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Wanderweg von Greifenthal zur Burg Greifenstein führt durch die Dörfer der französischen Protestanten
Auf den Spuren der Hugenotten

Immer imposant: Burg Greifenstein.
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  • Immer imposant: Burg Greifenstein.
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sz - Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein gewährte den protestantischen Flüchtlingen Zuflucht. Heute erinnert ein Wanderweg an ihr Schicksal und ihre Lebensart. Wilfried Lerchstein ist ihn gegangen.
sz Daubhausen/Greifentahl. Sie flohen vor Unterdrückung, flüchteten, um das Leben zu retten, die Hugenotten unter der Herrschaft Ludwig XIV. Und ließen sich auch in unserer Gegend nieder. Wilfried Lerchstein ist auf dem Hugenottenwanderweg ihren Spuren gefolgt.
Zwar begrüßt man sich heute in Greifenthal und Daubhausen nicht mehr mit „Bonjour“, aber bis etwa 1825 wurde am Südrand des Lahn-Dill-Berglandes nur Französisch gesprochen. Das galt selbst für die Schulen und in der Kirche.

sz - Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein gewährte den protestantischen Flüchtlingen Zuflucht. Heute erinnert ein Wanderweg an ihr Schicksal und ihre Lebensart. Wilfried Lerchstein ist ihn gegangen.
sz Daubhausen/Greifentahl. Sie flohen vor Unterdrückung, flüchteten, um das Leben zu retten, die Hugenotten unter der Herrschaft Ludwig XIV. Und ließen sich auch in unserer Gegend nieder. Wilfried Lerchstein ist auf dem Hugenottenwanderweg ihren Spuren gefolgt.
Zwar begrüßt man sich heute in Greifenthal und Daubhausen nicht mehr mit „Bonjour“, aber bis etwa 1825 wurde am Südrand des Lahn-Dill-Berglandes nur Französisch gesprochen. Das galt selbst für die Schulen und in der Kirche. Denn der evangelische Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein (1651–1724) nahm ab 1685 aus Frankreich geflohene Hugenotten auf. Der Begriff Hugenotte ist ja bekanntermaßen eine französische Verballhornung des deutschen Wortes „Eidgenosse“, als die die „Verschworenen“ gesehen wurden.
Am 13. April 1598 hatte König Heinrich IV. von Navarra (1553–1610) im Edikt von Nantes den Hugenotten, den seit etwa 1560 so bezeichneten calvinistischen Protestanten im katholischen Frankreich, religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt, andererseits aber den Katholizismus als Staatsreligion festgeschrieben. Zunehmende Diskriminierungen und Schikanen während der Regentschaft seines Enkels, des französischen Königs Ludwig XIV. (1638–1715) gipfelten im Widerruf des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau am 18. Oktober 1685. Hatten auch vorher schon unterdrückte und drangsalierte Hugenotten Frankreich verlassen, setzte daraufhin trotz des königlichen Verbots eine regelrechte Auswanderungswelle und Massenflucht von mehr als 160 000 Hugenotten ein. Ein Viertel von ihnen kam nach Deutschland (vgl. Bericht in der SZ zum „Désert“, dem Zufluchtsort im Süden Frankreichs).

Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein gewährte Asyl

Der Greifensteiner Graf ließ für 190 von ihnen aus dem von ihm erworbenen Ort Daubhausen 17 von 20 der einheimischen Familien, die Entschädigungen erhielten, gegen ihren Willen in benachbarte Ortschaften umsiedeln. Außerdem stellte er den Hugenotten ein Waldgebiet mit einem Meierhof zur Verfügung, aus dem ab 1690 das Dorf Greifenthal hervorging.
Von dem 2000 Kilometer langen europäischen Kulturfernwanderweg „Hugenotten- und Waldenserpfad“ mit dem Wanderzeichen „blauer Kreis über grüner Linie“ entfallen 1000 Kilometer auf Deutschland. Ein Teil davon ist auch der am 12. September 1999 eingeweihte „Historische Hugenotten-Wanderweg“. Er verbindet als Tagestour auf einem 18,4 Kilometer langen Rundkurs in der Gestalt einer Acht die geschichtlichen Stätten in Greifenthal, Daubhausen, den „Welschen Born“ und Burg Greifenstein. Diese Wanderung kann auch in eine nördliche und eine südliche, jeweils etwa gleich lange Rundwegetappe aufgeteilt werden. Die als mäßig schwer bezeichnete Wanderstrecke führt auf auch für Straßenschuhe tauglichen, überwiegend befestigten Wegen durch zumeist hügeliges Gelände und ist ganzjährig begehbar. Als Gehzeit (ohne Pausen und Besichtigungen) sind ca. fünf Stunden zu veranschlagen.

