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Abwrackprämie reicht nicht
Autozulieferer wollen wieder Gas geben

Die Branche muss wieder auf Touren kommen: 15 bis 20 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland, Unternehmer Arndt Kirchhoff kommt bei seiner Rechnung auf bis zu 6 Millionen, seien direkt oder indirekt vom Auto abhängig – es handele sich damit um einen besonders relevanten Industriezweig.
  • Die Branche muss wieder auf Touren kommen: 15 bis 20 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland, Unternehmer Arndt Kirchhoff kommt bei seiner Rechnung auf bis zu 6 Millionen, seien direkt oder indirekt vom Auto abhängig – es handele sich damit um einen besonders relevanten Industriezweig.
  • Foto: Gerd Altmann, Pixabay
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

js Siegen/Bad Berleburg/Olpe Das Gaspedal wurde nur sehr behutsam gedrückt, als sich am Dienstag Vertreter der Automobilindustrie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über eine mögliche Unterstützung der Schlüsselindustrie in der Corona-Krise austauschten. Eine zweite „Abwrackprämie“ ist damit vorerst nicht in Sicht. Per Telefonkonferenz verabredeten die Teilnehmer zunächst, sich in einer Arbeitsgruppe weiter über „konjunkturbelebende Maßnahmen“ auszutauschen, hieß es am Nachmittag. Dabei solle es um einen „Modernisierungsbeitrag in Richtung innovativer Fahrzeugtechnologien“ gehen. Ergebnisse sollen erst in einem Monat diskutiert werden.

js Siegen/Bad Berleburg/Olpe Das Gaspedal wurde nur sehr behutsam gedrückt, als sich am Dienstag Vertreter der Automobilindustrie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über eine mögliche Unterstützung der Schlüsselindustrie in der Corona-Krise austauschten. Eine zweite „Abwrackprämie“ ist damit vorerst nicht in Sicht. Per Telefonkonferenz verabredeten die Teilnehmer zunächst, sich in einer Arbeitsgruppe weiter über „konjunkturbelebende Maßnahmen“ auszutauschen, hieß es am Nachmittag. Dabei solle es um einen „Modernisierungsbeitrag in Richtung innovativer Fahrzeugtechnologien“ gehen. Ergebnisse sollen erst in einem Monat diskutiert werden.

Auftragseinbußen und Kurzarbeit

Auch in Südwestfalen hängen zahlreiche Zulieferer am Tropf der Automobilindustrie, haben entsprechend mit Auftragseinbußen, ruhenden Produktionshallen und Kurzarbeit zu kämpfen. Die SZ hörte sich in der Branche nach der aktuellen Lage um und fragte stichprobenartig nach, ob staatliche Hilfen und Anreize wie Kaufprämien vonnöten sind.

In Elektromobilität investieren

Für Ejot, Automobilzulieferer mit Sitz in Bad Berleburg, stellt sich laut Unternehmenssprecher Andreas Wolf in der gegenwärtigen Krisensituation die grundsätzliche Frage: Wie viel Geld haben wir in Deutschland überhaupt (noch), und wie setzen wir es möglichst sinnvoll und nachhaltig ein? Zu vermeiden sei ein Strohfeuer, also ein Effekt, der schnell wieder verpuffe. „Insofern würde sich anbieten, intensiv in die Ladeinfrastruktur zu investieren, um darüber die Kaufbereitschaft für Elektromobilität anzukurbeln.“

Millionen Arbeitsplätze

In der Automobilindustrie steckten direkt oder indirekt 1,8 Millionen Arbeitsplätze mit einer nachgelagerten Wertschöpfungskette in viele Bereiche. Es müsse beobachtet werden, wie und ob sich die Branche in den nächsten Monaten wieder erhole. „Eine Kaufprämie hätte sicher auch einen solidarischen Effekt in Richtung der europäischen Nachbarländer, weil dort sehr viele Zulieferer sitzen (insbesondere Italien/Spanien).“ Auch Kleinwagen aus europäischen Nachbarländern könnten profitieren, so Wolf.

Nachfrage bleibt abzuwarten

Die Sauerländer Kirchhoff Automobile Holding mit einem Sitz in Attendorn ist ebenfalls massiv betroffen vom Shutdown, wie geschäftsführender Gesellschafter Arndt Kirchhoff, zugleich Arbeitgeberpräsident NRW, berichtet. Als Automobilzulieferer sei das Unternehmen auf Gedeih und Verderb auf den Verkauf der Hersteller angewiesen. Wie das Nachfrageverhalten der Kunden sich nun entwickele, sei abzuwarten. Corona habe die Welt nun einmal „ganz schön verändert“.
Derzeit seien nur noch etwa 10 Prozent der Mitarbeiter im Autozuliefererbereich von Kirchhoff in der Produktion. Der Unternehmer hofft, dass es nun wieder losgeht – „wenn auch sehr langsam“. Am heutigen Mittwoch rechnet Arndt Kirchhoff damit, dass die Regierung nach dem langen Stillstand endlich eine Perspektive gibt.

Produktion ab sofort möglich

Sollte die Nachfrage wieder angekurbelt werden, wäre die Produktion in seinem Unternehmen sofort möglich, die notwendigen Vorkehrungen seien getroffen. Das wichtige deutsche System mit dem Kurzarbeitergeld könne nicht endlos greifen. „Dafür muss die Wirtschaft aber wieder in einem bestimmten Tempo anspringen.“ 15 bis 20 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland, Kirchhoff kommt bei seiner Rechnung auf bis zu 6 Millionen, seien direkt oder indirekt von der Automobilbranche abhängig – sie sei damit ein besonders relevanter Industriezweig.

Kaufanreize setzen

Arndt Kirchhoff betont, dass es jetzt wichtig ist, die Arbeitsaufnahme durch Kaufanreize zu finanzieren, anstatt weiter Kurzarbeitergeld oder gar Arbeitslosengeld zu bezahlen. Nur so erhalte der Staat auch wieder Einkünfte aus Lohn-, Gewerbe- und Umsatzsteuer. Auch für Europa seien Kaufanreize in Deutschland hilfreich, da die Autoindustrie und auch der Maschinenbau 60 Prozent der Vorleistungen in europäischen Ländern wie Spanien, Frankreich oder Polen einkauften. Kirchhoff hebt den Zusammenhang zwischen Energiewende, Mobilitätswende und Digitalisierung hervor. Corona habe die Bearbeitung dieser wichtigen Aufgaben mitten in ihrem Lauf ausgebremst, jetzt könnten sie wieder einen Schub gebrauchen. „Wir müssen durch die Transformation“, sagt Kirchhoff. „Mit Investitionen in die Energiewende und die Digitalisierung.“ Diesen Aufgaben gelte es, sich weiter zu stellen. „Und wenn es geht, eine Zündstufe draufsetzen.“

E-Mobilität und Erhalt der Arbeitsplätze verbinden

Kirchhoff stellt sich einen „Klimasprung“ beim Auto vor und meint damit nicht allein Elektromobilität. Es könnten Anreize gegeben werden, Fahrzeugflotten gegen klimaschonendere auszutauschen. Ein moderner Diesel sei besser als ein batteriebetriebenes Auto, das nicht ausschließlich mit „grünem“ Strom fahre. Der Erhalt der Arbeitsplätze solle verbunden werden mit der Beschleunigung eines Schrittes, „den wir sowieso machen müssen“.

Abhängig von Autoindustrie

Die Firma Wilhelm Schumacher ist ebenfalls arg gebeutelt von der pandemiebedingten Flaute in der Autoindustrie. Mit bis zu 85 Prozent seiner Produktion ist das Hilchenbacher Unternehmen als Zulieferer abhängig von dieser Sparte. Nur jeder Fünfte Beschäftigte habe derzeit noch zu tun, erklärt Geschäftsführer Dr. Frank Pahl, vor Mitte bis Ende Juni rechnet er auch nicht mit einer deutlichen Besserung der Lage. Ob politisch verordnete Kaufanreize der beste Weg seien? Darüber denke er zwiegespalten. Natürlich würde er sich freuen, wenn das Geschäft wieder belebt würde und die Wirtschaft in Gang käme. Ein Strohfeuer wie bei der Abwrackprämie sei wirtschaftlich nicht sinnvoll.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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