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Corona verschärft gesellschaftliche Probleme: Heimatverein setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe
Armutsfalle schnappt häufiger zu

Günther Langer zeigt die Waschmaschinen, die Bedürftige gratis nutzen dürfen. Den Strom dafür produziert der Heimatverein selbst.
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  • Günther Langer zeigt die Waschmaschinen, die Bedürftige gratis nutzen dürfen. Den Strom dafür produziert der Heimatverein selbst.
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js Achenbach. Die Schneisen, die Corona durch die Gesellschaft zieht, sind tief. Das bekommen die Ehrenamtlichen des Heimatvereins Achenbach zu spüren, die sich seit Jahren insbesondere für sozial Benachteiligte engagieren. „Durch die Pandemie kommt vieles zum Vorschein“, beobachtet Vorsitzender Günther Langer. Und sie verschärfte die Probleme. Die Nachfrage in den vier vom Verein betriebenen Sozialkaufhäusern auf dem Heidenberg, in Freudenberg, in Geisweid und in Kreuztal steige. Auch bei der Ausgabe von Lebensmitteln und Essen ist der Zulauf ungebrochen. „Immer mehr Menschen sind in Not – das ist beschämend.“

Der Heimatverein, der ein komplexes Angebot im Sozialbereich auf die Beine gestellt hat, musste seit Beginn der Coronakrise einiges hinzulernen.

js Achenbach. Die Schneisen, die Corona durch die Gesellschaft zieht, sind tief. Das bekommen die Ehrenamtlichen des Heimatvereins Achenbach zu spüren, die sich seit Jahren insbesondere für sozial Benachteiligte engagieren. „Durch die Pandemie kommt vieles zum Vorschein“, beobachtet Vorsitzender Günther Langer. Und sie verschärfte die Probleme. Die Nachfrage in den vier vom Verein betriebenen Sozialkaufhäusern auf dem Heidenberg, in Freudenberg, in Geisweid und in Kreuztal steige. Auch bei der Ausgabe von Lebensmitteln und Essen ist der Zulauf ungebrochen. „Immer mehr Menschen sind in Not – das ist beschämend.“

Der Heimatverein, der ein komplexes Angebot im Sozialbereich auf die Beine gestellt hat, musste seit Beginn der Coronakrise einiges hinzulernen. Als die Tafeln – darunter auch die Siegener – im ersten Shutown geschlossen wurden, sprangen die Achenbacher in die Bresche. Kurzerhand wurde an der multifunktionalen „Vereinszentrale“ auf dem Heidenberg, in der sich das Restaurant Net(t)werk, das Sozialkaufhaus und Notunterkünfte befinden, eine Lebensmittelausgabe geschaffen. „Fair-Teilen“ nennt sich das, gerettet wird Nahrung, die sonst im Abfall landen würde.

Kostenfreie Essenausgabe

„Der Bedarf war groß“, erinnert sich Tamara Schmidt, Maßnahmenleiterin auf dem Heidenberg, an die Anfänge der Verteilaktion im Frühjahr zurück. Und kleiner geworden sei er seither nicht, im Gegenteil. Die kostenfreie Essensausgabe des Heimatvereins, bei der es sowohl frisches Obst und Gemüse als auch auch ein warmes Essen gibt, wird angenommen. Mitunter weit über 100 Bedürftige stellen sich geduldig an, bei Wind und Wetter.

Wie sehr das Virus die soziale Schere nach außen drückt, kann Günther Langer auch an den vereinseigenenen Notunterkünften ablesen. In zwei Gebäuden bieten die Achenbacher Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf. Sieben Apartments gibt es in der ehemaligen Friedenskirche, acht Zimmer stehen an der Achenbacher Straße zur Verfügung. Erstmals, und das hat den Ehrenamtlern zu denken gegeben, haben jetzt auch zwei Studenten an die Tür geklopft und Obdach gefunden. In der Pandemie sind ihnen die Minijobs weggebrochen, die Bleibe wurde zu teuer, nicht jedes Elternhaus kommt steht als komfortables „Hotel Mama“ bereit, in das die jungen Menschen zurückkehren können. An der Achenbacher Straße, im Keller des Gebäudes, das seit 2006 das Sozialkaufhaus beherbergt, stehen auch Waschmaschinen und Duschen für Bedürftige bereit, Strom kommt aus eigener Produktion.

Immobilien von Grund auf saniert

Neben diesen Überbrückungsangeboten setzen die Achenbacher aber vor allem auf Nachhaltigkeit bei der Armutsbekämpfung. „Es ist nicht nur damit getan, mehr Geld ins System zu pumpen“, betont Langer. Seit Januar, also erst seit wenigen Wochen, betreuen der Verein die Bewohner von 60 Wohnungen, die ein privater Investor übernommen hat. Die Immobilien werden von Grund auf saniert, die Mieten aber nicht erhöht. Die Ehrenamtler bieten Hilfe bei Formalitäten an, stellen Hausmeister und Reinigungskräfte, möchten Gemeinschaftsprojekte anstoßen.

Hilfe zur Selbsthilfe: beim Heimatverein Achenbach gilt dieser Grund- als Leitsatz. „Wir möchten die Menschen überzeugen, selbst etwas zu schaffen und Wege aus der Armut zu finden“, erklärt Günther Langer. Unterstützt wird der Verein inzwischen auch von wissenschaftlicher Seite. Ein interdisziplinäre Forschungsteam der Uni Siegen begleitet die Achenbacher in einem „Reallabor“. Den Forschern und Studenten geht es darum, wie die Menschen im Stadtteil Achenbach leben, wie sie sich als Gemeinschaft unterstützen und wie sie ihr Quartier weiter gestalten. Aktiv mitanpacken gehört dazu.

Dienstags und samstags wird vor dem Sozialkaufhaus auf dem Heidenberg warmes Essen ausgegeben. Der Bedarf ist groß.
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Ziel ist es, die Wirtschaft vor Ort mit einer Infrastruktur zu stärken, die in der Bürgerschaft selbst verankert ist. Projektbegleiter Philipp Engelbutzeder berichtet begeistert von einem Selbsthilfesystem, das auf eine lokale Gemeinschaft setzt, in der jeder seinen Beitrag leistet. Nachbarschaftshilfe ist keine Selbstverständlichkeit. Manchmal will sie eben gelernt sein.

Günther Langer zeigt die Waschmaschinen, die Bedürftige gratis nutzen dürfen. Den Strom dafür produziert der Heimatverein selbst.
Dienstags und samstags wird vor dem Sozialkaufhaus auf dem Heidenberg warmes Essen ausgegeben. Der Bedarf ist groß.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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