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Flut-Katastrophe: Siegener Unterstadt wäre abgesoffen (Video)
"Auch Tote könnte man nicht ausschließen"

Die dunkelblauen Felder stehen für Wassertiefen von bis zu vier Metern. Die Karte zeigt: Bei einem Starkregenereignis wären Teile Siegens Unterstadt überflutet. Im Ahrtal kam vor rund zwei Wochen ein Vielfaches der hier simulierten Wassermassen runter.
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  • Die dunkelblauen Felder stehen für Wassertiefen von bis zu vier Metern. Die Karte zeigt: Bei einem Starkregenereignis wären Teile Siegens Unterstadt überflutet. Im Ahrtal kam vor rund zwei Wochen ein Vielfaches der hier simulierten Wassermassen runter.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

tip Siegen. Ein Starkregen-Ereignis wie vor zwei Wochen im Ahrtal würde die Siegener Unterstadt weitestgehend überfluten. Zu dieser Einschätzung kommen Forscher der Universität Siegen, die sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigen. Hochwassergefahrenkarten zeigen: Im Extremfall wären das gesamte Bahnhofsgelände und Gebäude wie Sparkasse, Amts- und Landgericht oder Geschäfte entlang der Sandstraße von meterhohen Wassermassen betroffen. Bei Sachschäden allein würde es aber wohl nicht bleiben. Prof. Dr. Jürgen Jensen, Gründer des Forschungsinstituts Wasser und Umwelt (fwu) an der Uni und Seniorprofessor: „Bei einem Unwetter wie im Ahrtal könnte man im Siegerland auch Tote nicht ausschließen.

tip Siegen. Ein Starkregen-Ereignis wie vor zwei Wochen im Ahrtal würde die Siegener Unterstadt weitestgehend überfluten. Zu dieser Einschätzung kommen Forscher der Universität Siegen, die sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigen. Hochwassergefahrenkarten zeigen: Im Extremfall wären das gesamte Bahnhofsgelände und Gebäude wie Sparkasse, Amts- und Landgericht oder Geschäfte entlang der Sandstraße von meterhohen Wassermassen betroffen. Bei Sachschäden allein würde es aber wohl nicht bleiben. Prof. Dr. Jürgen Jensen, Gründer des Forschungsinstituts Wasser und Umwelt (fwu) an der Uni und Seniorprofessor: „Bei einem Unwetter wie im Ahrtal könnte man im Siegerland auch Tote nicht ausschließen.”

Bewusstsein für Hochwasser-Gefahr in Siegen schärfen

Ihm und seinem Team geht es darum, ein Bewusstsein für das Risiko und die bestehende Möglichkeit solcher katastrophaler Ereignisse in unserer Region zu schaffen. „Dass Siegen nicht betroffen war, war reine Glückssache“, sagt er. Sebastian Gürke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, hat das Stadtgebiet genau unter die Lupe genommen. Vier Jahre lang hat das fwu in Kooperation mit dem Entsorgungsbetrieb der Stadt Siegen (ESi) das Projekt „SiSSi” (Simulation von Starkniederschlägen im Stadtgebiet Siegen) durchgeführt. Wesentliches Ziel des Forschungsvorhabens war es, sowohl die durch Starkregen oder Sturzfluten, als auch die durch Flusshochwasser potenziell gefährdeten Bereiche und Gebäude im Stadtgebiet von Siegen zu ermitteln. 2020 wurde das Projekt erfolgreich abgeschlossen – doch die Ergebnisse der „detailreichen, häuserscharfen“ Untersuchungen von rund 155 Kilometern Gewässer und 600 Kilometern Kanäle des Stadtgebiets sind nicht öffentlich. Sie liegen derzeit lediglich dem fwu und ESi vor. Prof. Jensen: „Sie wurden aber nicht einfach in die Schublade gepackt. ESi war und ist hier ein innovativer Partner und wird die Ergebnisse verwerten.”

Prof. Dr. Jürgen Jensen appelliert, dass man die Bevölkerung auf Flut-Katastrophen vorbereiten solle.

