Auf der Suche nach den Parallelen

Verknüpfung Musik/Chemie blieb an der Oberfläche / Beachtliche spielerische Leistungen

aww Siegen. Eine von der Uni Siegen initiierte kammermusikalische Veranstaltung mit Neuer Musik unter dem Motto »Konzert zum Jahr der Chemie«? Da war mit einem handverlesenen Publikum zu rechnen. Doch obgleich die Massen am Mittwoch erwartungsgemäß nicht gerade die Türen zum Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule einrannten und auf den Zuhörerrängen große Lücken klafften, war das Publikumsinteresse für ein Konzert dieser Art vergleichsweise groß. Mag es daran gelegen haben, dass der in Siegen aufgewachsene Dirigent Robin Engelen wieder einmal zu einem Heimspiel in der Aula angetreten war? Oder war es die ungewöhnliche Themenstellung, die den einen oder anderen Musikliebhaber – vielleicht auch Chemiker? – in den Konzertsaal lockte? Zumal auch ein Vortrag zum Thema »Musik und Chemie« auf dem Programm stand – eine interdisziplinäre Verquickung, die in der Tat dazu angetan war, neugierig zu machen. Indes: Viel Erhellendes war nicht zu erfahren. Engelen versuchte in seinem etwas lang geratenen Referat, Parallelen in beiden Disziplinen anhand der Prozesshaftigkeit des Wechsels der Aggregatzustände von Wasser im Vergleich mit Bewegung und Entwicklung in einem Musikstück darzulegen. Obschon die Ausführungen von einem Teil seiner Musikerkollegen durchaus anschaulich verklanglicht wurden, blieb nach dem Vortrag letztlich doch das Empfinden eines allenfalls sehr oberflächlichen Zusammenhangs zwischen Chemie und Tonkunst zurück. Vielleicht, weil die beiden Fächer eben doch kaum echte Gemeinsamkeiten haben? Musikalisch indes geriet das Konzert mit dem belgischen Quintett »Het Collectief (Ensemble voor actuele Muziek)« und der Sprecherin Jacqueline Janssen unter der Gesamtleitung von Robin Engelen immerhin zum Erlebnis. Mit dem sehr bildhaften, atmosphärischen Werk »4 encores« für Klavier solo des jüngst verstorbenen Komponisten Luciano Berio eröffnete Thomas Dieltjens den Abend sehr stimmungsvoll. Wie vereinzelte Tropfen eines leichten abendlichen Sommerregens »fielen« die Töne im ersten, harmonisch erstaunlich traditionell anmutenden, sanften Satz »Wasserklavier«. Dynamisch nachdrücklich, harmonisch etwas gewagter, immer noch sehr luftig dann das »Erdenklavier«, bevor das leichte Blasen einer sommerlichen Brise sehr schön im wirbelnden Umspielen des Orgeltons im »Luftklavier« hörbar wurde. Mitunter krasse Dissonanzen im hektischen Finalsatz »Feuerklavier«, bei dem allerdings ebenfalls ein schon fast penetrant sich in den Vordergrund spielender gleichbleibender Ton als »tonales Zentrum« (nicht im Sinne von Funktionsharmonik) fungiert. Ein beeindruckendes Stück Musik, für dessen einfühlsame Darbietung Thomas Dieltjens zu Recht mit viel Applaus belohnt wurde. Von Werner Heider, Grenzgänger zwischen Jazz und Neuer Musik, stammt die zur Zeit ihrer Entstehung im Jahre 1971 sicherlich experimentelle Komposition »Kunst-Stoff« für Elektro-Klarinette, präpariertes Klavier und Tonband. Heute versprüht diese Art der Instrumentierung eher einen schon fast antiquiert anmutenden Charme – auch wenn Thomas Dieltjens und Benjamin Dieltjens (Klarinette) das Tonbandgerät inzwischen mit einem handlichen, tragbaren CD-Player getauscht haben. Bearbeitete der Klarinettist seinen Instrumentenklang mit Hilfe der Elektronik (Oktaver), griff der Pianist auf herkömmliche Präparationsmittel wie eine Metallkette und Taschenbücher zurück, um die Schwingungen der Klaviersaiten zu manipulieren. Die rhythmisch freie, atonale, oft hektische Musik ließ erstaunlich kalt – auch die eingespielten »Naturgeräusche« wie dumpf-verfremdete menschliche Stimmen vermochten nicht, die klinisch-sterile Atmosphäre zu durchbrechen. Das komplette Ensemble – Toon Fret (Flöte/Piccolo), Benjamin Dieltjens (Klarinette/Bassklarinette), Wibert Aerts (Violine/Viola), Martijn Vink (Violoncello), Thomas Dieltjens (Klavier), Jacqueline Janssen (Sprechstimme) und Robin Engelen (Dirigat) – war schließlich bei dem spannenden Unterfangen der Vertonung von 21 Gedichten Albert Girauds zu erleben. Zu den von Otto Erich Hartleben übersetzten kurzen Texten komponierte Arnold Schönberg noch vor seiner dodekaphonischen Zeit die kurzen, atonalen Stücke »Pierrot Lunaire« op. 21, die allesamt von intensiver Expressivität und schon fast gespenstischer Atmosphäre sind. Ebenso wie die fantastischen, teils makabren Szenen, die Giraud mit ungeheurer Wortgewalt beschreibt. Allein die Verbindung von Wort und Klang wollte auf der Bühne nicht recht gelingen. Die Sprechstimme war zu leise im Verhältnis zur Musik, so dass das Publikum weder das gesprochene Wort noch die Musik und schon gar nicht deren Kombination so recht mitschneiden und auf sich wirken lassen konnte. Für die zweifellos sehr beachtliche spielerische Leistung erhielten die Akteure aber verdientermaßen anhaltenden Beifall.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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