Startpunkt: Hugenottenbrunnen in Greifenthal

Startpunkt ist der Hugenottenbrunnen am Ortseingang von Greifenthal, einem Ortsteil der Gemeinde Ehringshausen. Auf ihm ist das Bibelzitat „Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen“ aus Matthäus 25, 35 in französischer Sprache angebracht: „J’étais étranger, et vous m’avez accueilli – Matthieu 25/35“. Das Hugenottenkreuz ist das Erkennungszeichen der reformierten Kirche Frankreichs. Es zeigt zwischen den vier Armen des Kreuzes, die auf den Mittelpunkt als die „Gemeinde unter dem Kreuz“ zeigen, vier für die Reinheit stehende Lilien sowie auf den Zackenspitzen acht kleine für die Seligpreisungen in der Bergpredigt stehende Kreise. Das Hugenottenkreuz ziert ebenso eine der vier Seiten der Brunnensäule wie die sich darunter befindende herabfliegende Taube als Symbol des heiligen Geistes. Außerdem ist auf dieser Brunnenseite noch die Durchhalteparole der Hugenotten zu lesen: „Résistez!“, auf deutsch „Widersteht!“ im Sinne von „Bleibt standhaft!“ – auch in Erinnerung an die berühmte Gefangene der Hugenotten, Marie Durand, die 38 Jahre lang in Aigues-Mortes gefangen war. Damit widersetzten sich die Hugenotten dem absolutistischen Anspruch des französischen Königreiches und seiner Machtausübung auch in Glaubensfragen.
Die Gründungsfamilien von Greifenthal kamen aus der französischen Region Dauphiné (mit dem Hauptort Grenoble), dem Tal der Drôme und dem Queyras. Symbol der Dauphiné ist der Delfin, weshalb die beiden Wasserspeier am Greifenthaler Hugenottenbrunnen in Form der intelligenten Meeressäuger gearbeitet sind. „Der Hugenottenbrunnen ist ein Symbol der Verbundenheit Frankreichs mit dem Hugenottendorf Greifenthal“, ist auf dem nebenan am 29. April 2012 eingeweihten Gedenkstein zu lesen. Am von einer Waldquelle gespeisten Hugenottenbrunnen überquert man zunächst die Umgehungsstraße und biegt in den Tannenweg ein. Das Wanderzeichen für den Historischen Hugenotten-Wanderweg zeigt das Hugenottenkreuz mit der Taube. Direkt hinter einem einzeln stehenden Haus führt der Weg als schmaler Pfad rechts in den Wald. Das folgende Wegstück ist im Volksmund noch heute als der Totenweg bekannt. Das Hugenottendorf Greifenthal besaß in den Anfangsjahren nach der Gründung keinen eigenen Friedhof. Die Toten mussten daher diesen Weg entlang zum gemeinsamen Friedhof in Daubhausen getragen werden.

Sehenswert: die Hugenottenkirche von Daubhausen

Hat man die ansteigende Strecke bewältigt, biegt man nach links ab in Richtung Daubhausen. Schon von Weitem sieht man die barocke ev. Hugenottenkirche, deren Schiff 1710 als Saalkirche an einen Wehrturm aus dem 13. und 14. Jahrhundert angebaut wurde, um den Hugenotten den mühsamen Weg auf die Burg Greifenstein zum Gottesdienst zu ersparen. Eine 1935 in der Kirche angebrachte Gedenktafel erinnert an die 1703 in Daubhausen und Greifenthal lebenden, etwa 230 Seelen zählenden 59 Hugenottenfamilien. Darunter ist auch zweimal der Familienname Arabin vertreten. Ein Nachfahre dieser Hugenotten war übrigens der vielen Älteren im Siegerland noch gut bekannte Gynäkologe Dr. Hans Arabin (1920 –1990), der gemeinsam mit seiner Ehefrau von 1962 bis 1984 in Siegen-Weidenau in der Luisenstraße 15 eine Privatklinik (heute Fliednerheim) betrieben hat.
In der Kirche ist ein hölzernes Hugenottenkreuz rechts neben der Kanzel an der Wand befestigt. Auch innen befindet sich über dem Chorbogen, der Turm und Schiff verbindet, ein aufgemaltes Hugenottenkreuz mit dem Schriftzug „Résistez“ darüber. Auf dem Abendmahlstisch liegt eine französische Bibel von 1779.
Hans-Martin Spehr (Tel. (0 64 43) 81 05 47) ist aktiv im Hugenotten-Freundeskreis Daubhausen/Greifenthal. Für Besuchergruppen besteht jederzeit nach vorheriger Terminvereinbarung mit ihm die Möglichkeit zur Besichtigung dieser Kirche und des 2008 eröffneten „Dorf- und Hugenottenmuseums Alte Schule Daubhausen. In Corona-Zeiten gelten allerdings andere Bedingungen für Führungen.
An der Hugenottenkirche knickt der Wanderweg von der Borngasse rechts über die Ulmer Straße in Richtung Welscher Born ab. Auf der bergauf führenden Wegstrecke erreicht man nach ca. 2,5 Kilometern im Ulmer Wald den Welschen Born. Als Welsche wurden u. a. Menschen aus dem romanischen Sprachraum bezeichnet.