Karten öffentlich zugänglich

Aufschluss über die potentielle Bedrohungslage durch Flusshochwasser für die Krönchenstadt bieten hingegen öffentlich zugängliche Hochwassergefahrenkarten. „Die kennt nur kaum jemand”, kritisiert Prof. Jensen. Entsprechend gebe es – auch in Siegen-Wittgenstein – kein reelles Risikobewusstsein für die Gefahren, die vom Wasser ausgehen. Das Kartenmaterial der Bezirksregierung Arnsberg bildet Flusshochwasser an bestimmten Fließgewässern ab. Sie simulieren für die Siegener Unterstadt im Extremfall Wassertiefen von bis zu vier Metern Höhe im bebauten Bereich. „Dabei ist zu beachten, dass, so hat es sich im Ahrtal gezeigt, selbst die in den Karten dargestellten extremen Ereignisse noch deutlich übertroffen werden können”, sagt Sebastian Gürke.

Sebastian Gürke, Mitarbeiter fwu an der Uni Siegen, hat das Stadtgebiet genau unter die Lupe genommen.
  • Sebastian Gürke, Mitarbeiter fwu an der Uni Siegen, hat das Stadtgebiet genau unter die Lupe genommen.
  • Foto: tip
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Sprich: Hätte dieses Unwetter Siegen getroffen, wäre die Unterstadt regelrecht abgesoffen. Am fwu kann man das alles am Computer simulieren. Die Berechnungen sind mehrere Terrabyte groß und brauchen selbst mit Hochleistungsrechnern teils Wochen. Sogar Dammbrüche an Talsperren sind simulierbar. Für die Obernau hat man dies schon getan. Im Ergebnis stünden nach Angaben der Forscher alleine Sachschäden in Höhe von bis zu einer Milliarde Euro zu Buche. Auswirkungen bis nach Niederschelden wären dann denkbar. Apokalyptische Szenarien, die so niemals eintreten werden? „Ein häufiger Trugschluss”, findet Dr. Sebastian Niehüser vom fwu. „Und ein Problem des Risikobewusstseins.

Jahrzehntelange Sicherheit als häufiger Trugschluss: Davor warnt Dr. Sebastian Niehüser.

Nur, weil man jahrzehntelang in Sicherheit gelebt und Sturzfluten noch nie erlebt hat, heißt das nicht automatisch, dass sie nicht passieren können oder werden.” Die Forscher arbeiten bei ihren Berechnungen daher mit Wahrscheinlichkeiten: Wie oft kommt ein Starkregen wie im Ahrtal wohl vor, was ist seine Wiederkehrzeit? „Hochwasserschutz wird für gewisse Bemessungsgrößen dimensioniert”, erläutert Prof. Jensen. Grundsätzlich sei aus Sicht der Ingenieure alles absicherbar. Aber man müsse Kosten und Nutzen in die Risikoabwägung mit einbeziehen.

Sturzfluten auch am Berg

Einig sind sich die Forscher, dass das Siegener Stadtgebiet im Falle eines Starkregens Vor- und Nachteile besitzt. Ein Vorteil sind die zahlreichen Waldflächen. Die halten gewisse Regenmengen zurück – wenn auch aufgrund der wegbrechenden Baumbestände im Zuge der Borkenkäferplage längst nicht mehr so gut wie noch vor einigen Jahren. Ein großer Nachteil sind aber die vielen Hanglagen. „Starkregen ist anders zu bewerten als ein Flusshochwasser”, sagt Sebastian Gürke. Sturzfluten könnten überall auftreten, auch am Rosterberg oder am Giersberg.

Hier eine Hochwassergefahrenkarte, die beispielhaft die Sieg und die Stadt Siegen zeigt.

Und die Kölner Straße, die steilste Einkaufsstraße in Deutschland? „Das Wasser würde da mit mindestens zwei bis drei Metern pro Sekunde herunter schießen. Auch Erosionen sind denkbar”, prognostiziert Prof. Jensen.

Die Vorwarnzeiten würden dann nur wenige Minuten betreffen. Prof. Jensen appelliert: „Wir müssen Hochwasser-Katastrophen vordenken. Klare Verhaltensweisen für die Bevölkerung müssen mehr Thema werden. Ich halte zudem auch Evakuierungsübungen für das Siegener Stadtgebiet für sinnvoll. Klar ist: Solche Unwetter werden in der Zukunft häufiger auftreten. Wir werden das nicht verhindern können. Aber so viele Todesopfer wie jüngst – das darf nie wieder passieren.”

Übersicht der Gefahrenkarten: www.siegener-zeitung.de/gefahrenkarten

Autor:

Tim Plachner

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