Asylbewerber redete Klartext

 Beim Runden Tisch in Bad Berleburg erzählte ein Syrer sehr intensiv aus dem „Innenleben“ der Flüchtlingsunterkunft. Foto: Nicole Klappert.
  • Beim Runden Tisch in Bad Berleburg erzählte ein Syrer sehr intensiv aus dem „Innenleben“ der Flüchtlingsunterkunft. Foto: Nicole Klappert.
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vö - Für die beiden Syrer, die am Mittwochabend am Runden Tisch zur Flüchtlingsunterkunft in Bad Berleburg teilnahmen, war es, so ihre erste Reaktion, „eine Ehre“, sich an der Diskussion zur Einrichtung zu beteiligen. Und ganz offenbar eine gute Gelegenheit für beide, sich einige Dinge von der Seele zu reden, die ihnen unter den Nägeln brannten.

Ein Thema hatte Bürgermeister Bernd Fuhrmann bereits beim anschließenden Pressegespräch angesprochen. Der eigentliche Skandal sei, so der Bad Berleburger Rathaus-Chef, dass im zuständigen Bundesamt rund 120.000 unbearbeitete Asylanträge lägen. Bedeutet im Klartext: Diese Menschen leben in einer Art Schwebezustand in Deutschland, verknüpft mit einem Arbeitsverbot.

Mit dieser Situation konnte sich auch der Syrer, dies berichteten Teilnehmer des Runden Tisches übereinstimmend, nicht anfreunden. Denn er sei nicht nach Europa gekommen, um dem Staat hier auf der Tasche zu liegen, lautete seine klare Botschaft. Er habe das Kapitel Syrien für sich und seine Familie abgeschlossen, dort gebe es keine Zukunftsperspektiven, so der studierte Betriebswirt. Er wolle sich eine Existenz in Deutschland aufbauen – mit einem festen Arbeitsplatz und einem geklärten Status.

Natürlich hätte die Siegener Zeitung auch gerne selbst mit dem Mann gesprochen. Dieser war aber laut Auskunft aus dem Asylbewerberheim zunächst wegen eines Behördenganges nicht greifbar; ein Rückruf erfolgte bis Redaktionsschluss nicht.

Der Nordafrikaner, der perfekt Englisch spricht und möglichst schnell Deutsch lernen möchte, redete Tacheles. „Das war von den Verantwortlichen vielleicht nicht so vorgesehen, aber für viele Zuhörer garantiert hilfreich“, ließ ein Teilnehmer die SZ wissen. Der Asylbewerber lobte die hervorragende Arbeit der Mitarbeiter in der Bad Berleburger Flüchtlingsunterkunft – dies gelte unbedingt auch für die medizinischen Betreuer und den Wachdienst. Er habe noch überhaupt keine schlechten Erfahrungen gesammelt.

Schlechte Eindrücke dagegen habe er, so der Syrer von einigen wenigen Bewohnern gewonnen, die – und das betonte der Mann ganz offen – ihren Aufenthalt in Bad Berleburg zu systematischem Diebstahl in der Stadt nutzten. Diebesgut werde in der Einrichtung oder außerhalb zum Verkauf angeboten, immer dann, wenn die Augen des Wachdienstes – oder auch der Polizei – an anderer Stelle gefragt seien. Überdies werde versucht, die Hehlerware über Kontaktleute zu Geld zu machen. Mehr noch: Die schwarzen Schafe unter den Flüchtlingen schreckten nicht davor zurück, weiteren Bewohnern das Klauen schmackhaft zu machen oder ihnen vermeintlich wertvolle Tipps zu geben.

Der Syrer hielt mit seinem Wissen nicht hinter dem Berg: Er habe bei den angesprochenen Personen auch nicht den Eindruck gewonnen, dass ihnen das laufende Asylverfahren wichtig sei. Denen gehe es darum, bis zur – erwarteten – Abschiebung möglichst viel Geld in Deutschland zu „verdienen“. Das sei nicht in Ordnung und werfe zu allem Überfluss ein schlechtes Licht auf alle Bewohner der Unterkunft.

Der Syrer ließ zudem durchblicken, so berichteten es Zuhörer im SZ-Gespräch, dass er die skeptischen Blicke der Bad Berleburger spüren, wenn er in der Stadt unterwegs sei. Und dafür habe er auch durchaus Verständnis – wenn es in der Vergangenheit zu Diebstählen und anderen Straftaten gekommen sei. Dies wiederum ist jene Problematik, die am Mittwoch beim Runden Tisch zur Sprache kam: das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Der Syrer warb bei der heimischen Bevölkerung dafür, die Dinge differenziert zu betrachten. Die Mehrzahl der Flüchtlinge komme mit ehrlichen Absichten nach Deutschland.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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