SZ-Plus

Mutter und Tochter haben sich wegen Corona vier Wochen lang nicht gesehen
Aus Liebe auf Abstand

Alle bemühen sich, etwas Alltag aufrechtzuerhalten: Franziska Rente, Nele Löcker und Stephanie Freund (v. l.).
3Bilder
  • Alle bemühen sich, etwas Alltag aufrechtzuerhalten: Franziska Rente, Nele Löcker und Stephanie Freund (v. l.).
  • Foto: Sarah Benscheidt
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sabe Siegen. Seit vier Wochen hat Heike Löcker ihre Tochter Nele nicht mehr gesehen, sie nicht mehr wie gewohnt zum Arzt begleitet, nicht mit ihr gelacht, sie nicht umarmt.Nele wohnt im Haus Marienborner Straße im Siegener Stadtteil Hain. 2018 hat der Träger „Bethel.regional“ hier einen großen, barrierefreien Neubau mit 24 Plätzen für erwachsene Menschen aus Siegen-Wittgenstein mit ganz unterschiedlichen geistigen und körperlichen Handicaps oder komplexen Mehrfachbehinderungen gebaut.
Teilhabe am LebenAuf dem Weg zur Einrichtung streift der Blick Supermarkt, Bäckerei und Metzger, auch Friseur und Eisdiele sind in der direkten Nachbarschaft sowie die alte Hainer Schule mit dem Heimatverein. „Uns geht es um Teilhabe am Leben, an Gemeinschaft und um Eingliederung.



sabe Siegen. Seit vier Wochen hat Heike Löcker ihre Tochter Nele nicht mehr gesehen, sie nicht mehr wie gewohnt zum Arzt begleitet, nicht mit ihr gelacht, sie nicht umarmt.Nele wohnt im Haus Marienborner Straße im Siegener Stadtteil Hain. 2018 hat der Träger „Bethel.regional“ hier einen großen, barrierefreien Neubau mit 24 Plätzen für erwachsene Menschen aus Siegen-Wittgenstein mit ganz unterschiedlichen geistigen und körperlichen Handicaps oder komplexen Mehrfachbehinderungen gebaut.

Teilhabe am Leben

Auf dem Weg zur Einrichtung streift der Blick Supermarkt, Bäckerei und Metzger, auch Friseur und Eisdiele sind in der direkten Nachbarschaft sowie die alte Hainer Schule mit dem Heimatverein. „Uns geht es um Teilhabe am Leben, an Gemeinschaft und um Eingliederung. Dazu gehört eine Form von Alltag, Selbstbestimmung, individuelle Förderung“, sagt Patrick Beci. Der Bereichsleiter hat sich für ein Gespräch auf Abstand Zeit genommen und führt dabei durch die offene Anlage. Die Blumen blühen kräftig, hinter den Glasfronten lassen sich offene, moderne Räume erahnen. An den Fenstern hängen noch gebastelte Ostergrüße, drinnen wird fleißig gewerkelt. Drei Mitarbeiter der AWo-Werkstatt arbeiten gemeinsam mit einigen Bewohnern an einem Projekt. Fast wie gewohnt. Nur dass sonst in externer Stätte getüftelt wird, nur dass sonst die Rollstühle nicht so weit auseinanderstehen und die Gesichter nicht mit Masken bedeckt sind.

Routine trotz Corona aufrecht erhalten

„Nur dass“ wiegt viel. Corona hat das Leben in der Einrichtung massiv verändert. Trotzdem bemühen sich alle, etwas Routine aufrecht zu erhalten, das gibt Sicherheit, schenkt Vertrauen. „Wir versuchen so viel Normalität, wie es geht.“ Corona macht den Anspruch zum Kraftakt. Viel muss aufgefangen und dabei mit aller Sorgfalt auf die hygienischen Maßnahmen geachtet werden. Externe Angebote, wie Hunde- oder Musiktherapie, sind bis auf Weiteres eingestellt, gemeinsames Mittagessen geht nur mit Distanz, an Ausflüge in die Stadt ist nicht mehr zu denken, die vertrauten Pfleger tragen Mund- und Nasenschutz, und einige Räume wurden – den vorgegebenen Maßnahmen folgend – als Isolations- und Quarantänebereiche eingerichtet, alles (der Situation geschuldete) Eingriffe in die so gewachsenen und so wichtigen Alltagsstrukturen.

