Barocker Schelmenroman

ars Siegen. Zwischen seinen Erfahrungen als Tiefbauarbeiter im Kombinat „Schwarze Pumpe“ und dem anschließenden Philosophiestudium in Leipzig oszilliert auch die 2008 bei Suhrkamp erschienene Schwanksammlung „Machwerk. Oder das Schicksal des Flick von Lauchhammer“ des Lyrikers, Dramatikers und Prosaisten Volker Braun, aus der er jetzt im Apollo-Theater Siegen (in der „Poetry@Rubens“-Reihe) eine Auswahl vorlas.

Die inneren Beweggründe Brauns erschlossen sich vor allem aus den für einen wortgewaltigen Dichter erstaunlich unfertigen und emotional vorgetragenen Erläuterungen und Reminiszenzen an ein barockes Dresden, in dem er zwischen Trümmern aufwuchs, die er im Nachhinein trotz oder gerade wegen der Zerstörung, des Ruinösen, als „schön“ einschätzt. Auch dem vergangenen Staat und seiner abgewickelten Schwerindustrie gewinnt die Schwanksammlung Substanz ab, die sich in der Figur des jetzt 60-jährigen Meisters Flick auf nicht widerspruchsfreie Weise verdichtet.

In der Welt von Hartz IV wird der ehemalige „Held der Arbeit“ zu einem sehr barocken Don Quichotte, einem Grobian, der ohne Arbeit nicht leben kann. In ebenso grotesken wie existenziellen Anläufen sucht er, für sich Arbeit wiederzugewinnen und seinen „nutzlosen“ Enkel mit der Ersatzreligion Arbeit anzustecken.

Sprachlich bis zum Manierismus am barocken Schelmenroman geschult, werden die Themen Arbeit, Heimat, Utopie unter der Ägide des globalisierten Kapitalismus verhandelt. „Flick“ bedeutet im Mitteldeutschen Arbeit und Werk schlechthin. Hohe Industrieanlagen werden zu Kathedralen, das Leben der Lausitzer ist im Guten wie im Schlechten durchdrungen und geformt von bereitgestellter oder entzogener Arbeit. Als Utopie bleibt, es möge alles wenigstens für den letzten Menschen bereitet werden, damit es ihm gut ginge. Aber wie?

Nach der etwa einstündigen Prosalesung schloss sich der Vortrag von 14 Gedichten aus den letzten drei Jahrzehnten an. Noch deutlicher als bei den Schwänken stand hier das poetisch Konkrete, zumeist ein Ort, unter dem geschichtsphilosophischen Blickwinkel; der Mikrokosmos tendierte dazu, die Fatalitäten des Makrokosmos, durchaus mit persönlicher Erfahrung gesättigt, zu illustrieren. Wie die barocke Vanitas-Allegorie deutete auch der Leguan in der Ruinenwelt einer vergangenen Hochkultur nur auf ein großes Umsonst und einen verständigen Beobachter. Hieß es 1989 noch „Aus dem dogmatischen Schlummer geweckt“, so galten spätere Einlassungen dem (französischen) „Weststrand“, „Lyon“ und „Lagerfeld“.Die Gedichte nach 1990 schienen viel stärker aus einem lokalen Blickwinkel heraus gefühlt und entworfen als die vor der Wende. Niemand, der sich nicht „eingeschlossen“ imaginierte, hätte so über den Markusplatz in Venedig schreiben können. Das ständige Hinsehen auf die „Dialektik“, auf das große Ganze, kontrastierte mit einer selbst gewählten Enge, die sich in der unterstellten Aversion der Sachsen gegen Militärisches zur Heimatfront verdichten konnte.Zwei anschließende Fragen aus dem Publikum gaben Braun die Möglichkeit, weitere Erinnerungen auf ihre Befähigung abzuklopfen, sinnbildlich wirken zu können. Flick wurde nach der Wende ein Mann des „Furor melancholicus“. Auch der Dichter selbst leidet an der entwendeten, entkernten Heimat, mehr aber wohl daran, dass er den Verlust nicht wie Flick grobianisch kompensieren darf.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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