Bäume retten, Biber essen

Weiteres Wachstum nicht ausgeschlossen: Werner Koczwara mit seiner Brühwürfel-Verpackung. Foto: bö

Siegen. Noch ist die von den europäischen Volksvertretern angemahnte Sitzordnung im Kabarett Utopie, aber wer die EU und ihre Kommissare kennt, der glaubt gerne, dass diese Verordnung nur einen Schaumkuss weit entfernt ist. Am Samstagabend im gut besuchten Lÿz-Schauplatz machte ein zukunftskritischer Werner Koczwara mit dezent schwäbelnder, aber dennoch ausgesprochen flinker Zunge deutlich, wie so eine richtig gerechte Platzausnutzung im europäischen Geiste aussehen könnte: Vorne hocken die kleinwüchsigen Menschen und die Schwerhörigen, die „Kanten“ müssen nach hinten rücken, und die Blinden sitzen in der allerletzten Reihe. Weil die ja bekanntlich ein besonders feines Gehör haben.

Schwarzer Humor ist Koczwara, dessen Pointen-Sammlung an Onkel Dagoberts wohlgefüllte Geldschränke erinnert, nicht fremd. Ein Umwelt-Statement wie „Heute rette ich einen Baum. Ich esse einen Biber!“ muss einem schließlich erst einmal einfallen. Im Gegensatz zum ollen Duck lässt Werner Koczwara, für einen Schwaben durchaus ungewöhnlich, vielleicht aber von der EU per Dekret verfügt, den Rest der Welt an seinem Vermögen teilhaben. Zwei Stunden lang reiht er, alles andere als sparsam damit umgehend, Pointe an Pointe, und das Publikum lacht sich schlapp.

Und was so harmlos daherkommt, hat oft eine politische Dimension. Wenn er sich über die Zukunftsangst lustig macht, bringt er es auf den Punkt: „Wer den Kopf in den Sand steckt, der muss mit dem Hintern atmen.“ Drastisch zwar, aber da ist was dran, wenn man bedenkt, was dabei rauskommt ... Wie etwa bei dem Suppenwürfel, der eigentlich in konzentrierter Form Würze in die Brühe bringen soll. Der gepresste Geschmacksträger ist zwar noch genauso klein wie früher, die Umverpackung lässt aber eher eine Familienpackung Cornflakes als Inhalt vermuten.

Koczwara lässt sein Publikum nicht im Unklaren, warum das so ist: „Damit die Warnhinweise alle darauf passen!“ Irgendwann so sinniert er, sei die Packung zwei Meter hoch, dann werde zu jedem Brühwürfel ein Anwalt mitgeliefert. Der Kabarettist, der zum vierten Mal im Lÿz gastiert, scheut aber auch nicht davor zurück, die „heiligen Kühe“ des deutschen Frühstückschutzgebiets satirisch zum Kochen zu bringen. Wie er über die Eierproduktion von freilaufenden Hühnern, inklusive der gemeinsamen Geburtsvorbereitung mit dem Hahn, ablästert, das ist schon das Gelbe vom Ei.

„Kabarett über alles. Außer Tiernahrung“ ist der Titel des Programms, das nahezu jeden Bereich unseres Daseins auf seine Zukunftsfähigkeit abklopft, Das Spektrum reicht von Jugendlichen ohne Erziehungshintergrund, die ihre Hosen an Kette hinter sich herziehen, bis zum Jahr 2057, in dem die künstliche Intelligenz der Roboter die menschliche eingeholt haben soll. Nun sind Zeitreisen eigentlich nicht, aber für den Kabarettisten doch möglich. Der kann zwischen den Jahrhunderten pendeln und die Verbindung zwischen dem Lehnswesen und dem Darlehnswesen herstellen. Des Deutschen liebste Uhrzeit stellt der wortmächtige Schwabe fest, ist Fünf vor Zwölf, aber selbst dann, das macht Werner Koczwara in zwei Stunden intelligenter Unterhaltung deutlich, kommt die Menschheit mit Überlegung und Humor noch weiter.Auch wenn man nach Werner Koczwaras Lesung aus der neuen Juristischen Wochenschrift, die muss beim Autoren des bekannten Programms „Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“ einfach sein, wieder ins Zweifeln kommt. Höhepunkte hat dieser Abend viele, etwa die Rechenaufgabe mit dem Bauern und seinen Milchkühen, die sich als funkelnder Kleinkunst-Brillant entpuppt, das zum Frust lösenden Lachen animiert, ohne den Aus-Knopf am Gehirnskasten drücken zu müssen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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