behalten, um nicht überrascht zu werden von Entscheidungen, die wir bei genauerem Hinsehen bereits im Vorfeld hätten erkennen müssen“.

Leitbegriffe wie Teilhabe und Solidarität stellte Günter Hensch vom Institut für Kirche und Gesellschaft der Ev. Kirche von Westfalen in den Mittelpunkt seiner Rede, um Parallelen zwischen Kirche und Gewerkschaften bzw. Arbeiterbewegung aufzuzeigen. Er betonte die Notwendigkeit und die Chancen des Dialogs zwischen Gewerkschaften und Kirche, wie der Sozialethiker Traugott Jähnichen sie begründe: Zu den wechselseitigen Lernerfahrungen gehöre es, die Perspektive „einer universalen Solidarität, insbesondere im Blick auf gesellschaftliche Randgruppen, einzubeziehen“. Im Dialog müssten in der Frage nach der Zukunft von Arbeit und sozialer Sicherheit Kristallisationspunkte gefunden werden. Auch, weil in den Tiefen der Kluft zwischen Drinnen und Draußen, die dramatischer geworden sei als die zwischen Oben und Unten, Menschenrechte und Menschenwürde zerschellten.

Für die katholische Seite sprach Erwin Vitt von einer guten Zusammenarbeit des DGB mit der Arbeitsgemeinschaft katholischer Betriebsräte und der Kath. Arbeitnehmerbewegung Olpe/Siegen. Ohne die Gemeinsamkeit seien der Internationale Tag des freien Sonntags in Siegen nicht so erfolgreich verlaufen und die „Allianz für den freien Sonntag“ nicht gegründet worden. Zu den gemeinsamen Interessen zählte er den Kündigungsschutz, an dem nicht gerüttelt werden dürfe, und den Kampf für das Recht auf Arbeit, um ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Vitt erinnerte: „Gewerkschaften sind das Stärkste, das die Schwachen haben“. Er wünsche den Gewerkschaften „Mut, Drang und die Kraft, für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmer einzutreten“.Wirtschaftlichkeit werde immer mehr in den Vordergrund gestellt, beschrieb Michael Schulte, Betriebsratsvorsitzender des St.-Barbara-Krankenhauses in Attendorn die schwierige Entwicklung im Gesundheitssektor. Die Privatisierung aus wirtschaftlichen Gründen verändere die Beziehung zur Gewerkschaft in dramatischer Weise: Vorher wäre nie jemand auf den Gedanken gekommen, Krankenhäuser zu bestreiken. In der ÖTV hätten Müllmänner „so nebenbei“ gewerkschaftliche Forderungen für das Gesundheitswesen mit durchgesetzt. Aufgrund der heutigen Haustarifverträge bei der Rhön-Klinikum AG, zu der das Krankenhaus St. Barbara gehört, seien die Beschäftigten für die Entwicklung ihrer Arbeitsumstände selbst verantwortlich.Helga Dellori, frühere Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Siegen und frühere Betriebsrätin bei der Siemag in Dahlbruch, sprach die Ungleichheit der Arbeitsbedingungen zwischen Männern und Frauen an, weshalb Gewerkschaftsarbeit auch Frauenarbeit sei. Für Frauen hätten inzwischen die Umverteilung der Arbeit und die Arbeitszeit höchste Priorität. Und das bleibe so, solange Frauen die Hauptlast der unbezahlten, gesellschaftlich notwendigen Arbeit trügen. Die Frauenerwerbsquote in der Region sei immer noch unterdurchschnittlich. Und immer mehr Frauen rutschten in prekäre Arbeit. Dellori lobte die Zusammenarbeit der Gleichstellungsstelle in ihrer Amtszeit mit den Gewerkschaften.Der Olper Landrat Frank Beckehoff dankte den Gewerkschaftern der Region. Beckehoff sagte: „Für die Bewältigung der großen Zukunftsaufgaben brauchen wir auch weiterhin starke Gewerkschaften und Gewerkschaftsführer, die den Blick fürs Ganze haben.“ Der Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, Paul Breuer, betonte, wie wichtig der Sozialpartner DGB und das gute Zusammenspiel in der und für die Region sei – gerade in der jetzigen Zeit. „Eine Region, die das hat, kann sich glücklich schätzen.“ Man werde in den nächsten Monaten noch merken, wie „bitter nötig“ das sei. Den sehr gelungenen musikalischen Rahmen gestaltete das Ensemble „Tonart“.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen