Bändigung der Musik-Welten

Philharmonie, Harris und Pianist Gavrilov überzeugten beim S-Klassik-Konzert

gmz Siegen. Haben Sie die Fratres vorbeiziehen sehen, am Freitagabend in der gut besuchten Siegerlandhalle? Die Philharmonie Südwestfalen ließ nämlich zum Auftakt der neuen Konzertsaison im S-Klassik-Konzert (eine gute »Institution« im Musikgeschehen) singende Mönche auf ihrem Weg in die Kirche vorbeiziehen. Die Musiker evozierten dabei die eindringlichen Melodien der Mönchsgesänge und horchten auf den Klang ihrer gemessenen Schritte mit strukturierendem Echo, das in den hohen Gängen eines Klosterbaues den Verlauf ihres Weges markiert. Die fast synästhetische Interpretation von Arvo Pärts »Fratres« (es hätte nicht überrascht, wenn die »hörbaren« Fratres zu »sichtbaren« geworden wären!) eröffnete das erste »reguläre« Siegener Konzert der Philharmonie unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Russell N. Harris. Russell N. Harris hat sich ja bereitsmit mitreißenden Open-Air-Konzerten und dem fulminanten »Last-Night«-Auftakt (die SZ berichtete) einen guten Ruf beim heimischen Publikum erworben, den er mit diesem Konzert festigte und erweiterte: Die Faszination der Musik vermag der neue Chefdirigent, davon konnte man sich am Freitag überzeugen, nicht nur bei den Stücken zu vermitteln, die durch ihre musikalische Konzeption Publikum und Musiker ohnehin zum »mits(w)ingen« einladen, sondern auch bei den Werken, die eher sperrig wirken, die ein Einhören verlangen, die musikalische (und menschliche) Welten umfassen, die eine intensive Auseinandersetzung verlangen. Bei Pärts Gesang der Mönche bestach Harris’ Darbietung durch klare Strukturen, die die Aufmerksamkeit auf die Spannung lenkte, die durch variierende Wiederholung entstehen kann. Sergej Rachmaninoffs Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18 faszinierte durch die gekonnte und gekonnt inszenierte Interpretation des Klavierparts durch den bekannten Pianisten Andrei Gavrilov, die durch den intensiven Dialog mit dem Dirigenten, dem Orchester und vor allem mit dem Flügel entstand. Der Solist spielte »mit dem«, nicht am Klavier, entwickelte und zelebrierte die verschiedenen Phasen des Stückes, vom zögernden Eintauchen in die Abgründe der Musik, über dramatische Ausbrüche gelangte er zu geradezu ekstatischer Klangfülle, intimer Reflexion, beglückender Klangmacht, zu bewegter Gefühls- und befreiter Tonwelt: Andrei Gavrilov schien auf den Flügel einzureden, ihm in inniger Zwiesprache zuzuhören, wies ihn auf die »Positionen« des Orchesters hin, schien ihm Töne zu entreißen, Geheimnisse zu entlocken – oder sie ihm mit Verve »zurückzugeben«. Die Bändigung der musikalischen Lebensfülle war das Gebot dieses Stückes, eine Bändigung, die musikalisch ebenso gelang wie sie in Mimik und Gestik des Solisten nachzuvollziehen war! In den vom Publikum begeistert geforderten Zugaben, vier an der Zahl, bewies der aus Russland stammenden Pianist, dass er seine Stücke nicht nur »im Griff« hat, sondern auch voller Selbstironie, beinahe als Parodie auf das »Pianistsein« auf die »Einflüsterungen des (Musik-)Teufels« einzugehen vermag, ihnen zu erliegen scheint, um ihnen – für einen Moment nur – zu entfliehen: Wäre Andrei Gavrilov am Ende von Prokovievs »Suggestions diaboliques« nicht so abrupt vom Flügel weggelaufen, wer weiß, was geschehen wäre? Den Schmelz eines Romeo-und-Julia-Gehabes jedenfalls entlarvte er in genialer Weise als (durchaus ernst zu nehmende!) Pose! Den Abschluss des Konzertes bildete Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll (gerade während des ruhig-feierlichen Beginns allerdings leider störend von Aufräumgeräuschen in der Pausen-Bar »untermalt«). Ihr feierlich-nachdenklicher Beginn führt zu einem gewaltigen musikalischen Stimmungsaufbruch, den Russell N. Harris wieder in melodiöse Form überführt. Die von Michael Nassauer wunderbar (und am Ende mit einem Extra-Applaus versehenen) elegisch ausgebreiteten Horn-Passagen, der »Duette« mit Holzbläsern folgen, münden in opulentes Ton-Spiel, das sich selbst, nach »Gesprächen« zwischen den einzelnen Stimmen über rhythmische Form-Spielereien in eine majestätische, manchmal dramatische, manchmal episch breite Erzählung von der Macht der Musik und der Menschen überführt. Eine Erzählung, die der Dirigent sehr geformt enden lässt. Den »Wechsel« aus dieser Welt vollzieht er dann allerdings erst durch den begeisterten und anerkennenden Applaus des Publikums!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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