Ängste abbauen

„Wenn beispielsweise durch die nötigen Masken plötzlich nur noch die Augen sichtbar sind, löst das Ängste aus“, sagt Patrick Beci. „Viele merken, es ist etwas anders, das ist für uns gerade die größte Herausforderung, diese Ängste abzubauen.“ Die gebe es natürlich auch auf Seiten der Angehörigen: „Eltern, die trotz Besuchsverbot und aus Sehnsucht kommen und ihre Kinder sehen wollen, vor der Tür abweisen zu müssen, ist hart.“

Eine Herkulesaufgabe

Das multiprofessionelle Team arbeitet für ein Stück Normalität mit Höchstleistung. „Es ist ein ganz anderes Arbeiten, lange Dienste, eine völlige Umstrukturierung des eigenen Alltags“, sagt Franziska Rente. Kollegin Stephanie Freund, die gleichsam Teil des Pflege- und Betreuungsteam ist, zieht ihre Kraft für diese Herkulesaufgabe aus der Dankbarkeit der Bewohner und Eltern. „Ein Anruf mit lieben Worten, ein kleines Mitbringsel, das Wissen, dass die Angehörigen ihre Liebsten hier gut aufgehoben fühlen.“ Trotzdem: Die psychische Belastung, „das Virus von außen nicht mit in die Einrichtung zu schleppen“, sei hoch, weiß Patrick Beci um die Sorgen seines Teams. „Das ist eine Extremsituation für alle.“ Die zu händeln, stehe und falle mit dem Team. „Alle machen hier einen Wahnsinns-Job.“

Schmerz über die Trennung

Das Wohl ihrer Tochter, so weiß Heike Löcker, steht auf 32 Paar starken, stützenden Schultern. Beim Gespräch aus der Distanz, aber mit Sonne und dem stetigen Plätschern der Weiß im Hintergrund, strahlt volle Dankbarkeit aus ihren Zügen, aber auch der Schmerz über die Trennung mischt sich dazu. Seit dem 23. März herrscht absolutes Besuchsverbot, auch für Eltern. Vorher konnten Familien ihre Angehörigen auch nach Hause holen. Für die Selbstständige, gerade im Hinblick auf den gesundheitlichen Aspekt, schier unmöglich zu stemmen. Nele braucht aufgrund ihrer schweren komplexen Mehrfachbehinderung eine durchgehende Pflege- und Betreuungsperson. „Hier ist Nele wesentlich besser aufgehoben.“

Quälende Gedanken

Manchmal kommen die dunklen Gedanken aber trotzdem: „Was ist, wenn das Virus ins Haus kommt? Was ist, wenn der schlimmste Fall eintritt?“ Wenige der Bewohner könnten schließlich selbstständig abhusten. Auch die Vorstellung eines stationären Aufenthalts im Krankenhaus, der im Nachgang verbunden ist mit Isolations- und Quarantäne-Vorsichtsmaßnahmen, ist für die Mutter ein schlimmer Gedanke: „Mein Kind braucht Leute, Tagesstruktur, gemeinsames Essen. Wie hier, dann ist meine Tochter einfach glücklich.“ Schmerzliche Gedanken versuche sie irgendwie wegzudrücken, sie wolle irgendwie weitermachen. „Manchmal denke ich, wir wären im Urlaub, da können wir Nele ja auch mal für zwei Wochen nicht sehen, jetzt sind es mittlerweile schon vier …“

Hoffen auf einen positiven Nachhall

Umso dankbarer ist Heike Löcker, die gleichzeitig auch Vorsitzende des Fördervereins „Unser Zuhause“ ist, für Anrufe von Mitarbeitern mit der Botschaft „Nele geht es gut, mach dir keine Sorgen“, für das ständige und immerwährende Kümmern, für die Übernahme von Aufgaben wie Arztbesuche, die sie sonst nie aus der Hand gegeben hat, durch Corona aber geben muss. Sie hofft, dass womöglich nach der Krise ein Nachhall bleibt: „Nicht nur das Klatschen von den Balkonen oder die Merci-Schokolade, die Menschen müssen dementsprechend entlohnt werden.“

Eine intensive Zeit

Froh sei sie, dass mit dem Förderverein ein Unterstützer mit im Boot sei, der gerade auch während dieser schwierigen Zeit kleine Stimmungsaufheller, aber auch wichtige Anschaffungen von notwendigen Geräten übernehmen könne. Trotzdem: Corona macht auch hier Sorge – das im vergangenen März geplante Benefizkonzert, „und das ist nur ein Beispiel“, musste abgesagt werden.
Ein Trost ist für Heike Löcker, dass durch die Situation im „Außen“ ins „Innen“ noch mehr Zuhause eingezogen ist: „Die Bewohner und die Mitarbeiter haben sich noch intensiver kennengelernt als vorher“; sie seien, wenn auch nur symbolisch, noch enger zusammengerückt. Ähnliche Worte zum Abschied auf der Außenterrasse bleiben von Patrick Beci im Ohr: „Manchmal sind es gerade die Krisen, die einem zeigen, „wie das große Ganze zusammenhält“.

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Entspannt von zu Hause erfahren, was die Region bewegt.

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Die kalte und dunkle Jahreszeit ist längst angebrochen. Es beginnt die Zeit für kuschelige Decken, wärmende Tees und natürlich Stoff zum Lesen. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung....

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen