Was macht Solidarität der Menschen aus?
Bei Hilfsbereitschaft kein generelles Kalkül

Die Hilfsbereitschaft in den Hochwassergebieten ist unwahrscheinlich groß.
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  • Die Hilfsbereitschaft in den Hochwassergebieten ist unwahrscheinlich groß.
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tip Siegen. Prof. Dr. Stefan Kutzner ist Soziologe an der Uni Siegen. Im SZ-Interview spricht er angesichts der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz über Hilfsbereitschaft und Solidarität – und beantwortet dabei die Frage, warum sie auch ein Stück weit von Eigennutz geprägt ist.

Herr Prof. Kutzner, warum helfen wir Menschen uns einander in Notsituationen wie zum Beispiel der aktuellen Flutkatastrophe?
Das ist Solidarität in Gemeinschaft. Man lebt im Dorf oder in der Kleinstadt. Man kennt sich. Aber in Notsituationen sind nicht immer alle gleich stark betroffen. Oft ist es ungleich. Das bedingt eine wechselseitige Unterstützung. Man kann das vielleicht mit der Pflegebedürftigkeit in einer Familie vergleichen. Dann ist auch derjenige gefragt, dem es besser geht. Das ist übrigens universell, das gibt es in allen Gemeinschaften, unabhängig von der Größe.

Sie sprechen Hilfe und Solidarität in der unmittelbaren Nähe an. Warum gibt es nicht das gleiche Maß an Hilfsbereitschaft, wenn es beispielsweise eine Flutkatastrophe in China gibt?
Im Falle der jetzigen Flutkatastrophe sind es für die Menschen von hier keine großen Entfernungen. Das führt zu einer inneren Solidarisierung. Natürlich auch mit der Erwartung, dass wenn es einen selbst trifft, man dann auch der Empfänger von Hilfe sein wird. Das ist auch nicht falsch. Denn es bedeutet, dass man auf der Ebene von Gleichen ist.

"Es ist offensichtlich sehr wichtig,
Gutes zu bewirken, um sich seines
moralischen Selbstwertes zu vergewissern."

Prof. Dr. Stefan Kutzner
zum Thema Hilfsbereitschaft

Führt diese Erwartungshaltung dazu, dass man dazu neigt, die geleistete Hilfe dann auch nach außen zeigen zu wollen?
Es ist nicht zweckrational. Ein Kalkül möchte ich generell nicht unterstellen. Aber dass es gezeigt wird, ist wichtig für das Selbstwertgefühl, weil man dann eine Anerkennung erfährt.

Also geleistete Hilfe als Form der Bestätigung?
In einer Notsituation braucht man keine Bestätigung für die gute Tat. Sondern vielmehr die Bestätigung, dass die Hilfe auch etwas Gutes bewirkt hat. Aber es gibt natürlich auch Hilfen, um als Erbringer einer guten Tat zu gelten.

Prof. Dr. Stefan Kutzner, Soziologe der Universität Siegen.
  • Prof. Dr. Stefan Kutzner, Soziologe der Universität Siegen.
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Woher kommt eigentlich der Wille, solidarisch zu sein oder Gutes zu tun?
Das hat seine Wurzeln in der christlichen Caritas. Im Mittelalter konnte der Mensch durch gute Taten zeigen, dass er gottgefällig ist. Zum Beispiel durch Spenden gegenüber Armen, Bettlern, Invaliden oder Obdachlosen. Das sollte sichtbar sein, sichtbar vor Gott. Und das hat sich trotz Säkularisierung erhalten. Es ist offensichtlich sehr wichtig, Gutes zu bewirken, um sich seines moralischen Selbstwertes zu vergewissern.

Hilfsbereitschaft und Solidarität sind eine Ressource. Geldspenden oder auch Arbeitseinsätze in den Flutgebieten sind nicht unendlich möglich. Wie kann man sicherstellen, dass Menschen nicht überstrapaziert werden?
Ganz allgemein gesprochen: Solidarität ist eine Verpflichtung. Man kann loben: Schön, dass die Menschen so solidarisch sind. Aber man wird innerlich oder durch äußere Zwänge ein Stück weit zur Solidarität verpflichtet. Und das führt zu Kämpfen: Was kann man von Menschen, die solidarisch sind, erwarten und was nicht? In unmittelbaren Notsituationen - das sieht man ja auch aktuell - sind die Menschen bereit, sehr viel zu geben. Wenn es aber um Hilfe auf Dauer geht, zum Beispiel in der Pflegesituation in der Familie, kann das zu einer Überforderung führen.

Die Hilfsbereitschaft in den Hochwassergebieten ist unwahrscheinlich groß.
Prof. Dr. Stefan Kutzner, Soziologe der Universität Siegen.
Autor:

Tim Plachner

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