Wichtig: der Welsche Born

An dieser 1985 neu gefassten Quelle stieß nach der Überlieferung der Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein 1685 während einer Jagd auf die bereits erwähnten 190 Hugenotten, die sich wegen ihres reformierten Glaubens auf der Flucht befanden. Bis hierhin hatten sie eine Wegstrecke von 1200 Kilometer zurückgelegt. Tatsächlich hatten sich diese Hugenotten schon vor dem Verlassen ihrer Heimat von einem von ihnen nach Greifenstein gesandten Boten die Aufnahmebereitschaft des Grafen versichern lassen. Dieser gewährte den „Réfugiés“ Zuflucht, gab ihnen eine neue Heimat und gewährte ihnen Privilegien. Denn seine Grafschaft profitierte wirtschaftlich sehr von den handwerklichen Fähigkeiten, die die Neuankömmlinge vor allem im Textilgewerbe mitbrachten. Im Freiheitsbrief vom 26. August 1722 wies der Graf den Hugenottenkolonien Stadt- und Marktrechte sowie eine eigene Gerichtsbarkeit zu.
Vom Welschen Born folgt man der „Hohen Straße“, früher ein wichtiger Handelsweg von Frankfurt über Wetzlar nach Köln, in Richtung Greifenstein. Verlässt man beim Abstieg den Wald, sieht man unten rechts das alte Forsthaus. Weiter bergab geht man auf einem Wiesenweg, überquert die Straße L3282 und biegt nach wenigen Metern beim alten Forsthaus Langer Grund auf einen gut befestigten Wanderweg ein. Der Weg führt links am Forsthaus vorbei. Der Beschilderung folgend durchquert man zunächst das Gelände der Pneumologischen Klinik Waldhof Elgershausen und erreicht dann auf dem allmählich ansteigenden Weg den Ort Greifenstein. Hier wird man von der imposanten Anlage der 1969 dem Greifenstein-Verein  geschenkten Burgruine Greifenstein (441 Meter über NN) erwartet, die man umrunden, aber auch besichtigen sollte.

Greifenstein: immer eine Besichtigung wert

Die bereits 1298 durch den Wetterauer Städtebund zerstörte Burg ist ab 1381 von den Grafen Johann von Solms-Burgsolms und Ruprecht dem Streitbaren von Nassau-Sonnenberg gemeinsam wieder aufgebaut worden. Nach 1602 zum Renaissance- bzw. ab 1676 zum Barockschloss mit mächtigen Befestigungsanlagen ausgebaut, verfielen die Bauten mit der Zeit, nachdem Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein, der 1693 nach dem Tod von Graf Heinrich Trajektin Erbe der ausgestorbenen Linie Solms-Braunfels wurde, ins Schloss Braunfels umgezogen war. Von den markanten Doppeltürmen des Bergfrieds kann man den Blick in die Weite des Greifensteiner Landes im hessischen Westerwald genießen.
Der Nassauer Turm mit seinem runden Dach und der von einem drachenartigen Greif als Wetterfahne gekrönte Bruderturm (spitzes Dach) sind durch einen begehbaren, überdachten Steg miteinander verbunden. Auch die barocke Schlosskirche und das Museum Glockenwelt im Bollwerk Rossmühle sind während des Rundgangs einen Besuch wert.
Anschließend verlässt man das Burggelände durch die Äußere Thalpforte, ein Torhaus, in dem mittlerweile ein Dorfmuseum und die Burggalerie untergebracht sind. Nach rechts abbiegend, führt dann die letzte Etappe unterhalb am Burgberg vorbei auf dem zunächst auch mit dem besser sichtbaren Wanderzeichen [II] markierten, anfangs geteerten Weg von Greifenstein wieder zurück nach Greifenthal. Man wandert zunächst am Talbach entlang stetig bergab und biegt kurz vor dessen Einmündung in den Grundbach rechts ab, um bachaufwärts im Langen Grund wieder zum Forsthaus zu gelangen. Von dort geht es zunächst an der Landstraße und dann, links abbiegend in die Straße Lärcheneck, nach rechts am Waldrand und unterhalb einer Wochenendhaussiedlung entlang.
Vorbei am Hugenottenhaus Maison Rambaud im Hugenottenweg 3, in dem man in exklusiven Kochseminaren die hugenottische Küche erleben und erlernen kann, kommt man nach Durchquerung des Dorfs wieder zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung, dem Hugenottenbrunnen am anderen Ende von Greifenthal.
Wilfried Lerchstein

Autor:

Redaktion Kultur

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