Bahnfahren - eine Odyssee

 Siegerländer Frust am Gießener Bahnhof, wenn der Zug nicht kommt. Leider kein Einzelfall. Foto: bjö

bjö - „Nä, wat is dat furchtbar.“ Der Siegerländer Akzent der älteren Bahnreisenden am Gießener Bahnhof ist nicht zu überhören. Ihr Genervt-Sein auch nicht. 25 Minuten Verspätung soll ihr Zug nach Siegen haben. Immerhin wird er fahren.

Ein Kreuztaler, der an dem Abend von Frankfurt mit der Hessischen Landesbahn (HLB) nach Siegen und weiter bis Kreuztal reisen will, hat schon beim Start zusammen mit einigen hundert Fahrgästen den Zug verlassen müssen. Ein Mitarbeiter verkündet über Bordlautsprecher, dass die Verbindung komplett ausfallen muss.

Wie günstig, dass auf dem Gleis gegenüber ein Bummelzug nach Dillenburg steht. Zumindest die Richtung stimmt. Und der ist von der Deutschen Bahn. Der Zugbegleiter hat zumindest davon gehört, dass ein anderer Zug der HLB im Frankfurter Westbahnhof mit Defekt ein Gleis blockiert und das Chaos verursacht. Sein Kommentar: „Es sind zwei verschiedene Firmen, und die kommunizieren nicht miteinander. Aber das ist von oben so gewollt.“

Dem Kreuztaler kommt das bekannt vor. Von Kreuztal mit dem leicht verspäteten „Abellio“-Zug gestartet, wollte er vor einiger Zeit mal wieder nach Frankfurt reisen. Kurz vor dem Siegener Bahnhof sah er seinen Anschlusszug der HLB davonbrausen. Warten? Warum? Man hat ja nichts miteinander zu tun – zwei verschiedene Unternehmen. Leider kein Einzelfall. Dass man als Zugreisender nicht so schnell klein beigeben sollte, hat der Kreuztaler so erlebt: Da hatte die HLB in Gießen nicht auf die verspätete Ankunft einer DB-Verbindung gewartet, so dass eine nächtliche Heimreise mit dem Taxi bis Kreuztal fällig wurde. Klar, die Bahn wollte die Kosten zunächst nicht erstatten. Erst heftiger postalischer Widerspruch führte zum Einlenken.

Zurück zum Bummelzug ab Dillenburg: „Jeden Tag haben die einen Schaden - einen Dachschaden“, schimpft eine Reisende im überfüllten Gang. „Jeden Tag ist irgendetwas.“ Bahnfahren hat auch Gutes: Die Menschen rücken zusammen, solidarisieren sich, kollektiver Frust. Die leidgeprüfte Mitfahrerin Richtung Siegen hat noch mehr zu erzählen: Einmal habe sie am Bahnhof keinen geöffneten Schalter gefunden und der Ticketautomat habe kein Geld angenommen. „Die Schaffnerin hat mich daraufhin behandelt wie eine Schwerverbrecherin. Aber ich bin doch nicht schuld, wenn der Automat nicht funktioniert.“

Während die Website der „Hessischen Landesbahn“ ihre Verbindung von Frankfurt nach Siegen als „ausgefallen“ deklariert, weiß der Server der Deutschen Bahn offenbar schon mehr und zählt während der laufenden Zugfahrt im Internet die Verspätungsminuten hoch. Siehe da: 30 Minuten nach Fahrplanzeit nimmt der Zug in Gießen auch die drei genervten Siegerländer mit in Richtung Heimat. Der Zugbegleiter entschuldigt sich mehrfach für die „immense Verspätung“, setzt auf Deeskalation, läuft ansprechbereit durch den Zug und beantwortet Fragen, so gut er kann. Mit nur 20 Minuten Verspätung – immerhin – fährt die HLB in Siegen ein. Auf ein anderes Gleis, als die Anzeigentafel fälschlicherweise ankündigt. Egal. Bis zur Weiterfahrt nach Kreuztal bleibt noch Zeit für ein Weizen in der Bahnhofstraße, der Anschluss ist ja eh weg. Und für einen Plausch mit besagtem Zugbegleiter, der sich in der Dienstpause ein Eis im Stehen gönnt. „Da ist einiges verquer gelaufen“, resümiert er den Zugdefekt.

Je länger man mit ihm redet, desto sympathischer wirkt er. Und beinahe kommt beim Bahnkunden Mitgefühl auf, als er beteuert: „Wir machen es ja nicht mit Absicht. Aber manchmal ist einfach der Wurm drin.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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